https://www.faz.net/-gtl-74c6j

Doping: : Selbstverbesserung bis jenseits des Menschlichen?

  • -Aktualisiert am

Respekt vor der individuellen Leistungsgrenze? Bild: dpa

Höher, schneller, weiter: Die Überbietungslogik im Sport droht, nicht einmal vor den Grenzen des Menschenmöglichen haltzumachen. Warum wir über Doping der Vergangenheit sprechen müssen, um den Sport der Zukunft zu retten.

          4 Min.

          Wie will man die Weichen der Doping-Prävention in die Zukunft stellen, ohne die Doping-Vergangenheit öffentlich aufgearbeitet zu haben? Das ist schwer vorstellbar, wie sich an einem Teil der Ergebnisse unseres Forschungsvorhabens an der Humboldt-Universität in Berlin belegen lässt. Wir haben beschrieben, dass die von 1986 an vom Bundesinstitut für Sportwissenschaft (BISp) mit öffentlichen Mitteln geförderte multizentrische Studie „Regeneration und Testosteron“ nach unserer Einschätzung als Doping-Forschung anzusprechen ist. Zu den Bedingungen für die Förderung gehörte zwar, dass die Testosteronstudie „nur auf Regeneration und nicht auf Leistungssteigerung ausgerichtet“ sein solle. Doch wir konnten nachweisen, dass die Teilstudien von vornherein auch der leistungssteigernden Wirkung von Testosteron nachgingen, dass die Forschungsgruppen sich also über diese Bedingung hinwegsetzten.

          Das blieb durch eine Sprachregelung verdeckt, die im Anschluss an die Grundsatzerklärungen des Deutschen Sportbundes und des Nationalen Olympischen Komitees gegen Doping von 1977 und 1983 geschaffen wurde: Begriffe wie „Stabilisierung“ und „Substitution“/“Regeneration“, medikamentös wohlgemerkt, eröffneten die Option, am Einsatz von Substanzen zur pharmakologischen Leistungssteigerung festzuhalten, ohne nominell mit dem offiziellen Verbot in Konflikt zu geraten. Das war selbstverständlich Etikettenschwindel.

          Krankheitsneigungen und Belastungsschäden

          Das Bundesinnenministerium benutzte diese verschleiernde und verharmlosende Sprache noch 1991 in der Antwort auf eine kleine Anfrage der SPD. Die Mitglieder der Arbeitsgruppe „Doping-Fragen“ beim BISp, hieß es darin, „vertraten die Auffassung, dass im Sinne der Sportler wissenschaftlich zu klären sei, ob durch physiologische Testosterongaben zum Defizitausgleich eine schnellere Wiederherstellung eines normalen Gesundheitszustandes erreichbar wäre“.

          Diese Sprachregelung war mit der „Entschließung zur ,Grundsatzerklärung für den Spitzensport’“ 1983, auf die sich das BISp berief, unzulässig geworden. Im Namen der Deutschen Gesellschaft für Sportmedizin und Prävention hatte der Mediziner Herbert Reindell eine Erklärung zum Begriff der Substitution abgegeben, welche die „Substitution“ durch Anabolika oder Testosteron unmissverständlich ausschloss. Sollten die „von einem gesunden Organismus synthetisierten Substanzen“ wie Hormone nicht ausreichen, führte Reindell aus, so sei dies „als Grenze der individuellen Leistungsfähigkeit zu respektieren“.

          Ethisch problematisch war schon die Idee der medikamentösen Substitution oder Regeneration selbst. Spätestens in den 1980er Jahren sehen wir in einigen Sportdisziplinen wie der Leichtathletik eine überhöhte Trainingsbelastung. Bei den betroffenen Sportlern führte sie zu gravierenden gesundheitlichen Beeinträchtigungen wie Störungen der hormonellen Regulation, „katabole Stoffwechsellagen“ mit Krankheitsneigung und Belastungsschäden. Der Bundesausschuss Leistungssport des DSB hatte die entsprechende Trainingssystematik nach der Grundsatzerklärung 1977 mit initiiert. Auf das resultierende „Übertraining“ wurde nicht mit regenerativen Maßnahmen, etwa Pausen und Erholung, reagiert. Vielmehr wurde an der überhöhten Trainingsbelastung festgehalten und die medikamentöse Substitution bis hin zur Anwendung der anabolen Ursubstanz, des Testosteron, vorangetrieben.

          Das olympische Prinzip als Leistungsimperativ

          In der Frage der Veröffentlichung unserer Berichte mache ich mir Sorgen prinzipieller Art. Denn es droht, was der in Großbritannien arbeitende Bioethiker und Transhumanist Andy Miah beschreibt: die Freigabe von Doping und anderen Manipulationen des menschlichen Körpers. Für ihn ist die conditio humana nicht etwas Unveränderliches, sondern unterliegt der freien Gestaltungsmacht des Menschen. Das schließt auch technologische Eingriffe zur Überwindung biologischer Beschränkungen ein. Transhumanisten befürworten dies als Mittel zur „Selbstverbesserung“. Miah schreibt: „Das olympische Motto citius, altius, fortius kann betrachtet werden, als verewige es transhumanistische Vorstellungen über die Dynamik der Natur des Menschen. Miahs Einschätzung, dass das olympische Prinzip zum Transhumanismus führt, ist meines Erachtens richtig, auch wenn der Begründer der modernen Olympischen Spiele, Pierre de Coubertin, das wohl anders gesehen hätte. Jedoch: Ohne weitere normative Regulierung ist das olympische Prinzip schlicht ein Leistungsimperativ, dessen Überbietungslogik in den Doping-Sport führt und letztlich nicht einmal vor den Grenzen des Menschenmöglichen haltmacht.

          Das olympische Prinzip braucht neue normative Regelungen
          Das olympische Prinzip braucht neue normative Regelungen : Bild: dpa

          Die Verselbständigung des olympischen Leistungsprinzips ist ein gradueller Prozess, der es nicht leichtmacht, ethische Grenzüberschreitungen zum inhumanen Sport rechtzeitig und zielsicher zu erkennen. Miah sieht die entscheidende Grenze zu einem „posthumanen“ Stadium im Spitzensport bereits überschritten. In ihrer biologischen Konstitution und in ihrer Nutzung von Technologie als leistungssteigernder Ressource sieht er Spitzensportler von heute auf einem Leistungsniveau, das die Grenzen des bislang „Menschlichen“ hinter sich gelassen hat. Hätte Miah damit recht, wären alle Anti-Doping-Bemühungen im Spitzensport gescheitert. Vielleicht noch beunruhigender aber wäre, dass die Grenzüberschreitung zum Posthumanen in der spitzensportlichen Praxis sich ganz unvermerkt, abseits der öffentlichen Aufmerksamkeit, vollzogen hätte.

          Verlust der humanen Leistungskultur

          Das ist nicht alles: Miah hofft auf eine „Normalisierung“ transhumaner Technologien auch in der außersportlichen Gesellschaft und schließt mit dem Ausblick, dass es für Menschen möglich sei, „Posthumans“ zu werden und zugleich davon überzeugt zu sein, dass diese Qualitäten grundsätzlich menschlich bleiben. Diese Vision müssen wir sehr ernst nehmen. Wir stehen an einem Scheideweg: Noch steht es in unserer Entscheidung, ob diese Vision eines (bio-)technologischen Qualitätswandels des „Menschlichen“ selbst Wirklichkeit werden soll oder nicht. Eine offen geführte gesellschaftliche Selbstverständigung über die normativen Bedingungen und Grenzen menschlicher Leistungssteigerung ist heute vielleicht dringender als je zuvor. Wenn diese Diskussion unterbleibt, ist zu befürchten, dass die Eigendynamik der pharmakologischen und biotechnologischen „Selbstverbesserung“ unumkehrbare Fakten schafft. Dann ist es zu spät, den Verlust dessen rückgängig zu machen, was wir heute noch bewahren können: eine humane Leistungskultur im Sport.

          Holger J. Schnell, promovierter Philosoph, lebt in Berlin als freiberuflicher Autor und Lektor. Er gehörte der Forschergruppe an der Humboldt-Universität beim Projekt „Doping in Deutschland“ an.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Bald offiziell Amerikas Präsident: Joe Biden

          Joe Biden : „Wir sind im Krieg mit diesem Virus“

          Der künftige amerikanische Präsident Biden tritt sein Amt zu einer Zeit an, in der die Corona-Pandemie in den Vereinigten Staaten wilder tobt denn je. Die Impfung der Bevölkerung kommt nur schleppend voran. Biden präsentiert nun Pläne, wie er das ändern will.
          Bundeskanzlerin Angela Merkel und Generalsekretär Paul Ziemiak beim digitalen Parteitag der CDU am Freitagabend.

          CDU-Parteitag : Die Kanzlerin spart sich das Lob

          Zu Beginn des CDU-Parteitags gibt es viel Schulterklopfen für die scheidende Vorsitzende Kramp-Karrenbauer – nur Angela Merkel spricht lieber über ihre eigenen Leistungen. Und Markus Söder vom spannenden Aufstieg.
          Freundinnen: Luisa und Sophie wohnen zusammen in Frankfurt. Beide verdienen Geld mit Pornovideos, die sie selbst aufnehmen.

          Studentin in Geldnot : Pornos drehen für den Master

          Luisa besucht eine Hochschule im Rhein-Main-Gebiet und verkauft Sexvideos, um ihr Studium zu finanzieren. Sie sagt, das fühle sich dreckig an. Doch der Geldmangel habe sie dazu getrieben, und andere Nebenjobs sind ihr zu zeitaufwendig.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.