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Doping : Franzosen strenger als die IAAF: Edwards gedopt?

  • -Aktualisiert am

Positiv, aber nicht gedopt: Jonathan Edwards Bild: dpa

Hopp, Step und Jump - mit dieser Satzfolge will der Dreispringer Jonathan Edwards in Paris seinen 2001 gewonnenen Weltmeistertitel verteidigen. Aber so hopplahopp geht das nicht, weil gegen den Pastorensohn aus London in Frankreich ein sehr diskretes Dopingverfahren läuft.

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          Hopp, Step und Jump - mit dieser Satzfolge will der Dreispringer Jonathan Edwards in Paris seinen 2001 gewonnenen Weltmeistertitel verteidigen. Aber so hopplahopp geht das nicht, weil gegen den bekanntermaßen gottesfürchtigen und grundehrlichen Pastorensohn aus London in Frankreich ein sehr diskretes Dopingverfahren läuft. Während der Internationale Leichtathletik-Verband (IAAF) die umstrittene Sache so schnell wie möglich zu einem guten Ende für den gerade 37 Jahre alt gewordenen Edwards bringen will, läßt sich der "Conseil de Prevention et de Lutte contre le Dopage" (CPLD), eine Art nationale Anti-Doping-Agentur, unangemessen viel Zeit - meint Professor Arne Ljungqvist. Für den IAAF-Vizepräsidenten aus Schweden ist es, aus medizinischer Sicht und nach der internationalen Regelkunde, ein völlig klarer Fall, "daß Edwards sich keinerlei Verstoßes schuldig gemacht hat".

          Jedenfalls keines Vergehens nach den Bestimmungen der Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA), die Anfang März in Kopenhagen alle Sportorganisationen und Regierungen eingeladen hat, dem neuen Welt-Anti-Doping-Code zuzustimmen. Auch Frankreich hat unterschrieben, ungeachtet dessen, daß dieses Land, wie etwa auch Belgien oder Italien, ein staatliches Anti-Doping-Gesetz hat. Und zwar eines, das in bestimmten Fällen sogar strenger ist, als es die WADA erlaubt.

          Jonathan Edwards bekam den Widerspruch der Wohlmeinenden zu spüren, nachdem er beim Golden League Meeting am 5. Juli 2002 in Paris zur Kontrolle gebeten worden war. Das Labor in der französischen Hauptstadt fand im Urin des Dreispringers Spuren von Morphium und erstattete doppelte Meldung über den vermeintlich positiven Test: eine an den Wettkampfveranstalter IAAF, die andere an den CPLD, so wie es gesetzlich vorgeschrieben ist. Die halbstaatliche Organisation wußte indes nicht, was Ljungqvist zur sofortigen Entlastung von Edwards erklären kann: "Er hatte uns vor dem Wettkampf mitgeteilt, daß er zur Behandlung einer leichten Verletzung ein Codein enthaltendes Mittel eingesetzt hatte." Codein ist nicht verboten, doch über dessen Abbau im Körper scheidet der Organismus auch Morphium aus. "Wenn man die Probe auf diesen Zusammenhang hin auswertet, geht aus dem Verhältnis von Codein und Morphium hervor, daß kein Morphium eingenommen wurde", erklärt Ljungqvist. Also liegt auch kein Dopingverstoß vor.

          Das hätten die IAAF-Mediziner den CPLD-Kollegen gleich sagen können - wenn sie denn gefragt worden wären. Doch die Franzosen setzen in allen Fällen, in denen ein Probe-Bericht an den CPLD geht, ein autonomes Verfahren in Gang, ohne den jeweiligen Sportverband zu informieren. So erfuhr die IAAF von den Ermittlungen gegen Edwards erst durch den Athleten selbst, an den sich der CPLD gewandt hatte. So ähnlich lief es auch bei der amerikanischen Staffel-Weltmeisterin Kelli White, die ebenfalls beim Vorjahrs-Meeting in Paris eine angeblich positive Probe abgegeben hatte. Auch sie hatte gegen eine Verletzung ein entzündungshemmendes, möglicherweise stimulierend wirkendes Glycocorticosteroid eingesetzt, dessen lokale Anwendung erlaubt ist. Trotzdem wurde die 25 Jahre alte kalifornische Sprinterin für ein halbes Jahr gesperrt - und das nicht etwa vom Zeitpunkt der fraglichen Dopingprobe am 5. Juli 2002 an, sondern vom 1. Januar bis zum 30. Juni 2003. Das widerspricht allen sportlichen Regeln, denn auf ein Vergehen mit dieser Substanz gibt es im ersten Fall eine öffentliche Verwarnung inklusive Disqualifikation für den betreffenden Wettkampf, im zweiten Fall eine zweijährige Sperre.

          Die Tatsache, daß der Geltungsbereich des französischen Anti-Doping-Gesetzes sich selbstverständlich nur auf Frankreich erstreckt, ist keineswegs beruhigend für die IAAF, weil sie vom 23. bis 31. August die Welttitelkämpfe im Stade de France veranstaltet. "Wir müssen selbstverständlich darauf bestehen, daß wir über die Startberechtigung unserer Athleten entscheiden und nicht ein französisches Gesetz", sagt IAAF-Generalsekretär Istvan Gyulai. Und wenn ein staatliches Anti-Doping-Gesetz nicht im Einklang stünde mit dem internationalen Sportrecht, "dann muß der WADA-Code höher eingestuft werden". Oder es werden keine Titelkämpfe mehr nach Frankreich vergeben.

          Was für die IAAF gilt, die den Welt-Anti-Doping-Code allerdings noch gar nicht unterschrieben hat, das macht sich auch das Internationale Olympische Komitee (IOC) für die Vergabe von Olympischen Spielen zu eigen. Staaten, deren Nationale Olympische Komitees sich um Olympia bewerben, müssen den Code nicht nur akzeptieren, sondern gegebenenfalls eigene Gesetze oder Bestimmungen harmonisieren. Das hat der WADA-Vorsitzende Richard Pound vor wenigen Tagen den Amerikanern mit einer drastischen Drohung verdeutlicht: "Wenn die USA so weitermachen, dann fliegen sie raus" (F.A.Z. vom 30. April). Sonst brauchen sie mit New York für die Sommerspiele 2012 ebensowenig anzutreten wie Frankreich mit Paris.

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