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„Corona-Klausel“ im Eishockey : Zwist um Verzicht

  • -Aktualisiert am

Streit um das Pekuniäre statt um den Puck: Harte Bandagen im deutschen Eishockey. Bild: dpa

Freiwilligkeit auf Art des Eishockeys: Nur wenn ihre Profis auf Lohn verzichten, bekommen die Vereine eine Lizenz erteilt. Von „Erpressung“ und „Nötigung“ ist die Rede.

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          Am Montagmorgen hat die Deutsche Eishockey Liga (DEL) eine Mitteilung verschickt: „Lizenzprüfungsverfahren: Alle 14 DEL-Klubs reichen Unterlagen ein“, lautete die Überschrift. Und viel mehr stand auch nicht drin. Lediglich noch, dass die Zweitligaklubs aus Frankfurt, Kassel und Bietigheim ihre Unterlagen für die Saison 2021/22 abgegeben haben – in der kommenden Spielzeit werden ja Auf- und Abstieg wiedereingeführt.

          Doch zu dem Thema, das das deutsche Eishockey seit Tagen bewegt, fand sich nichts. Nicht ein Satz ging auf die Diskussionen um einen Gehaltsverzicht der Spieler wegen der Corona-Pandemie ein. Dabei hatte DEL-Chef Gernot Tripcke zuletzt mehrfach betont, die „freiwillige“ Zusage der Profis sei zwingend für die Lizenzierung. Könne ein Klub seine Spieler nicht dazu bewegen, die neue Corona-Klausel zu unterschreiben, dürfe er nächste Saison nicht in der DEL spielen. Das gelte selbst für Teams, die trotz der Krise genug Geld haben, um volle Gehälter zu zahlen. Von Freiwilligkeit im Wortsinn kann also keine Rede sein. Doch welcher Klub die Unterschriften nun zum Stichtag am vergangenen Sonntag präsentieren konnte, darüber schweigt die Liga. Auch auf Nachfrage.

          Klar ist aber bereits: Längst nicht jeder der 14 DEL-Klubs lieferte Zusagen sämtlicher Spieler. Die Bremerhavener und die Augsburger sollen das getan haben, die Eisbären Berlin aber beispielsweise nicht, wie Geschäftsführer Peter John Lee der „Berliner Morgenpost“ sagte. Nach Informationen dieser Zeitung gilt das auch für mehrere andere Vereine. Dass sie nun allesamt keine Lizenz erhalten, ist aber nicht zu erwarten. Dazu passt der Satz von Tripcke, den die DEL später am Montag verschickte: „Wir starten jetzt mit dem Prüfungsverfahren. Dies wird wie immer bis voraussichtlich Ende Juni dauern.“ Was auch bedeutet: Die Klubs haben noch Zeit, die Zusage der Spieler nachzureichen. Unüblich ist es in der DEL ohnehin nicht, dass die Unterlagen zum Stichtag nicht final sind. Es kann immer mal vorkommen, dass ein wichtiger Sponsorenvertrag erst später unterschrieben und eingereicht wird.

          Nun gilt das auch für das Konzept, nach dem den Spielern lediglich 75 Prozent ihrer Gehälter ausbezahlt werden. Ob der Rest fließt, hängt davon ab, wie viel die Klubs im Verhältnis zum Vorjahr verdienen. Also ob die Saison wie üblich mit 52 Spieltagen vor Zuschauern stattfindet. Aber das kann derzeit niemand sagen, eine Verschiebung oder gar eine Verkürzung der Saison stehen im Raum. Zudem sollen die Spieler unterschreiben, bis zum Start in Kurzarbeit zu gehen.

          Dagegen regt sich Widerstand, zwar sind die Spieler zum Verzicht bereit, aber nicht unter diesen Bedingungen. Der Sportinformationsdienst berichtete, dass „hinter vorgehaltener Hand“ Worte wie „Erpressung“ und „Nötigung“ gefallen sein sollen. Mehrere Dutzend Spieler haben sich zusammengeschlossen, eine Gewerkschaft ist in der Gründung, der Kontakt zu Athleten Deutschland steht. Auch mit ehemaligen Eishockeyprofis wie Uli Hiemer, die vor Jahrzehnten schon mal eine Gewerkschaft gegründet hatten, die aber nicht lange durchhielt, haben sie sich ausgetauscht. Geht es nach den Spielern, soll sich grundsätzlich etwas im deutschen Eishockey ändern. Sie wollen künftig gehört werden, bevor Entscheidungen getroffen werden.

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          Noch ist das alles aber Zukunftsmusik. Erst mal geht es um die Corona-Klauseln. Zwar gab es in der vergangenen Woche ein Gespräch zwischen Liga-Chef Tripcke und einem Anwalt, der einen Teil der Spieler vertrat, großartig angenähert haben sich die beiden Seiten aber nicht. Der Hauptkritikpunkt der Spieler: Sie fordern individuelle Lösungen. „Die Verträge sind halt unterschiedlich. Manche gehen über acht Monate, andere über zwölf, einige Spieler haben im Sommer Niedriglohnphasen, einige bekommen die Wohnung vom Verein, andere zahlen ein Haus ab“, sagt der Kölner Nationalspieler Moritz Müller, neben dem Nürnberger Patrick Reimer einer der Wortführer.

          Auch bei den Vereinen sind die Voraussetzungen verschieden. Einige haben solvente Konzerne oder Mäzene im Hintergrund, andere sind mehr von kleinen Sponsoren und den Einnahmen am Spieltag abhängig. Wie sie durch die Krise kommen, ist grundverschieden. Deswegen wollen die Spieler wissen, welcher Klub genau was braucht. Dafür müssten sie aber in die Bücher gucken dürfen. Doch das soll nicht überall erlaubt sein. Obwohl die Liga ihre Klubs offenbar dazu aufgerufen hat, größtmögliche Transparenz zu schaffen. Solange es die aber nicht gibt, dürften die Diskussionen im deutschen Eishockey weitergehen.

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