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Reaktionen zu Doping-Enthüllung : „Das ist nichts als Müll“

  • Aktualisiert am

Russische Athleten beim Einmarsch während der Eröffnungsfeier der Winterspiele in Sotschi Bild: dpa

Russland reagiert gereizt auf die neuen Anschuldigungen über systematisches Doping und fordert von Chefermittler McLaren konkrete Beweise. Von anderer Seite werden dagegen bereits harte Konsequenzen verlangt.

          Russland hat von Doping-Ermittler Richard McLaren konkrete Beweise für seine weiteren Vorwürfe gegen Moskau gefordert. „Es ist immer sehr einfach, Schuldige und Unschuldige in einen Topf zu werfen“, sagte die neue Aufsichtsratsvorsitzende der russischen Anti-Doping-Agentur Rusada, Jelena Issinbajewa. „Ich bezweifle, dass uns konkrete Beweise für eine Schuld gezeigt werden können, wenn wir darum bitten“, sagte die Stabhochsprung-Olympiasiegerin am Freitag.

          Deutlich wurde auch die Präsidentin des russischen Rennrodel-Verbandes, Natalia Gart: „Wie kann jemand Vorwürfe akzeptieren, die keine einzige Tatsache oder nur einen einzigen Namen enthalten. Der heute veröffentlichte McLaren-Report wird durch nichts bestätigt. Wo bleiben die Fakten? Man kann sagen, das ist nichts als Müll“, sagte sie gegenüber BBC Russia und ergänzte: „Alle unsere Athleten sind sauber“.

          „Wo sind die Beweise und die Zeugen“?

          Der Parlamentsabgeordnete Michail Degtjarjow reagierte ähnlich. „Bis jetzt hat McLaren über Doping in Russland nichts Neues gesagt. Irgendwelche „1000 Sportler“, wo sind die Beweise und die Zeugen?“, meinte der Chef des Sportausschusses in der Staatsduma. Und der russische Sportfunktionär Sergej Kuschtschenko kritisierte, der Bericht berücksichtige die jüngsten Anti-Doping-Bemühungen Moskaus nicht. „Außer Hinweisen auf Zeitungsartikel gibt es dort keine Beweise. Statt unsere offensichtlichen Schritte zur Doping-Bekämpfung zu bemerken, sucht jemand eine schwarze Katze in einem dunklen Zimmer“, sagte Kuschtschenko, der in Russlands neuer staatlicher Anti-Doping-Kommission sitzt, der Agentur Tass zufolge.

          Bezieht Stellung: Jelena Issinbajewa ist die neue Aufsichtsratsvorsitzende in Russlands Anti-Doping-Agentur

          Unterdessen fordert der Präsident des deutschen Leichtathletik-Verbandes, Clemens Prokop, den kompletten Ausschluss des Landes von internationalen Meisterschaften. „Die Konsequenz kann nur sein, dass der russische Sport bis zu einer glaubwürdigen Veränderung der Situation von allen internationalen Meisterschaften und Olympischen Spielen ausgeschlossen wird“, sagte der DLV-Chef am Freitag.

          Die Ergebnisse „treffen direkt in das Herz“

          Bei rund 1000 Athleten, die in das Doping in Russland involviert waren, müssten „mehr als zwei, drei Sportarten“ betroffen sein. Unter anderem sollen auch Dopingproben bei der Leichtathletik-WM 2013 in Moskau manipuliert worden sein. Auch das Internationale Olympische Komitee müsse nach diesem „fundamentalen Angriff auf die Werte des Sports“ mit Härte handeln. „Russland hat die Grundsätze des Fairplay und der Chancengleichheit im Wettbewerb mit Füßen getreten“, meinte Prokop.

          DOSB-Vorstandschef Michael Vesper fordert derweil ein umfassendes Verfahren und will einen Komplett-Bann des Landes für Olympia 2018 nicht ausschließen. „Die Anklage steht, jetzt müssen die schwerwiegenden Vorwürfe in sauberen und transparenten Verfahren aufgearbeitet werden“, sagte Vesper. „Die Vorwürfe aus dem ersten Bericht im Sommer waren heftig, aber das heute ist der Hammer“, kommentierte er und bezeichnete die mutmaßlichen Dopingpraktiken als „Angriff auf die Integrität des Weltsports, die dieser durch konsequentes Handeln abwehren“ müsse. Bis zu den Winterspielen 2018 in Pyeongchang sei nun genügend Zeit, „sauber zu prüfen und dann je nach Ergebnis durchzugreifen“, sagte der Chef des Deutschen Olympischen Sportbundes. Dann könne es „je nach Beweislage zu individuellen wie zu Kollektivstrafen kommen“.

          Darüber hinaus hat das Internationale Paralympische Komitee (IPC) die Ergebnisse des zweiten Doping-Reports über Russland als „beispiellos und erstaunlich“ gewertet. „Sie treffen direkt in das Herz von Integrität und Ethik des Sports“, hieß es in einer Stellungnahme des IPC am Freitag. Betroffen von dem Sportbetrug sind laut Wada-Bericht auch die Paralympics 2014 in Sotschi gewesen. Dort sollen von sechs Paralympics-Siegern die Urinproben manipuliert worden sein. „Wir stimmen zudem mit ganzem Herzen Professor McLaren zu, dass die beste Strategie nun ist, zusammenzuarbeiten, um das zerbrochene und diskreditierte Anti-Doping-System Russlands zu reparieren“, hieß es weiter. Das IPC hat dazu eine Task Force berufen.

          Auch die Nationale Anti-Doping-Agentur hat schockiert auf den zweiten Doping-Bericht von Richard McLaren reagiert. „Die neuen Fakten des Abschlussberichtes machen uns sprachlos“, erklärte die Nada-Vorstandsvorsitzende Andrea Gotzmann. „Die Details über systematisches, organisiertes und perfides Doping im russischen Sport sind erschütternd.“ Athleten seien in ein menschenverachtendes, staatliches System eingebunden. „Wir fordern nun mit Nachdruck Konsequenzen für die namentlich genannten Personen und Institutionen“, sagte Gotzmann.

          „Erneut wird der akute Handlungsbedarf deutlich. Zwingend notwendige Reformen der internationalen Anti-Doping-Arbeit müssen zeitnah umgesetzt werden.“ Dazu gehöre in erster Linie die Stärkung der Welt-Anti-Doping Agentur (Wada) in ihrer Unabhängigkeit und Handlungsbefugnis. Aber auch die Stärkung der Arbeit der unabhängigen nationalen Anti-Doping-Organisationen müsse ganz oben auf der Agenda stehen.  „Dem Sport haftet jetzt ein nachhaltiges Glaubwürdigkeitsproblem an. Wir müssen den sauberen Athleten das Vertrauen in die internationale Anti-Doping-Arbeit und faire, saubere Wettkämpfe zurückgeben“, meinte Gotzmann.

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          Außerdem hat die Sportausschussvorsitzende des Bundestages, Dagmar Freitag, die Erkenntnisse des zweiten McLaren-Reports als „unerträglich“ bezeichnet. Zugleich forderte sie IOC-Präsident Thomas Bach auf zu handeln. „Bislang ist er nur ein Mann von hehren Worten, aber keiner von Taten“, sagte die SPD-Politikerin. Jetzt sei Bach als Präsident des Internationalen Olympischen Komitees gefordert zu handeln und nicht nur zu reden. „Wir werden sehen, ob er sich erneut vor der Verantwortung drückt und den Fachverbänden die Erkenntnisse und Beweise wieder vor die Füße kippt“, meinte Freitag. „Natürlich muss jetzt die Forderung lauten, Russland von allen internationalen Meisterschaften auszuschließen, bis es in dem Land ein funktionierendes Anti-Doping-System gibt.“

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