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Doping-Urteil : Steinweg freut sich zu früh

  • Aktualisiert am

Wie es scheint, hat sich sich Stefan Steinweg zu früh über seinen Freispruch vor dem Internationalen Sportgerichtshof gefreut, der die zweijährige Sperre des 34jährigen Bahn-Olympiasiegers von 1992 durch den Bund Deutscher Radfahrer (BDR) kassiert hatte. Denn der BDR will sich in seinem Kampf gegen Doping keineswegs geschlagen geben.

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          "Herzlichen Glückwunsch zu Deinem verdienten Freispruch!" - "Ich hab ja nie an dir gezweifelt ... Man sollte halt erst alles genau prüfen und nicht jedem Paparazi (sic) jedes Gerücht abkaufen. Eigentlich sollte über eine Schadenersatzklage nachgedacht werden."

          Wie es scheint, hat sich sich Stefan Steinweg zu früh über die Ermunterungen auf seiner Internetseite gefreut, als der Internationale Sportgerichtshof (CAS) in der vorigen Woche die zweijährige Sperre des 34jährigen Bahn-Olympiasiegers von 1992 durch den Bund Deutscher Radfahrer (BDR) kassiert hatte. Denn der BDR will sich in seinem Kampf gegen Doping, in dem er erstmals eine Zweijahressperre verhängt hatte, keineswegs geschlagen geben. Nach der ersten unangenehmen Überraschung über das CAS-Urteil, dessen ausführliche Begründung erst in einigen Wochen folgen soll, prüft das von Sylvia Schenk geführte BDR-Präsidium nun die Möglichkeit, Stefan Steinweg die Lizenz dennoch zu entziehen: wegen verbandsschädigendes Verhaltens. "In jedem Fall wollen wir verhindern, daß er einfach so weiterfahren kann", heißt es aus dem BDR über den Radsportler, der im Februar bei seiner Einreise nach Australien mit einer ansehnlichen Auswahl von Medikamenten erwischt worden war.

          BDR wertete die Angelegenheit als Dopingfall

          Die strafrechtliche Konsequenz kam prompt, ein australische Australien verbotene Medikamente beschlagnahmt. Prompt verurteilte ihn ein Gericht in Melbourne zu einer Geldstrafe von umgerechnet rund 400 Euro und der Zahlung der Gerichtskosten in annähernd gleicher Höhe. Anschließend erwartete Steinweg in Deutschland die sportrechtliche Folge seines Verstoßes. Der BDR wertete die Angelegenheit als Dopingfall, sperrte den Radprofi für zwei Jahre und verhängte überdies eine Geldstrafe in Höhe von 2000 Schweizer Franken.

          Von Doping jedoch will Steinweg bis heute nichts - oder heute nichts mehr - wissen. Auch nichts von Wachstumshormonen oder anderen verbotenen, leistungssteigernden Substanzen, die der australische Zoll in seinem Reisegepäck entdeckt hat. "Ich wurde in Australien wegen Urkundenfälschung verurteilt, weil ich die Frage nach Medikamenten auf dem Einreiseformular verneint hatte. Und wegen der Einfuhr unerlaubter Medikamente", versichert Steinweg auf Nachfrage der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. "Das war ein Schlafmittel, das in meiner Tasche gefunden wurde. Ich hatte es nicht versteckt, beim Blick in die Tasche war es für jeden sichtbar. Von Wachstumshormon und Testosteron war nie die Rede."

          Sportrechtliches Schlupfloch

          Durch seine erfolgreiche Klage gegen das BDR-Urteil ermutigt, hofft Steinweg nun, daß der nationale Verband ihn für die Nominierungswettkämpfe berücksichtigt und "ich mich für die Olympischen Spiele 2004 qualifizieren kann". Doch damit begibt sich der Australien-Reisende auf einen Holzweg, denn entgegen seinen Angaben entdeckte der australische Zoll sehr wohl Verbotenes: das menschliche Wachtumshormon Saizen. Vor dem Victoria's Court in Melbourne hat Steinweg am 12. Februar dieses Jahres auch alle Anschuldigungen zugegeben - in der Kenntnis, daß die australischen Behörden grundsätzlich keine Unterlagen herausgeben? Nur wegen des Berufungsverfahrens vor dem CAS sah sich die "Australian Sports Commission" gezwungen, dem Gericht die Akten zur Verfügung zu stellen.

          Daß es vor dem CAS trotz dieses Belastungsmaterials zum Freispruch kam, lag an einer sportrechtlichen Lücke, die im Februar noch als Schlupfloch einlud. Demnach hob der CAS das Urteil des BDR offenbar auf, weil Steinweg zum Zeitpunkt des Vergehens nicht im Besitz einer Radsportlizenz war. Genauer: Er hatte sie bei der Einreise nach Australien noch nicht in der Tasche. Steinweg hatte sie zwar beantragt, sie war laut BDR-Auskunft auch bereits auf dem Postweg und hätte rechtzeitig zu den geplanten Rennterminen in Australien ankommen sollen. Aber im Moment des Zollzugriffs reiste er als lizenzloser Radfahrer. Und fiel damit nicht unter die Sportgerichtsbarkeit des deutschen Verbandes.

          Lizenz-Antrag bewirkt rechtlich nichts

          Steinwegs Rechtsbeistand, der Hagener Strafrechtler Michael Aßhauer, bestätigte den Sachverhalt, den auch der Tauberbischofsheimer Jurist Thomas Bach, Vizepräsident des Internationalen Olympischen Komitees und Vorsitzender der CAS-Berufungskammer aus der Kurzbegründung des Urteils kennt. Im Regelwerk der Internationalen Radsportunion wird die Lizenz als kleiner Plastikausweis beschrieben, der für ein Jahr gilt und für das neue Jahr neu beantragt werden muß.

          "Die Lizenz", sagt Aßhauer, "muß in corpore vorliegen". Dies war bei Steinweg nicht der Fall. Sein Antrag sei eine "Willenserklärung" gewesen, "die rechtlich noch nichts bewirkt". Erst wenn der Verband den Antrag angenommen hat, wenn er ihn aus- und zugestellt hat, ensteht laut Aßhauer ein Vertrag. Im Moment von Steinwegs Verstoß aber war das noch nicht geschehen. Schon im März hat der Internationale Radsportverband, der die Regeln für seine nationalen Mitgliedsverbände vorgibt, das Loch gestopft. Nun können Radsportler bei entdeckten Verstößen gegen das Doping-Kontrollreglement, das sie zur Erlangung einer Rennlizenz unterschreiben und befolgen müssen, bestraft werden - unabhängig davon, ob sie im Besitz einer gültigen Fahrerlaubnis sind oder das Antragsverfahren läuft.

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