https://www.faz.net/-gtl-6lko2

Deutscher Olympischer Sportbund : Eine Vortänzerin in der Männerwelt

  • -Aktualisiert am

Neue Vizepräsidentin für Leistungssport: Christa Thiel Bild:

Christa Thiel soll als neue Vizepräsidentin im DOSB den deutschen Leistungssport voranbringen. Die Wiesbadenerin fühlt sich auf dem glatten Parkett selbst in hochhackigen Pumps sicher. Sie kommt aus dem Tanzsport, Disziplin Standard.

          Spitzensport? Das ist in der Regel allein Männersache. Vielleicht schon länger nicht mehr auf dem Feld der Ehre. Aber hinter den Kulissen ziehen die Herren der Schöpfung mit großem Übergewicht an den Strippen. Seit Samstag hat sich das Bild in Deutschland ein bisschen geändert. Der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) wählte auf seiner Mitgliederversammlung in München Christa Thiel mit 310 von 435 abgegebenen Stimmen (71 Prozent) zur neuen Vizepräsidentin für Leistungssport. Die Juristin folgt Eberhard Gienger. Der Bundestagsabgeordnete der CDU hatte mit seinem Gienger-Salto am Reck vor Jahrzehnten weltweit für Furore gesorgt, konnte aber nie auf der sportpolitischen Bühne landen. Christa Thiel fühlt sich dagegen auf dem glatten Parkett selbst in hochhackigen Pumps sicher. Sie kommt aus dem Tanzsport, Disziplin Standard.

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Jetzt geht's los? Frau Thiel fährt herum und zuckt mit den Schultern. Gemessen an der Aktivität Giengers winkt der neuen Chefin ein leichtes Spiel. Jeder radikale Schritt der ehrenamtlichen Führung im Leistungssport wäre der erste seit vier Jahren. Darüber waren sich viele der am Leistungssport interessierten Delegierten des DOSB am Freitag und Samstag einig. Die kritischen Anmerkungen des Soziologen Helmut Digel, einst Präsident des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV), in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (Sportsoziologe Digel im Gespräch: „Wir braten zu sehr im eigenen Saft“) wurden zwar nicht vorbehaltlos akzeptiert, aber weitgehend anerkannt. „Er hat in einigen Dingen sicher Recht“, sagte selbst der Direktor des Bereichs Leistungsport im DOSB, Ulf Tippelt.

          Auch Tippelt wünscht sich unter anderem eine intensivere Nutzung sportwissenschaftlicher Erkenntnisse, eine straffere Trainingsplanung, die Bereitschaft von Athleten und Trainern, sich in starken Trainingsgruppen der Weltspitze zu nähern. Tippelt, ein anerkannter Leistungssportexperte ist alles andere als ein Einpeitscher. Aber trotzt der Zielvereinbarung mit den Verbänden (Medaillenausbeute) hätte der Sachse im föderalen Sportsystem auch nicht die Macht dazu, von der DOSB-Zentrale in Frankfurt aus bis in alle Winkel der Bundesrepublik strenge Vorgaben zu machen. „Es geht nur über Kooperation.“

          Kurz nach ihrer Wahl drehte sie sich auf der Stelle

          Das Bindeglied für die Durchsetzung eines stringenteren Systems könnte nun Christa Thiel sein: „Ich kenne sie als sehr engagierte Funktionärin“, sagt Tippelt, „als eine Frau, die mit viel Schwung die Leute für sich gewinnen kann.“ Kurz nach ihrer Wahl wagte die Wiesbadener Vortänzerin keinen raumgreifenden Schritt. Sie drehte sich stattdessen auf der Stelle. „Im Wintersport sind wir Spitze, im Sommersport war Platz fünf auch nicht so schlecht. Ich werde mich jetzt nicht hinstellen und vorschreiben, wie es geht.“ So fing es damals auch an.

          Vorsichtig stieg die Anwältin 2001 als Präsidentin des Deutschen Schwimmverbandes ein. Längst macht sie die Welle, regiert in ihrem „Laden“, gewinnt Machtkämpfe in der Männerwelt - und verliert doch manches Gefecht. Den Wettbewerb um die Schwimm-WM 2013 gewann Dubai. Gelder und Sachleistungen von Adidas verlor der DSV 2009 nach einer öffentlichen Kritik von Athleten an den Schwimmanzügen aus Herzogenaurach. Da mochte die Präsidentin noch so Werbung machen. Ihre Athleten versagten das Gefolge: „Sie hat keine Ahnung“, sagte der Schwimmer Thomas Rupprath.

          „Letztlich hängt aber alles von den Personen ab“

          Christa Thiel mag Wasser geschluckt haben, sie blieb aber im Strudel von sportlichen wie finanziellen Problemen des DSV stets an der Oberfläche. Andere gingen unter. Auf das weitgehend enttäuschende Abschneiden ihrer Leistungssportfraktion unter der Leitung des teuren Norwegers Örjan Madsen bei den Sommerspielen in Peking reagierte sie mit der Berufung eines neuen Sportdirektors: „Lutz Buschkow“, sagt DOSB-Mann Tippelt, sei mit seiner Leistungssportkonzeption ähnlich wie die Leichtathletik unter neuer Leistungssportführung auf gutem Wege. „Das mag modellhaft sein“, sagte Christa Thiel in München, „aber ich werde nicht behaupten, der deutsche Spitzensport könne daran genesen. Ich schaue mir das jetzt erst einmal an.“

          Zeit gewinnen? Eher Vertrauen. Es gibt andere Modelle (Deutscher Ski-Verband), die Reibungsverluste in einem föderalen System zu minimieren und Leistungssport im Ansatz so zu organisieren wie in einem erfolgreichen Unternehmen. „Letztlich hängt aber alles von den Personen ab“, sagt der Kritiker Digel. Er bleibt skeptisch. Dabei besitzt Christa Thiel gegenüber ihrem Vorgänger Gienger einen enormen Vorteil. Bevor sie am Samstag ins DOSB-Präsidium aufrückte, war sie Sprecherin der Spitzenverbände, die sie nun auf Linie bringen soll. Sie kennt ihre Pappenheimer. Die meisten sind Männer.

          Weitere Themen

          Basler Festspiele, Pleite für Doll

          Europa League : Basler Festspiele, Pleite für Doll

          Der frühere Bundesligatrainer Thomas Doll unterliegt mit seinem Team gegen F91 Düdelingen. Celtic Glasgow gelingt derweil nur ein Remis, Standart Lüttich siegt in der Eintracht-Gruppe. Und der FC Basel bezwingt Krasnodar deutlich.

          Topmeldungen

          Das war nichts: Gegen Arsenal ist die Eintracht um Filip Kostic unterlegen.

          Heimdebakel in Europa League : Am Ende fällt die Eintracht auseinander

          Achtbarer Auftritt, bitteres Resultat: Frankfurt erspielt sich beim Start in die Europa League Torchancen in Hülle und Fülle, muss sich aber dem FC Arsenal geschlagen geben. In der nächsten Partie wird ein wichtiger Spieler fehlen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.