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Der Sport und die Wetten : Steilpass aus Luxemburg

Auf Sieg gewettet: Der EuGH kippt das Wettmonopol - der deutsche Sport hofft auf Sponsorengelder wie Real Madrid (Foto: Mesut Özil und Sami Khedira beim Training in Spanien) Bild: AFP

Der Sport sieht eine große Chance im Urteil des Europäischen Gerichtshofs, das staatliche Monopol auf dem Wettmarkt in Deutschland zu kippen. Die staatlichen Lottogesellschaften sehen das naturgemäß anders. Das politische Ringen geht weiter.

          Der deutsche Sport steht vor einer möglicherweise weitreichenden Neuregelung des Sportwettenmarkts. Das ist die Konsequenz des Urteils des Europäische Gerichtshofs (EuGH), mit dem die Luxemburger Richter das in Deutschland bislang geltende staatliche Monopol für Lotteriespiele und Sportwetten gekippt und mit sofortiger Wirkung für ungültig erklärt haben. Allerdings halten die Richter ein Monopol für solche Glücksspiele nicht grundsätzlich für rechtswidrig, sondern fordern eine „systematische und kohärente Begründung“ für staatliche Einschränkungen, die in Deutschland derzeit nicht gegeben sei. Entscheidende Bedeutung hat nun die Neuregelung des für Lottospiele und Sportwetten maßgeblichen Glücksspielstaatsvertrags, über den die Ministerpräsidenten der Bundesländer noch in diesem Jahr beraten wollen.

          Die deutschen Sportverbände und Profiligen haben das Urteil, mit dem auch Experten nicht unbedingt gerechnet hatten, überrascht, aber durchweg positiv aufgenommen. Im Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB), bei der Stiftung Deutsche Sporthilfe, im Deutschen Fußballbund (DFB) und bei der Deutschen Fußball Liga (DFL) hofft man darauf, dass nun das staatliche Wettmonopol fällt, während das Lottomonopol nach einer gesetzlichen Neuregelung aufrechterhalten werden soll. Dafür werben sie seit längerem auf der politischen Bühne.

          Thomas Bach, Präsident des DOSB, sprach von einem „Meilenstein“, sein Generaldirektor Michael Vesper sagte dieser Zeitung, das Urteil bedeute für den deutschen Sport „eine große Chance“. Er sei „sehr froh, dass genau das Modell, das wir vertreten, durch den Europäischen Gerichtshof gestärkt ist“. Auch Michael Ilgner, Vorstandsvorsitzender der Stiftung Deutsche Sporthilfe, sprach von einem „sehr positiven Urteil“. Er sieht gute Chancen, die wesentliche Finanzierung der Sporthilfe durch die staatliche „Glücksspirale“ aufrechtzuerhalten, und über eine kontrollierte Öffnung des Wettmarkts für private Anbieter in Deutschland neue Finanzierungsmodelle zu ermöglichen.

          „Meilenstein”: DOSB-Präsident Bach

          Öffnete sich das Glücksspielmonopol, so die Übereinkunft zwischen Profiligen und Sportverbänden, wird dem gemeinnützigen Sport ein jährlicher Zuschuss von 80 Millionen Euro versprochen, der sich aus dem Obolus finanzieren soll, den die Sportwettenanbieter zu entrichten hätten. Vom Nutzen dieses angedachten Modells sind allerdings nicht alle Vertreter des Breitensports überzeugt. Rolf Müller, Vorsitzender des Landessportbunds Hessen, forderte Bach nach dessen Reaktion auf das Urteil zum Rücktritt auf - der DOSB-Präsident habe in seinem Interesse, Präsident des Internationalen Olympischen Komitees zu werden, „den ehrenamtlich geführten Sport aus den Augen verloren“. Bach vertrete lediglich Interessen des DFB und der DFL, so Müller.

          Christian Seifert, Geschäftsführer der Deutschen Fußball Liga, sieht durch das Urteil die Einschätzung der DFL bestätigt, allerdings noch keinen Durchbruch auf dem Weg zur vom Profifußball als treibender Kraft angestrebten kontrollierten Öffnung des Sportwettenmarkts: „Dazu muss auch der politische Wille zur Veränderung gegeben sein.“

          Die Lottogesellschaften wollen das Monopol halten

          Die deutschen Lottoanbieter sehen auch noch kein grundsätzliches Aus des Monopolmodells. „Wir vertrauen auf die Politik in Bund und Ländern, dass die notwendigen Maßnahmen ergriffen werden, damit das in Deutschland bewährte Staatsvertragsmodell Bestand haben wird“, heißt es in einer Erklärung des Präsidenten der Staatlichen Lotterieverwaltung Bayerns, Erwin Horak. Der EuGH habe klargestellt, dass „die EU-Mitgliedstaaten entscheiden können, ob sie ein Kommerzmodell oder ein am Gemeinwohl orientiertes Staatsvertragsmodell wollen“.

          Die bisherige Regelung, die Wetten auf Sportereignisse - mit Ausnahme von Pferderennen - einzig den staatlichen Lottogesellschaften über ihr „Oddset“-Angebot erlaubt, hatten die Bundesländer mit den Suchtgefahren begründet, die von Sportwetten und anderen Glücksspielen ausgingen. Dagegen hatten acht Vermittler ausländischer Wettanbieter bei verschiedenen deutschen Gerichten geklagt, die ihre Fälle dann dem EuGH vorlegten.

          Die Europarichter sehen nun einen nicht hinnehmbaren Widerspruch darin, bestimmte Glücksspiele auf staatliche Gesellschaften zu begrenzen, die ihre Angebote aber profitorientiert bewerben. Im Urteil sprechen die Richter um EuGH-Präsident Vassilios Skouris von „intensiven Werbekampagnen“ der Lottogesellschaften, deren Ziel die „Gewinnmaximierung“ sei. Zudem hätten Automaten- und Kasinospiele ein deutlich höheres Suchtpotential, unterliegen in Deutschland aber nicht dem Staatsmonopol. Stattdessen duldeten die deutschen Behörden die Werbung für diese Spiele oder ermunterten die Veranstalter gar dazu, wird im Urteil bemängelt.

          „Oddset“ ist nur ein Bruchteil des Lottogeschäfts

          Der Umsatz der „Oddset“-Wetten ist seit Jahren rückläufig und macht im Geschäft der Lottogesellschaften nur noch einen Bruchteil aus. Wurden 2005 noch über 500 Millionen Euro umgesetzt, waren es im vergangenen Jahr 180 Millionen Euro. Allerdings nutzen nach Schätzungen etwa 95 Prozent der Wetter Angebote von Anbietern aus dem Ausland, entweder über das Internet oder in Wettbüros, die Wetten ausländischer Anbieter vermitteln.

          Wie das politische Ringen um die Neugestaltung des Glücksspielmarkts in Deutschland ausgehen wird, lässt sich derzeit noch nicht absehen. Am 16. September diskutieren die Chefs der Staatskanzleien der Länder das Thema. DOSB-Generaldirektor Vesper sieht den bisherigen Zeitplan, nach dem die Ministerpräsidenten noch in diesem Jahr im Grundsatz über die künftige Regelung entscheiden wollen, zumindest in Frage gestellt. Auch wenn die politischen Auswirkungen des Urteils noch unklar seien, sagt Vesper, wäre es keine Überraschung, wenn es länger dauern würde: „Einen Schnellschuss kann man jetzt nicht machen.“

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