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DFB-Affäre : Sturmreif geschossen

Aktiv im Reformprozess

Der Internationale Fußball-Verband (Fifa) steht nach wie vor am Scheideweg. Die Reformkräfte haben längst nicht gesiegt. Im Gegenteil: Hinter den Kulissen läuft sich der bahreinische Scheich Salman al Khalifa für eine aussichtsreiche Kandidatur als Fifa-Präsident warm. Der Chef der Asiatischen Fußball-Konföderation soll, so Menschenrechtsorganisationen, beim unterdrückten Volksaufstand in Bahrein 2011 Fußballspieler eingesperrt und gefoltert haben. Al Khalifa bestreitet das, zeigte sich aber 2012 gegenüber einem BBC-Reporter völlig verdattert, warum um alles in der Welt er sich für Meinungsfreiheit einsetzen sollte. Dass seine Kandidatur eine reale Möglichkeit ist, sagt viel über die Dringlichkeit der Reformaufgabe in den internationalen Verbänden.

Die Galionsfiguren des DFB in den vergangenen 15 Jahren - Beckenbauer, Niersbach, Zwanziger - haben in dieser Hinsicht versagt, verhindert, verheimlicht. Dabei gibt es allenfalls eine Handvoll Nationalverbände, die genügend Einfluss hätten, um in Fifa und Uefa endlich professionelle, saubere Strukturen einzuziehen. Der DFB ist, neben dem englischen und dem amerikanischen Verband, einer von ihnen.

Pressekonferenz : DFB-Präsident Niersbach erklärt Zahlung an Fifa

Vorwärts mit neuer Struktur

Die Verbandsstrukturen im DFB verhindern Transparenz und Kontrolle, fördern Abhängigkeiten sowie Gefälligkeiten alter Seilschaften. Während die Funktionäre beim DFB gerne das Bild einer modernen Sportorganisation vermittelten, liegen die Standards bei Führung und Compliance weit hinter denen des krisengeschüttelten Internationalen Fußball-Verbandes. Der DFB braucht eine interne Compliance- und eine Ethikkommission wie die Fifa, die mit unabhängigen, nicht weisungsgebundenen Personen besetzt werden. Diese Ethikkommission würde einerseits mögliche Verstöße gegen den Ethikkodex des Verbandes untersuchen, eine eigene Spruchkammer wäre für Urteile zuständig.

Der aktuelle Kontrollausschuss des DFB ist nicht unabhängig von Präsidium sowie Präsident und bisher auch nur durch Ermittlungseifer aufgefallen, wenn ein Spieler im Torjubel regelwidrig sein Trikot über den Kopf zog. Dass die jeweiligen Anti-Korruptions-Beauftragten beim DFB zugleich hohe Funktionäre in den Landesverbänden waren, ist grotesk. Unter Niersbach sind die Risiken des Machtmissbrauchs nicht reduziert worden. Während der DFB-Präsident Reformforderungen an die Fifa stellte, bremste er im eigenen Verband. Dabei sind die Verführungen groß: Der DFB setzt mit seiner Nationalmannschaft und den Großveranstaltungen Hunderte Millionen Euro um, schließt hochdotierte Verträge mit Sponsoren und Fernsehanstalten. Er muss also eine Amtszeitbegrenzung für seine Funktionäre einführen und in gehobenen Positionen Integritätsprüfungen durchsetzen.

Die Vergütungen der Funktionäre auch aus anderen Tätigkeiten im Fußball, zum Beispiel bei den internationalen Verbänden, müssen offengelegt werden, um Interessenkonflikte nachvollziehen zu können. Ehrenamt und Hauptamt müssten deutlicher getrennt werden. Das DFB-Präsidium sollte mit den Vertretern aus Liga und Landesverbänden eine Aufsichtsratsfunktion erhalten und das eigentliche Verbandsgeschäft von einem hauptamtlich angestellten Vorstand führen lassen, den es kontrolliert. Diese Reform setzt eine Satzungsänderung voraus. Sie ist nur mit Zustimmung der Mitgliederversammlung möglich. Der Prozess muss eingeleitet werden.

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