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Doping : „Das Ende des Leistungssports“

Das Lachen vergangen: Auch Kelli White verlor ihren WM-Titel wegen Dopings Bild: picture-alliance / dpa/dpaweb

Zwischen Sarkasmus und Resignation: Der Heidelberger Professor Werner Franke hat bei einem internationalen Expertengespräch zur Doping-Prävention das Ende des Leistungssports ausgerufen.

          Im August 2002 gab Victor Conte seiner Weltklasse-Kundschaft Alarm: Nehmt „the clear“ nicht mehr! Er hatte erfahren, daß die „IOC-Tester“ anonym eine Probe dieser Substanz erhalten hatten und fürchtete, daß nun das leistungssteigernde Wundermittel, eine Flüssigkeit mit anaboler Wirkung, in den Anti-Doping-Labors entdeckt werden könnte. „Ich habe jemand dort sitzen“, teilte Conte in einer E-Mail einem internationalen Leichtathletik-Trainer mit - offenbar hatte er einen Informanten irgendwo im offiziellen Testbetrieb. Obwohl Conte dem Trainer eine neue, nicht entdeckbare Substanz in Aussicht stellte, bekam er eine deprimierte Antwort: „Ich schätze, die Party ist vorbei.“

          Evi Simeoni

          Sportredakteurin.

          Dieser Meinung ist Werner Franke auch. Der Heidelberger Professor für Molekularbiologie, einer der profiliertesten Doping-Bekämpfer der Welt, meint allerdings nicht dieselbe Party wie der betrügerische Trainer. Die Leichtathletik, die einstige Königin der olympischen Sportarten, ist seiner Ansicht nach am Ende. Einem jungen, begabten Leichtathleten würde er raten: „Mach dir nicht dein Leben kaputt.“ Und empfehlen: „Er soll zum Rodeln gehen.“

          „Mach dir nicht dein Leben kaputt“

          Dein Frankes Auftritt bei einem internationalen Expertengespräch zur Doping-Prävention in Heidelberg schwankte zwischen Sarkasmus und Resignation. Der Mann, der gemeinsam mit seiner Ehefrau Brigitte Berendonk das flächendeckende Doping in der DDR dokumentierte, hat die Hoffnung auf eine ethisch vertretbare Leichtathletik aufgegeben.

          Letzter Beweis: Unterlagen aus dem noch nicht abgeschlossenen Steuer-Prozeß um das kalifornische Labor Balco und dessen Leiter Conte, die auch dieser Zeitung vorliegen. Aus den vorwiegend von Jeff Novitzky, dem Special Agent der kalifornischen Steuerbehörde, vorgenommenen Ermittlungen geht hervor, daß die üblichen Dopingkontrollen weitgehend sinnlos geworden sind. Und daß sich im Hochleistungssport längst ein weltweites, über das Internet verbundenes Betrugssystem gebildet hat, in dem Contes Labor eine bedeutende Rolle spielte.

          „The Cream“ und „The Clear“

          Grundlage für Frankes Behauptung, die vom Internationalen Olympischen Komitee (IOC) forcierten Dopingtests seien „hoffnungslos hintendran“, ist eines der Balco-Produkte namens „the cream“. Diese Creme, die auf die Haut aufgetragen wird, enthält die Substanzen Testosteron und Epitestosteron in einem ausgeklügelten Verhältnis, wobei Testosteron ein hormonelles Muskelaufbaumittel ist, während das schwer erhältliche Epitestosteron keine pharmakologische Wirkung hat.

          Es dient lediglich zur Verschleierung von Doping, da die Hormoneinnahme auf der Grundlage des Testosteron-Epitestosteron-Quotienten ermittelt wird. Für gewöhnlich beträgt dieser Wert 1:1. Leistungssportler gelten erst von 1:6 an als positiv, weil natürlich vorkommende Anomalien berücksichtigt werden. „Die Grenzwerte werden nicht mehr überschritten“, stellt Franke fest. „Damit werden die Kontrollen ad absurdum geführt.“

          Internationales Netzwerk prominenter Kunden

          Anschließend präsentierte er den achtzig Teilnehmern aus neun Nationen Namen und Nationalitäten, die den Schluß zulassen, daß Contes eigenes Netzwerk sich über die Vereinigten Staaten hinaus nach Kanada und Europa und gar bis in die Ukraine spannte. In einem Protokoll, das die Vernehmung von Conte am 3. September 2003 in seinem Büro in Burlingame, einem Vorort von San Francisco, wiedergibt, werden einerseits die Namen von Athleten genannt, die mit „the clear“ und „the cream“ versorgt wurden.

          Neben den prominenten amerikanischen Kunden Marion Jones, Tim Montgomery, Kelli White, den Harrison-Brüdern, Michelle Collins oder dem britischen Sprinter Dwain Chambers steht dort auch der Name Shanna Block. Dabei handelt es sich um die ukrainische Sprintweltmeisterin von Edmonton 2001, die früher unter dem Namen Pintusewitsch startete. Ihr Ehemann, der Amerikaner Mark Block, gehört nach Contes Aussagen zu seinen Mitarbeitern.

          Anabolika aus Europa

          Die Vermutung liegt nahe, daß Block der Balco-Verbindungsmann für die Ukraine war. Als weiterer Mitarbeiter wird der Bulgare Emeric Delczeg genannt, ein ehemaliger Bodybuilder, der Conte offenbar mit Anabolika aus Europa versorgte. Ein Grieche namens Andreas Linartados war demnach der Balco-Repräsentant im Olympia-Gastgeberland 2004. Zudem ist in dem Protokoll von einem - an Sportbehörden gerichteten, aber nie abgeschickten - Brief die Rede, den der Beamte im Müll des Labors fand.

          Den Abfall hatte Fahnder Novitzky monatelang nach Hinweisen durchsucht. Dort heißt es: Trevor Graham, einst Trainer von Jones und Montgomery, habe anabole Steroide von einem anderen Athleten bekommen. In der Vernehmung sagte Conte, es sei wahr, daß Andrew Tynes, ein texanischer Freund der Sprinterin Chandra Sturrup (Bahamas), in Mexiko Testosteron Undeconat besorgt habe. Franke wies darauf hin, daß dieses Mittel wiederum in Deutschland unter der Bezeichnung Norandriol vertrieben werde - das Dopingmittel, das Leichtathletik-Trainer Thomas Springstein einer minderjährigen Athletin gegeben haben soll.

          Doping - grenzenlos

          Nach Jahrzehnten gescheiterter Anti-Doping-Kämpfe waren die Fachleute in Heidelberg einig, daß auch Deutschland dringend Aufklärungs- und Präventionsmaßnahmen braucht. Kinder und Jugendliche sollen stark und selbstbewußt genug gemacht werden, um Dopingmittel abzulehnen. Werner Franke allerdings sieht keine Chance mehr. „Den Leistungssport“, sagte er, „kann man in die Tonne kloppen.“

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