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Deutscher Fußball-Bund : Nicht handlungsfähig im freien Fall

  • -Aktualisiert am

DFB-Präsident Fritz Keller Bild: Picture-Alliance

Noch ein Versuch für eine gedeihliche Zusammenarbeit von Präsident Fritz Keller und Generalsekretär Friedrich Curtius? Die Entscheidung des DFB-Präsidiums blendet die Realität aus. Der Verband bleibt unregierbar.

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          Nicht die optimistischsten Schriftführer im Deutschen Fußball-Bund (DFB) werden an einen Erfolg ihrer Ankündigung vom Freitag glauben: dass der dokumentierte Vertrauensverlust zwischen DFB-Präsident Fritz Keller und Generalsekretär Friedrich Curtius jemals überwunden und zu einer gedeihlichen Zusammenarbeit führen wird. Trotzdem ließ das Präsidium den beiden Machtkämpfern keine Wahl, einer Erklärung zuzustimmen: „Nach intensiver und konstruktiver Aussprache im DFB-Präsidium werden wir im Sinne des Deutschen Fußball-Bundes (...) unverzüglich letztmalig einen gemeinsamen Versuch unternehmen, Regeln und Rollen für eine künftige gemeinsame professionelle Zusammenarbeit zu diskutieren und festzulegen“, heißt in dem vom DFB herausgegebenen Statement von Keller und Curtius. Selten war die Blendung durchsichtiger. Niemand soll nach dem siebenstündigen Marathon um die Entscheidung in der Machtfrage als Unterlegener vorgeführt werden. Dabei übersah das Gremium, wen es mit der Verlängerung des unwürdigen Spiels in den Abgrund stürzt: den DFB.

          Die Unfähigkeit des Präsidiums, die gewaltige Zerstörungskraft seiner Uneinigkeit zu erkennen, mag ihre Gründe haben. Vertreter der Amateure – sie besitzen die Mehrheit in diesem Gremium – glauben an eine Verschwörung der Profis gegen sie, an die feindliche Übernahme der DFB-Schätze durch die Deutsche Fußball-Liga. Die wiederum hat dem Generalsekretär quasi Hausverbot erteilt, weil sie eine Desinformationskampagne zu ihren Lasten in dessen Umfeld ausgemacht hat. Keller beklagt schon lange die Lancierung von DFB-Interna zu seinem Schaden. Auch Curtius kam zuletzt schlecht weg. Der DFB tritt nur noch als Intrigantenstadel in Erscheinung.

          Die Kämpfe um Positionen, um den Machterhalt oder Gewinn nicht allein zwischen Präsident und Generalsekretär bestimmen die Arbeit des größten und wichtigsten deutschen Sportverbandes. Seiner Führung haben die Delegierten die Pflege und Entwicklung der Nationalmannschaft als Wirtschafts- und Imagefaktor und nicht zuletzt das Wohl von rund 7,2 Millionen Mitgliedern anvertraut. Sie erwarten Lösungen. Stattdessen lähmt das Geschacher um die Posten den Verband in überlebenswichtigen Fragen: Auf das Desaster seiner einst ruhmreichen Auswahl hat er ebenso wenig eine überzeugende Antwort zu bieten wie auf die Folgen der Pandemie. In der größten Krise ist der DFB handlungsunfähig.

          Das Patt vom Freitag wird die Spielzüge über Bande, die gegenseitigen Vorwürfe und Unterstellungen verlängern. Und dabei auch vor Augen führen, welchen Fehler Keller machte, bevor er im Herbst 2019 unbelastet und einstimmig zum Präsidenten gewählt wurde. Er nahm den Verlust der Richtlinienkompetenz für den Präsidenten hin, verzichtete in den Verhandlungen darauf, sich ein Team seines Vertrauens zusammenstellen zu dürfen. Keller zog mit seinem erprobten Gottvertrauen ins Amt, Menschen überzeugen zu können, wie ihm das als Winzer, Gastronom und Hotelier gelungen ist. In einem Sportverband wie dem DFB muss Politiker in allen Facetten sein, wer sich durchsetzen will.

          Der Erklärung vom Freitag zum Trotz zählt auch Keller zu den Verlierern. Sollte er das Handtuch werfen, würde der kapitale Ansehensverlust des DFB noch deutlicher. Kein Stratege von Format und Ansehen wagt sich in dieses Amt – falls Kellers Gegner weiter schalten und walten. Es liefe auf eine interne Lösung hinaus. Unter den herrschenden Mehrheitsverhältnissen bliebe ein Gruppe am Zug, die schon vor Keller intrigant wirkte und den DFB nicht mal vor Steuerrazzien, Finanzstrafverfahren, des Verdachts der bewussten, schweren Steuerhinterziehung zu bewahren wusste. Obwohl das Risiko Jahre bekannt war.

          Solange das Präsidium wegen Verlustängsten sein Verderben ignoriert, wird der DFB unreformierbar und unregierbar bleiben. Das ist angesichts seines enormen Potentials als wohltuender Faktor für die Bewegung von Jung und Alt, für die gesamte Gesellschaft eine Schande.

          Anno Hecker
          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

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