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Doping-Szene Deutschland : Wer sich wehrt, wird ausgespuckt

Der einsame Kampf des Biathleten Jens Steinigen, der sich in der DDR dem Doping verweigerte und zum Zerstörer seiner Sportart abgestempelt wurde.

          Olympia ist schuld. Die Winterspiele von 1972 in Sapporo faszinieren einen Sechsjährigen aus dem Erzgebirge. Die Wettkämpfe auf Biegen oder Brechen, Triumph und Niederlage in einem Augenblick. Jens Steinigen sitzt vor dem Fernseher und läßt sich packen von der Atmosphäre - und vom kolportierten Wert des Schauspiels. "Ich war überzeugt, Fairness, Chancengleichheit, Gerechtigkeit zählten." Für diese Ideale treibt er sich an die Grenzen, akzeptiert den militärischen Drill im Ausbildungslager Hochleistungssport. Steinigen wird mit zwölf Jahren Biathlet, läuft und schießt, bis zum Erbrechen, bis zur Serie von Volltreffern. Eben noch mit kraftvollen Schüben durch die Loipe gesaust, daß der Herzschlag in die Höhe schießt, jetzt schon das Gewehr im Anschlag, ausatmen, zielen, schießen. Klatsch, die Scheibe fällt. Steinigen kann alles: rennen, liegend und stehend mit traumhafter Sicherheit auf den runden Ausschnitt ballern. Vierzehn Jahre nach seinem Zuschauererlebnis sieht er sich selbst nach Olympia fahren. Die ganzen Entbehrungen in der Kinder- und Jugendsportschule Altenberg, dieser höheren Anstalt für Medaillenkandidaten, die Härten im Training beim Sportclub Dynamo Zinnwald, alles scheint sich gelohnt zu haben.

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Calgary ist schon 1986 das Zauberwort aller Nationalkader, Steinigen gehört zu den Auserwählten. Und deshalb kommt dieses Angebot. Ganz unverblümt. Sie sollen Pillen nehmen. "Der Mannschaftsarzt hat bei der Besprechung im Beisein der Trainer nicht lange drum herumgeredet", sagt Steinigen: "Das seien Dopingmittel." Begriffe schwirren durch die Luft: Konkurrenz, Klassenfeind, Kampfauftrag. Die anderen machen das sowieso. Steinigen nicht. Er will nicht, weil sein zwei Jahre älterer Teamkollege nicht will. Er will nicht, weil ihm nach dem rhetorischen Trommelfeuer zum Wohle des Sozialismus anderes in den Sinn kommt. Fairness, Gerechtigkeit, Chancengleichheit, Olympia 1972. "Da hatte es angefangen, deshalb wollte ich das doch, und nun sollte alles anders sein."

          April 2005: "Dr. Jens Steinigen" steht auf dem feinen Schild der Anwaltskanzlei in Traunstein. Ein schmuckes Haus, Jahrhundertwende, großzügiges Entree, hohe Wände, Flügeltüren, Bücherregale mit Gesetzeswerken. Der ehemalige Biathlet Steinigen steckt seit fast acht Jahren in Schlips und Kragen. Seit 2000 kämpft er als Anwalt in der Kanzlei Lenze standesgemäß ums Recht - meistens um das anderer. Beim Seniorpartner holt er eine Ausgabe seiner Dissertation: "Zivilrechtliche Aspekte des Dopings aus der Sicht des Spitzensportlers". Er sagt, er habe immer schon einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn gehabt. Wahrscheinlich ist Steinigen deshalb immer wieder gegen den Strom geschwommen. "Demokratischer Sport?" Steinigen lacht leise. "Die Autonomie gibt den Verbänden die Möglichkeit, restriktiv vorzugehen, außerhalb der Gesellschaftsordnung. Das hat viele Funktionäre geprägt."

          Und dann fehlt die Kraft

          Damals, in der Pillenstunde, hat Steinigen geschluckt für einen Moment, aber doch nicht geschluckt, was sie ihm - ohne Aufklärung über die Risiken - unterjubeln wollten. Nicht jede Pille konnten sie bei der Vergabe unter Beobachtung ausspucken, aber doch so viele, daß dem Olympiafan und -kandidaten beim entscheidenden Trainingslager im Oktober 1987 vor der abschließenden Nominierung für Calgary die Kraft fehlte. "Am Anfang konnte ich noch mithalten, aber dann fiel ich von Tag zu Tag weiter zurück. Der psychische Stress war enorm. Und dann kommst du den Berg hoch, bist drei Minuten zurück, und der Trainer brüllt dich an."

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