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Der Widerstand wächst : Fifa-Reform vor dem Scheitern?

Mark Pieth warnt: „Es gibt Widerstand von Leuten, die Angst haben, etwas zu verlieren, und Leuten, die hoffen, in Zukunft noch etwas zu erreichen.“ Bild: dpa

Der Anti-Korruptionsexperte Mark Pieth kritisiert internationale Fußballfunktionäre. Uefa-Chef Platini spielt ein undurchsichtiges Spiel, Fifa-Vizepräsident Villar Llona opponiert hinter verschlossenen Türen.

          Die Hinweise, dass die Reformversuche beim Internationalen Fußballverband (Fifa) intern von höchster Stelle immer mehr torpediert werden, verdichten sich. Der Basler Strafrechtler und unabhängige Reformbeauftragte bei der Fifa, Mark Pieth, will derzeit sogar ein Scheitern des Vorhabens nicht mehr ausschließen. „Wir haben Probleme. Es geht gerade ums Ganze. Es wäre schade, wenn die Chance nicht wahrgenommen würde und die Fifa wieder zehn Jahre verliert, weil sich unter den Gegnern ein neues Patronagesystem etabliert“, sagte der Schweizer Anti-Korruptions-Experte am Wochenende bei der Neujahrstagung der Wirtschaftsstrafrechtlichen Vereinigung in Frankfurt. „Es gibt Widerstand von Leuten, die Angst haben, etwas zu verlieren, und Leuten, die hoffen, in Zukunft noch etwas zu erreichen.“

          Michael Ashelm

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Vor Weihnachten hatte Pieth schon in einem Brief an den Europarat seine Bedenken formuliert und darin erstmals Kritik an Vertretern einiger europäischer Fußballverbände geäußert, die dem Fifa-Vorstand angehören. Zu diesen Mitgliedern zählt zum Beispiel der ambitionierte Fußballpräsident der Europäer, Michel Platini, dem das Interesse am Fifa-Chefsessel nach der Blatter-Zeit zugeschrieben wird. Als anpackender Reformer beim skandalumtosten Verband gibt sich der Franzose bislang nur in öffentlichen Sonntagsreden, in der Praxis hält er sich eher zurück und treibt ein undurchsichtiges Spiel.

          Hinter verschlossenen Türen opponiert der Spanier Angel Maria Villar Llona gegen wichtige Reformschritte. Als Fifa-Vizepräsident und spanischer Fußballchef ist er zugleich Vorsitzender der Fifa-Rechtskommission und nutzt diese Position anscheinend immer mehr dazu, sich bei der Komplettüberarbeitung der Fifa-Statuten, die vom deutschen Vertreter Theo Zwanziger vorangetrieben wird, querzustellen. Villar Llona bildet dabei eine Allianz mit der alten Südamerika-Fraktion im Fifa-Vorstand, deren Vertreter zum Teil schon seit Jahren wegen Bestechlichkeit im Zwielicht stehen. „Viele, von denen man denkt, dass sie etwas verändern wollen, denken nur an sich und ihre eigene Karriere“, sagte Pieth.

          Reformfreudig nur in Sonntagsreden: Uefa-Präsident Michel Platini

          Intern hoch umstritten ist vor allem die Forderung der Reformgruppe nach einer Integritätsprüfung für alle Mandatsträger der Fifa. Wer eine dubiose Vergangenheit hat und in Korruptionsfälle verwickelt ist, soll keine Positionen mehr für die Fifa bekleiden dürfen. Diese Prüfung soll künftig in der Verantwortung des Weltverbandes zur Regel werden. Für den Kriminologen Pieth ist dieser Punkt nicht verhandelbar. Fifa-Präsident Joseph Blatter sieht er dabei nicht als Verhinderer.

          Zu wenig Druck auf die Fifa

          Die Sportbeauftragte der Organisation Transparency International, Sylvia Schenk, bemängelte, dass trotz erster Ermittlungen durch die neue Ethikkommission der Fifa bislang noch zu viele Dinge aus der Vergangenheit ruhten. „Eine Aufarbeitung ist ganz wichtig und entscheidet darüber, ob der Verband in Zukunft seriös arbeiten kann“, sagte sie. Und hofft, dass große Sponsoren, die einen Reputationsschaden befürchten müssen, weiteren Druck auf die Fifa aufbauen. Hier erkennt Pieth bisher allerdings nur „Lippenbekenntnisse“. Er sieht den Leidensdruck auf den Weltverband noch zu gering und zog einen Vergleich zu Korruptionsfällen in der Wirtschaft. „Da kommen beim Unternehmen Staatsanwälte zur Tür herein, und es besteht die Gefahr, bei weiterem Fehlhandeln zum Beispiel von der Börse genommen zu werden. Diesen Druck gibt es für die Fifa nicht.“

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