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DDR-Sportflüchtlinge : Medaille im Pappkarton

Grenze des Schreckens: Die Berliner Mauer mit Sperranlagen und Todesstreifen im Jahr 1965 Bild: dpa

Zwei Welten und ein „Eiserner Vorhang“: Eine Ausstellung im Willy-Brandt-Haus in Berlin zeigt die erschütternden Geschichten von DDR-Leistungssportlern, die zu sogenannten „Sportverrätern“ wurden - und die Umstände, die sie zur Flucht trieben.

          Während Renate Bauer von ihrer Flucht aus der DDR spricht, hält sie das Bild ihrer Silbermedaille von den Olympischen Spielen 1972 in München in der Hand. Es erzählt eine eigene Geschichte. Das Schwarzweißfoto entstand, nachdem die Schwimmerin 1979 über Ungarn geflohen war, und überdauerte mehr als zwanzig Jahre in einem Aktendeckel. Renate Bauer fand den Papierabzug, als sie lange nach dem Fall der Mauer die Spitzelberichte einsah, die über sie verfasst worden waren. Der Staatssicherheitsdienst hatte die Trophäen fotografiert, die Renate Bauer zurücklassen musste, und weggegeben. Als sie in ihrer Heimatstadt Chemnitz an einer Podiumsdiskussion teilnahm, drohte die ehemalige Sportlerin, sie werde denjenigen anzeigen, der ihre Medaille von den Olympischen Spielen 1972 in München gestohlen habe. Wenig später klingelte es an der Tür des Elternhauses, und ein Mann lieferte einen Pappkarton ab. Darin fand sich unter anderem die Silbermedaille.

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Es ist berührend, wenn in der Ausstellung „ZOV Sportverräter“ im Willy-Brandt-Haus in Berlin – ZOV steht für Zentralen Operativen Vorgang der Staatssicherheit – Renate Bauer mit dem Bild in der Hand ihre Geschichte erzählt. Fünfzehn Schicksale hat Laura Soria in Installationen verwandelt, in Denkmale, wie die Mexikanerin sagt. Auf große Fotos projiziert sie wenige Minuten lange Filme, in denen ehemalige Sportlerinnen und Sportler von ihrer Flucht aus der DDR sprechen, von den Umständen, die sie dazu trieben, und von den Dämonen, denen sie danach begegneten.

          Die Silbermedaille von Renate Bauer zeigt, wie sogar fünfzig Jahre nach dem Bau der Mauer die Handlanger der vergangenen Macht immer noch Augen und Ohren offen halten. Als Renate Bauer in den achtziger Jahren dem österreichischen Fernsehen ein Interview über das System der Kinder- und Jugendsportschulen zugesagt hatte, drohte die DDR damit, Verträge mit österreichischen Unternehmen platzen zu lassen. Unter Polizeischutz wurde die ehemalige Schwimmerin ins Studio gebracht. „Ich konnte mir nicht erlauben“, sagt sie über die Wirkung der Bedrohung, „die Wahrheit zu sagen.“

          Die Mauer sorgte dafür, dass Athleten härter trainierten

          Auch Karin Balzer hat den langen Arm der Macht erfahren. Sie sei entsetzt gewesen, wie viele Spitzel auf sie angesetzt gewesen waren, erzählt die ehemalige Hürdensprinterin: „Und noch viel schlimmer ist, dass herausgekommen ist, dass ein IM seit 1964 ganz bewusst meinen Ruf bis heute geschädigt hat.“ Dabei haben Karin Balzer, 1964 Olympiasiegerin, und ihr Mann und Trainer vor 53 Jahren dem Druck nachgegeben, mit dem die Staatssicherheit systematisch viele von der Flucht abhielt und denjenigen, die sie wagten, das Leben zur Hölle machte: Sippenhaft. Es war 1958, als die Balzers mit der S-Bahn über die Berliner Sektorengrenze in den Westen fuhren und von dort nach Süddeutschland flogen. Nach einigen Wochen brachten zwei Unbekannte ihren Vater. Stammelnd illustrierte er, was die beiden Agenten Karin Balzer und ihrem Mann für ihre Angehörigen in der DDR ausmalten. „Wir konnten nicht zulassen, dass sowohl seine Eltern als auch meine Eltern und Geschwister darunter zu leiden hatten, dass wir in der Bundesrepublik Deutschland blieben“, entschied das Paar und kehrte zurück. Mit Sperre und Versetzung in die Produktion war es nicht getan. Beim Blick in ihre umfangreichen Stasiakten wurde ihr bewusst, sagt die 72 Jahre alte Karin Balzer, dass der Staat ihr nie verziehen habe.

          Drei Jahre nach Flucht und Rückkehr zementierte Walter Ulbricht, am 13. August 1961, in Berlin die Teilung: Er ließ die Mauer bauen, die Berlin von Berlin, Deutschland von Deutschland und Europa von Europa trennte. Die Abgrenzung wirkte zumindest im Sport, den die DDR zum Vergleichskampf der Systeme stilisierte, wie der Deckel auf einem Topf und erhöhte Druck und Temperatur. Sportliche Spitzenleistung war eine der ganz wenigen Möglichkeiten, sich für den Sprung über die Mauer zu qualifizieren. Die Mauer sorgte dafür, dass Athleten härter trainierten, hielt sie dazu an, die Struktur von Befehl und Gehorsam sowie staatlich verordnetes Doping zu ertragen. Nicht zuletzt wurden die Trainer mit Reisen belohnt, wenn sie ihre Athleten zu außergewöhnlichen Leistungen brachten.

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