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Doping : Einladung zum Kaffeekränzchen - oder zum gefährlichen Dopingmix

  • -Aktualisiert am

Ein Täßchen Kaffee in Ehren wollten die Dopingbekämpfer den Athleten auch bisher nicht verwehren. Bei einem regelrechten Kaffeeklatsch konnte es allerdings kritisch werden.

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          Ein Täßchen Kaffee in Ehren wollten die Dopingbekämpfer den Athleten auch bisher nicht verwehren. Bei einem regelrechten Kaffeeklatsch konnte es allerdings kritisch werden. "Fünf bis sechs Tassen oder ein paar starke Espresso", so schätzt der Kölner Dopingfahnder Professor Wilhelm Schänzer, "die dürften schon ausreichen, um positiv auf Stimulantien getestet zu werden." Also bei einer Kontrolle der Koffein-Konzentration den Grenzwert von 12 Mikrogramm pro Milliliter Urin zu überschreiten - und damit im ersten Fall eine öffentliche Verwarnung, beim zweiten Vergehen eine zweijährige Sperre zu riskieren. Keine Rede ist mehr davon, daß ein Sportler das braune Gebräu schon kannenweise kippen müßte, um unangenehm aufzufallen. In naher Zukunft soll sogar jeder Kaffeegenuß in beliebiger Menge freigestellt werden, weil das Health Medical Research-Komitee (HMR) der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) sowohl Koffein als auch die sogenannten Pseudo-Ephedrine von der Verbotsliste streichen will. Vom 1. Januar 2004 an soll nur noch das eigentliche Ephedrin (Grenzwert: 10 Mikrogramm pro Milliliter Urin) als Aufputschmittel dem eingeschränkten Genuß unterworfen sein und sein Mißbrauch, dem lediglich bei Wettkampfkontrollen nachgespürt wird, bestraft werden.

          "Endlich", sagt Professor Arne Ljungqvist, Vorsitzender der Medizinischen Kommission des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) und des HMR-Komitees der Wada, der die Aktualisierung und Änderung der Wirkstoffliste mitbetrieben hat. "Die Einschränkung des Koffeinkonsums und des Einsatzes von Pseudo-Ephedrinen, die in vielen Formen von leichten Arzneien enthalten sind, habe ich immer für Unsinn gehalten." Man könne Hochleistungssportlern schließlich nicht verbieten, sich auch vor Wettkämpfen so zu ernähren wie ein Normalbürger. Und wenn Kaffee oder Cola (wovon man schon drei bis vier Liter trinken muß, um an die bisherigen Grenzwerte zu stoßen) dazugehörten, "dann müssen wir das akzeptieren". Zumal der aufputschende Effekt, in dem die verbotene "unphysiologische Leistungssteigerung" bestehen soll, vor allem bei den geringen Dosen wirke. Die erwünschte Wirkung verstärke sich nämlich nicht in Relation zur Steigerung der Dosis. "Im Gegenteil", versichert der schwedische Mediziner Ljungqvist, dem sein HMR-Kommissionskollege Professor Klaus Müller vom Institut für Doping-Analytik in Kreischa mit einem Argument assistiert: "Man spricht von einem selbsthemmenden Effekt, weil sich mit steigender Dosis die negative Wirkung verstärkt." Es stellt sich ein ungewollter Tremor, ein Zittern, ein. Der ungehemmte Kaffeetrinker werde übernervös, wirke überdreht.

          Die Zahl derer, die erst nach positiven Bescheiden zu zittern anfingen oder zumindest nervös wurden, war im vergangenen Jahr jedoch nicht gerade alarmierend. Von den insgesamt 7550 nationalen Dopingproben, die 2002 in Köln und Kreischa analysiert wurden, waren 3610 Wettkampfkontrollen (nur der Bund Deutscher Radfahrer läßt auch in Trainingsproben nach Aufputschmitteln forschen); davon entfielen sieben positive Ergebnisse auf Ephedrin, drei auf Koffein und eines auf ein Pseudo-Ephedrin. Die letzten vier würden also von 2004 an aus der Doping-Statistik fallen. In Köln und Kreischa kamen im selben Zeitraum 6100 internationale Wettkampfkontrollen an, von denen neun positiv auf Ephedrin, eine auf Koffein und neun auf Pseudo-Ephedrine erschienen.

          So weit, die fragwürdige Koffein-Regel abzuschaffen, will Schänzer, der Leiter des Biochemischen Instituts der Sporthochschule Köln, den Weg zur Not noch gemeinsam mit Ljungqvist und Müller gehen. Aber standhaft möchte er beim Verbot der Pseudo-Ephedrine bleiben, weil er die Ausweitung eines Dopingtrends befürchtet: "Die Kombination von Koffein und den weniger wirksamen Ephedrin-Derivaten, das ist eine leistungssteigernde und gesundheitsgefährdende Mischung." Schänzer deutet also weniger auf die eindeutigen Fixer, sondern auf die Mixer unter den Athleten, die ihre jetzt noch dosiert erlaubten Zutaten dann ohne Einschränkung durch Grenzwerte konzentrieren und konsumieren können. Müller indes sieht, abseits von rein biochemischen Erkenntnissen, in der Streichung von Koffein und Ephedrin-Derivaten, die übrigens noch nicht beschlossene Sache ist, auch keine inhaltliche Schwächung der Dopingbekämpfung. Nach Ablauf der Diskussionsfrist am 15. August werde die HMR-Kommission am 4. September in Montreal einen Beschluß über die Zusammensetzung der künftigen Verbotsliste fassen, die - nach der nötigen Zustimmung des IOC-Exekutivkomitees - am 1. Oktober veröffentlicht werden soll. "Und wenn sich im nächsten Jahr zeigen sollte, daß es auf diesem Gebiet einen größeren Mißbrauch gibt, dann können wir die gestrichenen Wirkstoffe innerhalb weniger Monate wieder auf die Liste setzen", sagt Müller. Denn die Überprüfung und Beobachtung von Koffein- und Pseudo-Ephedrin-Anteilen im Urin von Athleten gehöre nach wie vor zum Analyseprogramm.

          Wunschlos glücklich ist aber auch Müller nicht mit der absehbaren Neufassung; er sähe lieber schärfere Richtlinien für die unter Umständen erlaubte Anwendung der Beta-2-Agonisten wie Salbutamol oder Clenbuterol. Beides wird zur Asthmatherapie eingesetzt, letzteres allerdings mit durchaus erwünschten anabolen Nebenwirkungen. Mit einem Attest, an das zu kommen vor allem Radprofis, Schwimmer und Wintersportler nicht vor unüberwindbare Hindernisse stellt, dürfen solche Hochleistungssportler diese Wirkstoffe zwar auch nicht in Tabletten- oder Injektionsform bekommen, aber als Spray inhalieren. "Nur", so Müller, "in der Dopinganalyse ist die erlaubte von der unerlaubten Einnahme kaum zu unterscheiden." Und hier sind pseudoasthmatische Athleten den Analytikern wieder mal einen Atemzug voraus.

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