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DFB-Skandal : Der Sport ist ein grenzenloses Geschäft

  • -Aktualisiert am

Lichtgestalt im Dunkel: Das Ansehen von Franz Beckenbauer und dem deutschen Sport leidet Bild: AP

Auch die Deutschen sind Teil eines Systems von Manipulation und Korruption im Sport, wie der Skandal um die Vergabe der WM 2006 zeigt. Die Politik will nun gegensteuern mit einem Anti-Dopinggesetz.

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          Auch wir, die rechtschaffenen Deutschen, erzählen also der Welt nur Märchen? Die traumhafte Fußball-WM 2006 scheint sich zu einem Albtraum zu entwickeln. Daran hat auch die sogenannte Lichtgestalt des deutschen Fußballs, Franz Beckenbauer, ihren Anteil. Wir sollten also aufwachen. Und zur Kenntnis nehmen, dass sich die Führung des Internationalen Fußball-Verbandes nur dank ihres Netzwerkes zu einem Krebsgeschwür des Fußballs entwickeln konnte.

          Auch die Deutschen haben an diesem Spiel teilgenommen. Schon lange vor der Wirtschaft trieb der Spitzensport eine Globalisierung voran, die sich auch an Manipulationsgeschichten ablesen lässt. In diesen Tagen wird die kriminelle „Zusammenarbeit“ des Internationalen Leichtathletik-Verbandes mit russischen Trainern, Athleten und Doping-Fahndern en détail beschrieben. Aber ja, die Russen, wer sonst, ist man geneigt zu glauben. Dabei sind Manipulation und Korruption im Sport ein grenzenloses Geschäft.

          An Doping verdient jeder Beteiligte

          Wer wüsste das nicht besser als die Deutschen? Während des Kalten Krieges haben sie sich in einen skrupellosen Wettspritzen-Rausch getrieben. Ihr Wissen war begehrt. Bis heute lässt sich nachweisen, dass nicht nur deutsche Maschinen ein Exportschlager sind. Auch in Herzogenaurach hätte man ein Patent anmelden können. Die Idee, Sportfunktionäre aus aller Welt in einen Geschäftsplan einzubeziehen, hat Horst Dassler, der damalige Adidas-Chef, entwickelt.

          Damals mögen seine Mittel nicht strafbar gewesen sein. Und heute sind sie, zumindest mit Blick auf die mögliche Bestechung vor der Wahl des WM-Ausrichters 2006, verjährt. Aber es ist kein Zufall, dass in dieser Affäre der verstorbene Robert Louis-Dreyfus als „Kreditgeber“ (nicht nur des verurteilten Steuersünders und ehemaligen Bayern-Managers Uli Hoeneß) eine Rolle spielt. Der Franzose war damals Vorstandsvorsitzender von Adidas und Geschäftspartner des DFB, der den Ausrüstervertrag 2007 trotz eines wesentlich höheren Angebotes von Nike verlängerte.

          Sport ist kein Privatbesitz von Funktionären

          Die jüngsten Enthüllungen sind die Folge eines freischwebenden Sportsystems. Spitzenfunktionäre verdammen zwar jegliche Form von Manipulation zum Schutz der Förderungswürdigkeit durch Staat und Wirtschaft. Aber Mikroökonomen haben mit Modellrechnungen längst die theoretische Grundlage für die Praxis nachgewiesen: An Doping verdient jeder Beteiligte. Für die Korruption gilt das Gleiche. Auch dem WM-Organisationskomitee ging es ums Geschäft. Korruption mag zwar zunächst nicht die Sportler treffen. Aber indirekt müssen sie doch dafür büßen.

          Die Bereitschaft der Bürger, Steuergelder in Turniere oder Olympische Spiele zu investieren, sinkt gerade rapide. Langfristig wird sich die Gesellschaft fragen müssen, ob der Staat ein Förderer bleiben kann. Denn Funktionäre schaffen ein System, das ihnen Macht, Weltreisen und Anerkennung sichert, nicht aus freien Stücken ab.

          Selbst die Integren stützen mit ihrer Passivität den Verrat an den Werten des Sports. Man kann das hinnehmen und zuschauen, wie sich Sportorganisationen zugrunde richten. Die Politik in Deutschland aber hat anderes im Sinn. An diesem Mittwoch wird der Sportausschuss des Bundestages ein scharfes Anti-Doping-Gesetz auf den Weg bringen - gegen den Willen vieler Verbände. Das ist ein kleiner Lichtblick. Wenn der Gesellschaft etwas an der freien Entfaltung junger Menschen im Sport liegt, dann muss sie eingreifen. Der Sport ist kein Privatbesitz von Funktionären. Er muss geschützt werden. Denn er gehört uns allen.

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

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