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Doping: : Selbstverbesserung bis jenseits des Menschlichen?

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Das olympische Prinzip als Leistungsimperativ

In der Frage der Veröffentlichung unserer Berichte mache ich mir Sorgen prinzipieller Art. Denn es droht, was der in Großbritannien arbeitende Bioethiker und Transhumanist Andy Miah beschreibt: die Freigabe von Doping und anderen Manipulationen des menschlichen Körpers. Für ihn ist die conditio humana nicht etwas Unveränderliches, sondern unterliegt der freien Gestaltungsmacht des Menschen. Das schließt auch technologische Eingriffe zur Überwindung biologischer Beschränkungen ein. Transhumanisten befürworten dies als Mittel zur „Selbstverbesserung“. Miah schreibt: „Das olympische Motto citius, altius, fortius kann betrachtet werden, als verewige es transhumanistische Vorstellungen über die Dynamik der Natur des Menschen. Miahs Einschätzung, dass das olympische Prinzip zum Transhumanismus führt, ist meines Erachtens richtig, auch wenn der Begründer der modernen Olympischen Spiele, Pierre de Coubertin, das wohl anders gesehen hätte. Jedoch: Ohne weitere normative Regulierung ist das olympische Prinzip schlicht ein Leistungsimperativ, dessen Überbietungslogik in den Doping-Sport führt und letztlich nicht einmal vor den Grenzen des Menschenmöglichen haltmacht.

Das olympische Prinzip braucht neue normative Regelungen
Das olympische Prinzip braucht neue normative Regelungen : Bild: dpa

Die Verselbständigung des olympischen Leistungsprinzips ist ein gradueller Prozess, der es nicht leichtmacht, ethische Grenzüberschreitungen zum inhumanen Sport rechtzeitig und zielsicher zu erkennen. Miah sieht die entscheidende Grenze zu einem „posthumanen“ Stadium im Spitzensport bereits überschritten. In ihrer biologischen Konstitution und in ihrer Nutzung von Technologie als leistungssteigernder Ressource sieht er Spitzensportler von heute auf einem Leistungsniveau, das die Grenzen des bislang „Menschlichen“ hinter sich gelassen hat. Hätte Miah damit recht, wären alle Anti-Doping-Bemühungen im Spitzensport gescheitert. Vielleicht noch beunruhigender aber wäre, dass die Grenzüberschreitung zum Posthumanen in der spitzensportlichen Praxis sich ganz unvermerkt, abseits der öffentlichen Aufmerksamkeit, vollzogen hätte.

Verlust der humanen Leistungskultur

Das ist nicht alles: Miah hofft auf eine „Normalisierung“ transhumaner Technologien auch in der außersportlichen Gesellschaft und schließt mit dem Ausblick, dass es für Menschen möglich sei, „Posthumans“ zu werden und zugleich davon überzeugt zu sein, dass diese Qualitäten grundsätzlich menschlich bleiben. Diese Vision müssen wir sehr ernst nehmen. Wir stehen an einem Scheideweg: Noch steht es in unserer Entscheidung, ob diese Vision eines (bio-)technologischen Qualitätswandels des „Menschlichen“ selbst Wirklichkeit werden soll oder nicht. Eine offen geführte gesellschaftliche Selbstverständigung über die normativen Bedingungen und Grenzen menschlicher Leistungssteigerung ist heute vielleicht dringender als je zuvor. Wenn diese Diskussion unterbleibt, ist zu befürchten, dass die Eigendynamik der pharmakologischen und biotechnologischen „Selbstverbesserung“ unumkehrbare Fakten schafft. Dann ist es zu spät, den Verlust dessen rückgängig zu machen, was wir heute noch bewahren können: eine humane Leistungskultur im Sport.

Holger J. Schnell, promovierter Philosoph, lebt in Berlin als freiberuflicher Autor und Lektor. Er gehörte der Forschergruppe an der Humboldt-Universität beim Projekt „Doping in Deutschland“ an.

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