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DFB-Affäre : Sturmreif geschossen

Der Lack ist ab: Die schwerste Krise des Deutschen Fußball-Bunds erschüttert den deutschen Fußball Bild: Imago

Lügen, Legenden, Tricksereien: Der DFB bietet in der gefährlichsten Krise seiner Existenz eine katastrophale Verteidigung. Der Präsident ist handlungsunfähig, die Drecksarbeit soll Zwanziger erledigen. Acht Forderungen, was sich ändern muss.

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          Der ehemalige Präsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), Theo Zwanziger, unterstellt den höchsten Amts- und Würdenträgern des deutschen Fußballs, bei Erläuterungen zur Aufklärung des Korruptionsskandals im Verband zu lügen und zu tricksen: nämlich Wolfgang Niersbach, Zwanzigers Nachfolger als DFB-Präsident, aber auch dem ehemaligen Nationalspieler Günter Netzer, dem Zwanziger in der jüngsten Ausgabe des „Spiegels“ nachsagt, von einem Stimmenkauf während der Bewerbung um die WM 2006 gesprochen zu haben.

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Michael Ashelm

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Christoph Becker

          Schließlich soll das Mitglied des WM-Organisationskomitees (OK) Horst R. Schmidt in dieser Woche eine plausible Erklärung für die vom DFB eingeräumte getürkte Überweisung des OK von 6,7 Millionen Euro an den Internationalen Fußballverband (Fifa) zur Beruhigung der Öffentlichkeit konstruiert haben: Es sei eine von Fifa-Präsident Blatter gegenüber Franz Beckenbauer geforderte Vorabzahlung gewesen für den Zuschuss der Fifa in Höhe von 170 Millionen Euro. Und das zwei Jahre nach der Vergabe der WM im Juli 2000. Also: keine schwarze Kasse, kein Stimmenkauf unter der Führung des Kaisers, ein ehrlich erworbenes Sommermärchen, wie Niersbach behauptet. Zwanziger widerspricht vehement und riskiert viel: Prozesse und seinen Ruf. Er will angeblich allein der Wahrheit dienen.

          Gezielte Schüsse auf den Nachfolger: Der ehemalige DFB-Präsident Theo Zwanziger (r.) attackiert Wolfgang Niersbach

          Sicher ist, dass das selbsternannte Sturmgeschütz der Aufklärung den DFB mit gezielten Schüssen vor sich hertreibt. In der gefährlichen Krise bietet der größte und reichste Fußball-Verband der Welt eine katastrophale Verteidigung, als habe er keine Argumente entgegenzusetzen. Der DFB ist hilf- und führungslos. Das muss Folgen haben.

          Rücktritt Niersbach

          Das Präsidium des DFB steht nur noch hinter seinem Vorsitzenden, weil nicht geklärt ist, ob der Chef erst im Sommer 2015 von der Zahlung der 6,7 Millionen Euro durch das WM-Organisationskomitees an Robert Louis-Dreyfus via Fifa erfahren hat, wie er sagt. Der Adidas-Boss, ein Geschäftspartner des DFB, soll dem OK ein Darlehen zur Erfüllung der Fifa-Forderung bewilligt haben. Laut Zwanziger und dem damaligen DFB-Generalsekretär Horst R. Schmidt soll Niersbach schon rund um die treuwidrige Rückzahlung 2005 („Zuschuss Kulturprogramm“) über ein Konto der Fifa eingeweiht gewesen sein.

          Demut ist angebracht: Wolfgang Niersbach besitzt nicht mehr die nötige Glaubwürdigkeit

          Das spielt aber bei der Frage, ob der DFB-Präsident bleiben kann, keine Rolle mehr. Niersbach hat seinen Präsidialausschuss monatelang nicht über diese höchst brisante Dreyfus-Affäre informiert, erst am Freitag vor einer Woche. Erst seit diesem Termin prüft eine externe Kanzlei den Vorgang. Obwohl der DFB im Namen Niersbachs Presseerklärungen verbreiten ließ, die einen anderen Eindruck erwecken. Er hat nach eigenen Angaben intern forschen lassen, obwohl er als OK-Vizepräsident selbst Gegenstand der Untersuchungen sein müsste. Das ist ein Amtsmissbrauch, und das Verhalten erweckt den Anschein, Niersbach habe den Fall unter der Decke halten wollen. Die eingeräumte Mauschelei mit der Fifa wird es Niersbach als wenigstens politisch Mitverantwortlichem unmöglich machen, in Deutschland politische Unterstützung für die EM-Bewerbung 2024 zu gewinnen. Im Zuge der dringend notwendigen Reformierung des Weltfußballs wird die Stimme des höchsten deutschen Repräsentanten gegenwärtig kein Gewicht haben. Der Präsident ist national wie international handlungsunfähig.

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