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Doping in der Leichtathletik : „Der Kampf geht weiter“

Nachfolger und Vorgänger: Jürgen Kessing (links) und Clemens Prokop. Bild: dpa

Auch nach dem Wechsel von Clemens Prokop zu Jürgen Kessing an der Spitze will der Deutsche Leichtathletik-Verband ein unbequemes Mitglied der Sportgemeinschaft bleiben.

          Es scheint, dass der Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV) ein unbequemes Mitglied der deutschen und der internationalen Sportgemeinschaft bleiben wird. Nicht nur überwältigendes Lob und die Ernennung zum Ehrenpräsidenten wurde Clemens Prokop bei seinem Abschied nach knapp 17 Jahren an der Spitze des Verbandes bei der Vollversammlung am Sitz des Verbandes in Darmstadt zuteil. Das Bekenntnis seines Nachfolgers Jürgen Kessing, mit 144:19 Stimmen ohne Gegenkandidat gewählt, zum entschlossenen Kampf gegen Doping und gegen Manipulation klang, als nehme er auf, was Prokop seit Jahren und Jahrzehnten fordert – und durchgesetzt hat.

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          „Der Kampf geht weiter“, versprach Kessing, wie Prokop sechzig Jahre alt und ehemaliger Zehnkämpfer. Den Vorsprung der Leichtathletik in der Doping-Bekämpfung gelte es auszubauen. Die russische Olympiamannschaft müsse wegen systematischen Dopings von den Winterspielen ausgeschlossen werden, denn, und da zitierte er Prokop wörtlich, systematisches Doping hinzunehmen bedeute, es künftig zu akzeptieren. „Der Weltsport muss eine deutliche Sprache sprechen“, sagte Kessing und machte sich auch noch Prokops jüngste Forderung zu eigen, der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) das Recht zu geben, Nationalteams von Olympia auszuschließen, wenn in ihren Ländern Doping nicht den Regeln entsprechend bekämpft wird. Olympische Spiele seien in der Antike eingestellt worden, weil man der Manipulationen nicht Herr werden konnte, mahnte er.

          Prokop hatte vor der Wahl seines Nachfolgers auf die Verantwortung hingewiesen, die dieser mit seinem Amt übernehme: nicht weniger als die für ein hohes Kulturgut, das gegen Zumutungen aus Kommerz, Politik und nicht zuletzt Organisationen des Sports verteidigt werden müsse. Er nahm ein Wort von Sebastian Coe auf, dem Präsidenten des Welt-Leichtathletikverbandes (IAAF), dass Leichtathletik sich als Teil des Unterhaltungsgewerbes zu behaupten habe. „Diesem Ansatz möchte ich entschieden widersprechen. Die Leichtathletik ist keine Show zur Unterhaltung von Zuschauern. Sie ist in erster Linie der gelebte Traum, Leistungsgrenzen zu verschieben“, sagte Prokop. „Leichtathletik ist auch deshalb kein Teil der Unterhaltungsindustrie, weil wir nicht auf zirkusreife und möglichst spektakuläre Präsentationen abstellen, sondern auf einen chancenreichen Wettbewerb. Deshalb ist der Kampf gegen Doping eine unserer zentralen Herausforderungen. Ohne ein glaubwürdiges und leidenschaftliches Bekenntnis zum Kampf gegen Doping wird die Leichtathletik als Wettkampfsport keine Zukunft haben.“

          In Anspielung auf das Internationale Olympische Komitee (IOC) unter Führung von Thomas Bach warnte er, dass die Leichtathletik ihre Position nicht von der manchmal problematischen Haltung internationaler Sportorganisationen beeinflussen lassen dürfe. „Die Ethik des Sports ist nicht verhandelbar, noch kann es irgendwelche Kompromisse geben. Gerade im Bereich der Ethik des Sports möchte ich deutlich machen: Es ist unser Sport, unser Sport der Basis, unser Sport des Verbandes und nicht der Sport übergeordneter internationaler Sportorganisationen.“ Justizminister Heiko Maas lobte den scheidenden Präsidenten, der mehr Sportpolitiker als Funktionär war, in einer Videobotschaft. An diesen und die ebenfalls scheidende Vizepräsidentin Dagmar Freitag wandte er sich mit dem Dank: „Ohne Sie gäbe es das Anti-Doping-Gesetz nicht.“ Dagmar Freitag ist wieder direkt in den Deutschen Bundestag gewählt und war seit 2009 Vorsitzende von dessen Sportausschuss.

          Ein bitter-süßes Lob rang sich für den Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) dessen Vizepräsident Ole Bischoff ab. „Deutschland hat auch dank Ihnen ein echtes Anti-Doping-Gesetz“, rief er Prokop zu. Vielleicht sei es an der Zeit, eine solche Maßnahme zu ergreifen. Ehrenpräsident Theo Rous rückte die Erinnerung zurecht, indem er daran erinnerte, dass Prokop die Politik davon überzeugte, sich nicht auf die vielbeschworenen Selbstheilungskräfte des Sports zu verlassen, sondern Doping auch strafrechtlich zu verfolgen. Zweimal seien Prokop und der DLV bei Vollversammlungen des DOSB mit ihrer Zustimmung zu einem Anti-Doping-Gesetz „grandios gescheitert“, sagte Rous. Die Verabschiedung des Gesetzes, an dessen Formulierung Prokop mitwirkte, durch den Bundestag 2015 sei „eine Ohrfeige für den DOSB“ gewesen.

          Kessing, Bürgermeister der baden-württembergischen Stadt Bietigheim-Bissingen, verfügt über Erfahrung als Leichtathlet und Trainer. Während seiner Zeit als Bürgermeister von Dessau in Sachsen-Anhalt unterstützte er den Ausbau des Stadions dort und die Gründung des inzwischen etablierten Leichtathletik-Sportfestes. Der im Osten unmittelbare Rückblick auf Bespitzelung durch den Staatssicherheitsdienst und Zwangs-Doping hat ihn zu der Überzeugung gebracht, dass Sport in der DDR als Kriegsersatz missbraucht wurde, für den kein Preis zu hoch war. Man könne deshalb durchaus darüber nachdenken, sagte er, den Geschädigten dieses Systems – mehr als 1000 Doping-Opfern – eine Rente zuzugestehen. Mit dieser politischen Forderung stellt sich Kessing durchaus in die Nachfolge Prokops.

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