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Julius-Hirsch-Preis : Niemand watschelt alleine

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DFB-Präsident Fritz Keller (l) und „Die Toten Hosen“: Einsetzen gegen Rassismus und Antisemitismus, Homophobie und Mobbing. Bild: dpa

Der DFB zeichnet die Toten Hosen und Ente Bagdad für politisches Engagement aus. Am eindrucksvollsten klingt die Mundharmonika von Zvi Cohen, die ihm in Theresienstadt das Leben rettete.

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          Die Musik war am Montagabend mehr als unterhaltsame Begleitung. Nicht nur wurde bei der Verleihung des Julius-Hirsch-Preises mit den Toten Hosen eine Band mit dem Ehrenpreis bedacht, deren Laudatio ebenfalls ein Musiker und Fußballfan, Sänger Thees Uhlmann, hielt. Auch eine andere Rede des Abends hatte einen musikalischen Hintergrund.

          Zvi Cohen, der 1943 im Alter von zwölf Jahren nach Theresienstadt deportiert wurde, erzählte im eindrücklichsten Beitrag der Veranstaltung, wie seine Mundharmonika ihm damals das Leben rettete. Der 88 Jahre alte Cohen, der nach dem Krieg nach Israel ging und dort bis heute im Kibbuz lebt, spielte die Lieder, die er bei seiner Verhaftung auch den SS-Männern vorspielte: „Der gute Kamerad“, „Lilli Marleen“. Da habe er gespürt, dass er sie „menschlich erfasst“ habe. Die Familie durfte zusammen bleiben, er und seine Eltern überlebten, nach dem Krieg wurde sein Bruder „als freier Jude“ geboren. Das sei, so Cohen, sein größter Triumph.

          Der Julius-Hirsch-Preis, den der DFB jährlich an Personen und Initiativen verleiht, die sich in der Öffentlichkeit gegen Diskriminierung und Ausgrenzung einsetzen, soll an den deutschen Fußballnationalspieler Julius Hirsch erinnern, der wegen seines jüdischen Glaubens 1943 nach Auschwitz deportiert wurde. Der Preis sei heute, da rassistische und antisemitische Gewalt wieder zunähmen, wichtiger denn je, so hieß es an diesem Abend mehrfach.

          Zvi Cohen und seine Mundharmonika: Da habe er gespürt, dass er die Nazis „menschlich erfasst“ hatte.
          Zvi Cohen und seine Mundharmonika: Da habe er gespürt, dass er die Nazis „menschlich erfasst“ hatte. : Bild: dpa

          Einmal die Woche, sagt Alon Meyer, Präsident des jüdischen Turn- und Sportvereins Makkabi Deutschland, käme es zu antisemitischen Beschimpfungen auf dem Fußballplatz. „Scheißjude“, „Sie haben vergessen, dich zu vergasen“, werde da gerufen. Gerade in den unteren Spielklassen käme es häufig zu Konflikten: „Die Spieler sind da undisziplinierter. Sie nehmen uns auch immer wieder in die Gesamthaftung des einzig jüdischen Staates der Welt Israel und machen dann keinen Unterschied zwischen dem  Deutschen Judentum und dem Staat Israel.“

          TuS Makkabi Frankfurt, dessen Präsident Meyer ebenfalls ist, habe deshalb beschlossen, das Problem offensiver anzugehen. „Vor Spielen, von denen wir wissen, dass sie problematisch sein könnten, gehen wir eine Woche vorher zum Verein und stellen uns vor.“ Das funktioniere gut. Mannschaften, gegen die TuS Makkabi früher mit Polizeischutz gespielt habe, würden sie heute zu Turnieren einladen.

          Den Julius-Hirsch-Preis hält er für wichtig: „Erstens motiviert es die Vereine, sich zu engagieren. Und zweitens rückt der DFB das Thema damit klar in den Vordergrund.“ Dem stimmten auch die Toten Hosen zu: „Man kann als Fußball-Fan ja viel am DFB rumzunörgeln haben“, sagte Gitarrist Breiti, „aber das hier ist eine super Sache.“ Im Sport, so Sänger Campino, finde „aktive Integration“ statt, die die Gesellschaft zu häufig an Vereine weiterschieben würde. Er wolle sich nicht auf die Schulter klopfen, weil seine Band für ihr politisches Engagement ausgezeichnet werde, das sei „keine besondere Leistung“. Man müsse sich einsetzen, so Campino, nicht nur gegen Rassismus und Antisemitismus sondern gegen Homophobie und Mobbing aller Art.

          Ein Beispiel für dieses Engagement waren die drei anderen Preisträger des Abends, die jeweils 7000 Euro erhalten. Sowohl die Johann-Friedrich-von-Cotta-Schule und das Kickers-Fanprojekt in Stuttgart als auch der VfL Osnabrück beschäftigen sich intensiv mit der Nazivergangenheit. FC Ente Bagdad, eine im Fußballverein Vitesse Mayence in Mainz organisierte Hobbyfußballtruppe, setzt sich unter dem Motto „You’ll never watschel alone“ aktiv für Integration und gegen Antisemitismus ein und trägt zum Spiel auch mal geschlossen Kippa. Denn, so waren sich an diesem Abend alle einig, im Bezug auf den Nationalsozialismus gebe es nur zwei Worte: „Nie wieder!“

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