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DDR-Legende Gustav-Adolf Schur : Genannt „Täve“

Schur bei der Friedensfahrt 1955 Bild: akg-images

Ruhm, wem Ruhm gebührt? Was Gustav-Adolf Schur denkt, scheint aus einem DDR-Propagandamuseum zu stammen. Er war aber - und ist vielen bis heute - das größte Sportidol der DDR, der Max Schmeling des Ostens.

          Selbstverständlich zählt Gustav-Adolf Schur sich zu den Guten. Man hat es ihm oft genug bestätigt. Schon 1958, als er zum ersten Mal Amateurweltmeister der Radrennfahrer wurde. Da bekam er eine Handwurzelentzündung vom vielen Händeschütteln. „Maaaann", erzählt Schur lachend, „ich konnte mich kaum retten." Die Massen von Briefen, die er bekam, auch die Liebesbriefe und Heiratsanträge, sind im Friedensfahrt-Museum in Kleinmühlingen archiviert, und es kommen immer noch genügend nach. Schur wird bis heute herumgereicht, redet in Schulen und wandert mit Senioren. In Magdeburg ist eine Bronzeplatte mit seinem Namen im Gehsteig eingelassen. In Podersdorf bei Wien gibt es noch eine Platte mit seinem Handabdruck. Dann eine weitere in Lichtenstein in Sachsen. Und in Thale im Harz wurde ein Hufeisen mit seinem Namen in den Asphalt versenkt. „Vor anderthalb Monaten habe ich es geputzt", sagt er freudig. „Das ist so herrliche Bronze."

          Evi Simeoni

          Sportredakteurin.

          Auch der Magdeburger Taxifahrer kennt Schur. „Na klar", sagt er. „Der hat doch bei der WM 1960 seinem Mannschaftskameraden Eckstein selbstlos den Vortritt gelassen." Gustav-Adolf Schur, den alle "Täve" nennen, weiß selbst Bescheid, wer er ist. "Ich bin bekannt wie ein bunter Hund." Er war - und ist vielen bis heute - das größte Sportidol der DDR, der Max Schmeling des Ostens. Dieses Wissen ist die Straße seines Lebens. In diesem Frühjahr hat die Stiftung Deutsche Sporthilfe ihm trotzdem die Aufnahme in ihre „Hall of Fame" verweigert. Der Boxer Schmeling ist drin.

          Täve, achtzig Jahre alt, immer noch drahtig, ist an seinem freien Sonntag 60 Kilometer geradelt. Tags darauf sitzt er in seinem Eigenheim in Heyrothsberge nahe Magdeburg und isst seinen Kuchen mit großem Appetit, Schokoladenkuchen, den eine Verehrerin geschickt hat. „Es tangiert mich, ja", sagt er. „Es gehört zum Stolz eines Sportlers, in die Hall of Fame zu kommen." Die Sporthilfe hat keine Gründe für ihre Ablehnung angegeben, doch die liegen auf der Hand. Ihr hoher Anspruch ist es, nicht nur sportlich erfolgreiche, sondern gleichzeitig auch ethisch-moralisch vorbildliche Athleten in ihre - lediglich im Internet existierende - deutsche Ruhmeshalle aufzunehmen.

          „Absolut unterlegen“

          Täve Schur aber steht noch heute für die Leitbilder der jungen DDR, für den gefühlten Erfolg einer neuen Gesellschaft. Er war von 1958 bis 1990 Abgeordneter der Volkskammer, von 1998 bis 2002 saß er für Gregor Gysis PDS im Bundestag. Er ist ein ehrlicher Mann und sagt, was er denkt. Doch das, was Schur denkt, scheint aus einem geistigen DDR-Propagandamuseum zu stammen. Selbst viele alte Zeitgenossen wenden sich erschrocken ab, wenn Schur politisch wird. Er ist zum Beispiel bis heute ein Verfechter des Mauerbaus. Er verharmlost das grausame Dopingsystem der DDR. Er rechtfertigt die gewaltsame Niederschlagung des Ungarn-Aufstands 1956. Und wenn er sich etwas wünschen dürfte, dann, dass die Verhältnisse wieder so würden wie in der DDR.

          „Das käme dem Ideal schon ein Stück näher." 1998, im Jahr, als die PDS Schurs Popularität für ihren Wahlkampf ausbeutete, entlockte ihm der Berliner Starjournalist Alexander Osang sogar ein unbedachtes Lob für Adolf Hitlers Autobahnbau und schrieb darüber. Seitdem fürchtet Schur, dass Reporter ihm Mikrofone anheften, um parat zu sein, wenn er etwas Blödes sagt. „Die wollen mich reinlegen", sagt er.

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