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Russischer Doping-Skandal : Wo bleibt der Schmerzensschrei?

  • -Aktualisiert am

Von Präsident zu Präsident: Thomas Bach (links) und Wladimir Putin in Sotschi Bild: dpa

Das IOC wollte über Thomas Bachs „Agenda 2020“ reden. Da platzte der russische Doping-Skandal in die Reformsession. Die Machenschaften in Putins Imperium stören gewaltig. Der IOC-Präsident ist dennoch bestens gelaunt.

          Wie weit liegt Monte Carlo von Russland entfernt? Schwer zu sagen, schon, weil diverse Oligarchen Fürst Alberts Glitzer-Ufo lieben – und einer der Reichsten unter ihnen, Dmitri Rybolowlew, mit seinen Abermillionen den AS Monaco wieder in die erste französische Fußball-Liga gebracht hat. Die russische Sportleidenschaft bringt aber nicht nur Glanz ins Fürstentum – sie wirft auch einen kalten Schatten auf die Außerordentliche Vollversammlung des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), die am Montag in Monte Carlo beginnt und eigentlich einer der Höhepunkte der olympischen Geschichte werden soll.

          Evi Simeoni

          Sportredakteurin.

          Der Reformkomplex des neuen Präsidenten Thomas Bach, genannt „Agenda 2020“, steht auf der Tagesordnung, die Session wird über 40 Empfehlungen abstimmen, die das IOC fit für die Zukunft machen sollen. Es geht unter anderem um Good Governance, um Transparenz und den „sauberen Athleten“. Gefeiert werden sollen die Werte des Sports, die nach dem Anspruch des IOC helfen, eine bessere Welt zu schaffen.

          Da stören die Berichte der ARD und der französischen Sportzeitung „L’Equipe“, die ein erschreckend vernetztes russisches Doping-System und Korruption bis in die höchste Ebene des Leichtathletik-Weltverbandes (IAAF) nahelegen, gewaltig. Wenn auch nur ein Teil der Beschuldigungen, die teilweise offen von Athleten geäußert werden, stimmt, treten die Machenschaften in Putins Imperium die vom IOC beschworene Botschaft des Sports mit Füßen. Schließlich ist Russland eine der bedeutendsten Sport-Mächte der Welt, als Gast- und Geldgeber und als Produktionsstätte von Siegern. Russische Sportler eroberten gerade bei ihren Heim-Winterspielen in Sotschi den ersten Rang der Nationenwertung. Dort, wo sie antreten, tun sie das stets, um zu gewinnen.

          Doch wo bleibt der Schmerzensschrei? Thomas Bach gab sich auf dem Weg zum ersten Tag der vorbereitenden Exekutivsitzung trotz der Nachrichtenlage bestens gelaunt. Gestählt in Krisenkommunikation wie alle Sportführer, zog er sich auf das juristische Terrain zurück. „Es ist zu früh, das zu beurteilen“, erwiderte er auf die Frage, ob der Russland-Skandal die olympische Bewegung beschmutzen könnte.

          „Also warten wir auf das Ergebnis“

          „Es sind ernste Anschuldigungen. Aber jeder, der betroffen ist, hat das Anrecht auf ein komplettes Verfahren. Also warten wir auf das Ergebnis.“ Die Ethik-Kommission der Leichtathleten soll untersuchen und mit der Ethik-Kommission des IOC zusammenarbeiten. Seine Reformen, erklärte Bach, seien etwas völlig anderes als Anschuldigungen, die die Vergangenheit beträfen. Dabei hätte Bach erstklassige Ansprechpartner, um auf Detailinformationen zu dringen.

          Etwa Andre Schukow, russischer Vollblutpolitiker, Präsident des Nationalen Olympischen Komitees und seit dem vergangenen Jahr IOC-Mitglied. Oder Lamine Diack, den Präsidenten des Internationalen Leichtathletik-Verbandes mit Sitz in Monte Carlo, dessen Organisation in den Medienberichten massive Korruption vorgeworfen wird. Diack ist seit 1999 IOC-Mitglied.

          68 russische Leichtathleten gesperrt

          Mit Craig Reedie, dem Chef der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) und Vizepräsidenten des IOC, hat Bach sich am Donnerstag getroffen, und es ist anzunehmen, dass dort klarerer Text gesprochen wurde als in der Öffentlichkeit. Die Wada ist für die Reglementierung und Koordination des weltweiten Anti-Doping-Kampfs zuständig und muss sich vom russischen Netzwerk blamiert und betrogen fühlen. Nach dem Treffen verriet der Brite, dass die Wada bereits „vor einiger Zeit“ Informationen über Doping in Russland an die Ethik-Kommission des Leichtathletik-Weltverbandes weitergegeben und Bach über diesen Schritt unterrichtet habe.

          So richtig überraschend können die Anschuldigungen der russischen Athleten in ARD und „L’Equipe“ also nicht gekommen sein. Schon die Statistik der Erwischten legt das nahe. Zurzeit sind 68 russische Leichtathleten wegen Dopings gesperrt. Gleichzeitig war Russland mit 17 Medaillen stärkste Nation bei den Leichtathletik-Weltmeisterschaften 2013 in Moskau. In anderen Sportarten, namentlich dem Gewichtheben, ist der offensive russische Umgang mit Doping-Mitteln seit langem ein offenes Geheimnis. Aber nicht nur der russische.

          Die Luft soll aus dem Skandal gelassen werden

          Auch der Welt-Fußballverband (Fifa), der seine Weltmeisterschaft 2018 nach Russland vergeben und mit Russlands Sportminister Witali Mutko einen echten Insider in ihrer Exekutive hat, will die Vorwürfe erst einmal prüfen. Sicherheitshalber gibt der Weltverband den Ball aber gleich an Reedie weiter. „Die Fifa steht in engem Kontakt zur Wada. Bis jetzt gibt es keine Hinweise, dass der Fußball betroffen sein könnte“, hieß es in Zürich. Für die Analyse der Doping-Proben bei der WM in Russland sei ein von der Wada zugelassenes Labor zuständig.

          „Es ist Aufgabe der Wada, dafür zu sorgen, dass das Labor die geforderten Unabhängigkeits- und Qualitätsvorgaben erfüllt, um gemäß Welt-Anti-Doping-Kodex zugelassen zu werden.“ So sieht der Versuch aus, die Luft aus einem Skandal zu lassen. Die hochdekorierte russische Stabhochspringerin Svetlana Feofanowa ist offenbar noch nicht so cool. „Der deutsche Film über unseren Sport ist schlimmer als Pornographie“, wird sie von der „Komsomolskaja Prawda“ zitiert. „Das ist Dreck. Die Deutschen sollen sich mal lieber um ihre eigenen Athleten kümmern.“ Das IOC allerdings ist für alle Athleten zuständig.

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