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Doping : Jazzer und Drogendesigner: vier Monate Haft für „Dr. Clear“

  • Aktualisiert am

Victor Conte alias Dr. Clear Bild: REUTERS

Victor Conte, Gründer des kalifornischen Dopinglabors Balco und Erfinder des Dopingmittels THG, tritt eine milde Gefängnisstrafe an und will nun seine Memoiren schreiben.

          2 Min.

          Der größte Dopingskandal in der Geschichte des Sports endete als Kavaliersdelikt. Weil der Gründer des kalifornischen Balco-Labors, Victor Conte, im Sommer ein Abkommen mit der Staatsanwaltschaft getroffen hatte, kam der Fünfundfünfzigjährige am Dienstag mit vier Monaten Gefängnis sowie weiteren vier Monaten Hausarrest davon und kann mit seinen angekündigten Memoiren nun auf einen Bestseller hoffen.

          Es war ein unverhofftes Happy End für jenen Mann, dem noch vor einem Jahr vom FBI bis zu den amerikanischen Steuerbehörden große Teile des amerikanischen Justizsystems auf den Fersen waren. Conte galt als Vater der mittlerweile verbotenen Designerdroge THG, in Athletenkreisen jahrelang als nicht nachweisbar und deshalb als „The Clear“ bekannt. Hätte nicht ein Steuerfahnder nach einer Hausdurchsuchung im Jahre 2002 dem FBI einen Tipp gegeben, wäre es wohl nie zur Aufdeckung gekommen.

          THG brachte eine Lawine ins Rollen

          Statt dessen brachte THG eine Lawine ins Rollen, deren Ausmaß aufgrund vieler immer noch schwebender Verfahren bis heute offen ist. Auf Druck des amerikanischen Senats, der im Vorfeld der Olympiabewerbung New Yorks Pluspunkte beim Internationalen Olympischen Komitee (IOC) und der Welt-Anti-Doping-Kommission WADA sammeln wollte, sagten zunächst ein Dutzend verdächtigter Athleten - selbstverständlich gegen Immunität - aus, schließlich auch der Hauptdarsteller selbst.

          Das Dopinglabor in Kalifornien

          Conte, der von 1966 bis 1983 als einer der besten Jazz-Bassisten der Welt galt und Schallplatten mit Stars wie Herbie Hancock oder Harvey Mandel aufnahm, gab an, daß er im Vorfeld der Olympischen Spiele von Barcelona die ungeheuren Möglichkeiten der von ihm gewählten zweiten Karriere erkannte. „Damals lernte ich, daß es zwei Regeln gab: die im Regelbuch und jene, nach denen die Musik spielt.“

          Deal mit der Staatsanwaltschaft

          Trotzdem dauerte es weitere neun Jahre, bis der mit legalen leistungsfördernden Mittel bereits zum Millionär avancierte Conte bei einem Wettkampf von Bodybuildern mit Steroiden Bekanntschaft machte. Ein Anfang der sechziger Jahre erfundenes, aber bis dahin noch nicht vermarktetes Mittel wurde die Basis von THG, das er zunächst im amerikanischen Football, dann in der Leichtathletik testete.

          Sein Insiderwissen rettete Conte schließlich vor einem langjährigen Gefängnisaufenthalt. Er versorgte die Behörden mit wertvollen Tips dazu, wie weitere - angeblich bereits auf dem Markt kursierende - Mittel („The Stuff III“) nachweisbar sind.

          Frohen Mutes ins Gefängnis

          So wird sich „Dr. Clear“ am 1. Dezember relativ frohen Mutes ins nahe von San Francisco gelegene Gefängnis von Altwater begeben und dort voraussichtlich bereits an seinen Memoiren arbeiten. „Ich habe mich entschieden, mein Wissen und meine Erfahrung zum Wohle eines sauberen Sports preiszugeben“, verlas er am Dienstag nach dem Urteilsspruch ein vorbereitetes Manuskript.

          Nicht nur bei Politikern und Sportfans hinterließ das milde Urteil einen faden Beigeschmack. Richterin Susan Illston sprach vielen aus der Seele, als sie vor der Urteilsverkündung unverhohlen den Pakt zwischen Staatsanwaltschaft und Täter kritisierte: „Mr. Conte, Sie sollten sich glücklich schätzen. Als Komplize betrügender Sportler kommen Sie heute mit einer milderen Strafe davon als andere, die weitaus weniger Schaden angerichtet haben als Sie.“

          Dutzende Athleten involviert

          Mehr als ein Dutzend Top-Athleten sind seit Aufdeckung des Balco-Skandals im Herbst 2003 von der amerikanischen Anti-Doping-Agentur USADA gesperrt worden. Tim Montgomery, der seinen 100-Meter-Weltrekord (9,78 Sekunden) vom September 2002 angeblich vor allem Contes Hilfe zu verdanken hatte, muß in Kürze vor dem Internationalen Sportgerichtshof CAS erscheinen. Ihm droht eine lebenslange Sperre.

          Der Fall Marion Jones geht dagegen vor einem ordentlichen Gericht weiter. Conte behauptet, die dreifache Olympiasiegerin von Sydney habe von ihm Dopingmittel erhalten und diese vor seinen Augen konsumiert. Jones, die nie positiv getestet wurde, hat Conte wegen Verleumdung auf 25 Millionen Dollar Schadenersatz verklagt.

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