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Das Spiel mit der Gesundheit : Volkssport Doping

Volkssport Doping: Die Verbreitung ist flächendeckend Bild: dpa

Deutschland plant ein scharfes Anti-Doping-Gesetz für Profis. Doch sie sind nur die Spitze des Eisbergs. Geschluckt und gespritzt wird überall - auch ganz unten. Die Verbreitung ist flächendeckend.

          Ben Johnson, Jan Ullrich, Lance Armstrong - überführte Doper allesamt. Wenn die Fahnder einen Eliteathleten erwischt haben, ist die Entrüstung groß. Wie können sie nur! Betrüger, die schlucken und spritzen, die alles dem Erfolg opfern, die Moral und womöglich auch ihre Gesundheit! Der angewiderte Zuschauer wendet sich ab und beklagt das Schlechte in der Welt. Nun soll es den Dopern an den Kragen gehen, die große Koalition plant ein Anti-Doping-Gesetz für Spitzensportler, in Deutschland für rund 7000 Athleten, denen - sollte das Gesetz in der vorgelegten Form beschlossen werden - bis zu drei Jahre Haft drohen, falls sie dopen und dabei erwischt werden. Ein wichtiger Schritt im Kampf gegen Sportbetrug, keine Frage, aber wird man dem Phänomen Doping damit gerecht?

          Michael Eder

          Sportredakteur.

          Man wird es nicht, denn die entdeckten Doper im Spitzensport sind nur das, was spektakulär aus der Masse ragt: die Spitze des Eisbergs. Der Gebrauch leistungssteigernder Substanzen ist kein Phänomen allein des Spitzensports, sondern auch gängige Praxis im Freizeit- und Breitensport. Mehr noch: Millionen von Deutschen werfen sich abseits des Sports - in der Schule, bei der Arbeit, beim Studium - chemische Helfer ein. Die Pharmakologisierung unseres Lebens hat eine Dimension erreicht, gegen die die Exzesse im Spitzensport nur noch wirken wie ein kleiner Anhang. Mehr als 1,5 Millionen Deutsche gelten als medikamentenabhängig.

          Der Mainzer Psychiater Professor Klaus Lieb geht davon aus, dass rund zwei Millionen Deutsche „Hirndoping“ betreiben, also Medikamente nehmen, die ihr Wohlbefinden steigern, Medikamente gegen Müdigkeit, gegen Prüfungsangst, zur Stimmungsaufhellung, zur Leistungssteigerung. Amphetamine, Beruhigungsmittel, Ritalin - Medikamentenmissbrauch als Alltags-Doping.

          Seuchenartige Verbreitung von Schmerzmitteln

          Im Sport dasselbe Phänomen. Auch hier Medikamentenmissbrauch, wohin man schaut. Und nicht nur in der Spitze, sondern auch ganz unten, angefangen im Fitnessstudio. Der Schmerzmittelkonsum, darüber sind sich die Experten einig, breitet sich in Disziplinen wie Marathon, Triathlon, Schwimmen, Handball, Boxen, Fußball und vielen anderen schon in unteren Wettkampfklassen seuchenartig aus. Beim Gewichtheben und in der Leichtathletik zeigten Stichproben, wie Mario Thevis vom Zentrum für präventive Doping-Forschung an der Sporthochschule Köln sagt, „dass zum Teil 100 Prozent der getesteten Athleten Schmerzmittel genommen haben.“ Beim Bonn-Marathon 2010 räumten von mehr als 1000 Befragten 60 Prozent den Konsum von Schmerzmitteln vor dem Start ein. Beim Boston-Marathon 2005 waren es 61 Prozent der Frauen und 54 Prozent der Männer. Diclofenac und Ibuprofen sind des Läufers liebste Helfer, im Training und im Wettkampf. Beliebt ist auch Tramadol, ein verschreibungspflichtiges Opioid-Analgetikum, das, über längere Zeit angewendet, süchtig macht. Genommen werden die Mittel prophylaktisch - um weniger Schmerz zu spüren während der sportlichen Anstrengung.

          Aber Schmerzmittel sind nur eine Art des Missbrauchs von Medikamenten im Sport. Hunderttausende Sportler schlucken und spritzen. Und seit das Internet einen problemlosen Zugang zu Doping-Substanzen und Doping-Knowhow liefert, hat sich das Problem verschärft. „Die Medikalisierung unserer Gesellschaft ist kein Phänomen, das sich auf den Spitzensport reduziert“, sagt der Soziologe und Sportwissenschaftler Mischa Kläber, Ressortleiter beim Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) für Präventionspolitik und Gesundheitsmanagement. Eine Zahl mag die Dimension verdeutlichen: Die Welt-Anti-Doping-Agentur geht davon aus, dass pro Jahr weltweit etwa 19 Milliarden Dollar für Doping-Mittel umgesetzt werden. Tendenz steigend.

          Frankfurter Flughafen. Zollstation. Eine riesige Halle, groß wie ein Fußballfeld. Überall Laufbänder, kreuz und quer, 40.000 Päckchen und Pakete aus aller Welt laufen darüber, Tag für Tag. Für die Spürhunde der Zollfahndung ist das nichts. Zu viel Drogendampf in der Luft. Die Hunde drehen durch, können hier nicht eingesetzt werden. 40.000 Päckchen und Pakete pro Tag kann niemand kontrollieren, es ist unmöglich, all die Drogen und Medikamente herauszufischen, die per Post in Deutschland eintreffen. Die Beamten müssen sich auf Stichproben beschränken, Routine ist gefragt. Die Poststücke laufen über Bänder, erfahrene Beamte sitzen am Rand und greifen ab und zu eines zur Begutachtung heraus. Prekäre Herkunftsländer gibt es viele: Tschechien, Polen, Russland, Thailand, die Ukraine, Japan, Indien, Kolumbien, die Türkei, der Kosovo. Manche Pakete werden durch einen Scanner geschickt, und der Mann am Bildschirm sagt gelangweilt: „Sehen Sie das? Kokain!“ Am Band finden sie Testosteron, Anabolika, Viagra in großen Mengen, alle möglichen Doping-Substanzen, auch exotische wie Finasterid, ein Haarwuchsmittel, das gern zur Verschleierung von Doping-Mitteln benutzt wird. Es sind meist geringe Mengen, die der Zoll aus der Post fischt, aber die Päckchen haben Adressaten, und wenn die nicht professionell verschleiert sind, können sie Auslöser für Fahndungen sein, an deren Ende große Funde von illegal eingeführten Mitteln stehen. Wie viel jeden Tag in den 40.000 Päckchen und Paketen durchrutscht an Medikamenten und Doping-Substanzen, kann man sich ausmalen. Es wird eine Menge sein - und ist doch nur ein verschwindend kleiner Teil dessen, was in Deutschland tagtäglich konsumiert wird.

          Kommerzielle Fitnessstudios - dort fängt es meistens an

          Als Keimzelle des Medikamentenmissbrauchs gelten kommerzielle Fitnessstudios, wobei - DOSB-Mann Kläber räumt das ein - auch vereinseigene Studios betroffen sind. Acht Millionen Deutsche trainieren in Studios, und in vielen haben sich unter Bodybuildern und Kraftsportlern früh Submilieus gebildet, eine Avantgarde des Dopings. Von hier aus beginnen die meisten Doping-Karrieren. Die Bodybuilder-Szene wirkt in den gesamten Freizeit- und Breitensport hinein, wie Kläber in seiner Dissertation „Doping im Fitness-Studio“ aufgezeigt hat. Neben Schmerzmitteln stehen im Freizeit- und Breitensport schon lange Medikamente wie Ephedrin, Clenbuterol und Anabolika im Fokus. Rund sieben Prozent der 16- und 17-Jährigen, schätzte das Kölner Biochemie-Institut schon 2007, würden anabole Steroide einnehmen, die meisten davon im Umfeld von Fitnessstudios. Kläber geht davon aus, dass es in deutschen Fitnessstudios deutlich mehr als eine Million „User“, sprich Doper, gibt.

          Es beginnt ganz sanft. Es gibt Fitnessstudios, die mehr als zehn Prozent ihres Umsatzes mit Nahrungsergänzungsmitteln und „Sportlerernährung“ erwirtschaften. Es gibt harmlose Varianten: Vitamin- und Mineralpillen, Eiweißpulver. Es gibt Carnitin zur Fettreduktion, isolierte Aminosäuren zur besseren Regeneration. In der Apotheke gibt es Schmerzmittel, Koffeintabletten und Aspirin. Und dann fängt es richtig an. Dann kommt Kreatin zum Muskelaufbau, da beginnt das gefährliche Kuren-Denken. Man nimmt Kreatin nicht einmal, sondern in Blöcken - so nähert man sich dem genuinen Doping an. Experten sprechen von einer Grauzone zwischen Nahrungsergänzungsmitteln und Doping, die Grenze verschwimmt. Ephedrin zum Beispiel steht auf der Doping-Liste, seine Vorstufen, Pseudo- oder Synephedrin, aber nicht. In den Vereinigten Staaten sehr beliebt und in Europa stark im Kommen sind Prohormone als Vorstufe zum Testosteron-Doping, Gern wird in diesem Stadium auch Tribulus Terrestris genommen, es gilt als Potenzmittel mit Einfluss auf den Hormonhaushalt und als „natürliches“ Anabolikum, früher ausgesprochen beliebt bei bulgarischen Gewichthebern. Spätestens da ist die Doping-Mentalität etabliert, dann ist es nur noch ein kleiner Schritt zum systematischen Doper.

          Die nächste Stufe sind verschreibungspflichtige Arzneien. Im Ausdauersport sind schon unter Jugendlichen kortisonhaltige Asthmasprays wie Beclometason ein Renner, sie wirken deutlich leistungssteigernd, sorgen für eine um fünf bis zehn Prozent höhere Sauerstoffaufnahme. „Diese Mittel“, sagt der Darmstädter Internist und Sportarzt Dr. Burkhard Weimer, „sind flächendeckend verbreitet.“

          Bei Frauen beliebt: schnelle Schlankmacher

          Bei Frauen beliebt sind Clenbuterol-Präparate, die in der Medizin wiederum Asthma-Patienten verabreicht werden. „Frauen“, sagt Kläber, „holen dramatisch auf, was Medikamentenmissbrauch betrifft.“ Ephedrin und Clenbuterol gelten als Fettverbrenner, als Schlankmacher. Besonders beliebt ist Spiropent, ein Medikament auf Clenbuterol-Basis, das eine leicht aufputschende Wirkung hat und die Körpertemperatur erhöht, wodurch der Körper auch in inaktiven Phasen mehr Fett verbrennt.

          Männer in Fitnessstudios legen ihren Ehrgeiz traditionell in den Muskelaufbau, in die Körpermodellierung. Vielen geht es um das Aussehen, nicht um sportliche Herausforderungen. Oft wird der Körperkult zu einem Lebensstil. In jugenddominierten Milieus, sagt Kläber, sei mit einem muskulösen Körper leichter Anerkennung zu erzielen, deshalb sei Medikamentenmissbrauch besonders für männliche Jugendliche reizvoll. Hier lauert die Gefahr: Wer einen Großteil seiner Identität über den Körper (oder über die Leistung im Sport) definiert, ist anfällig für den Einstieg in die Doping-Spirale. Erfahrene „User“ geben dann Tipps, ein Medikament wird „mal ausprobiert“, die damit auf Anhieb erzielten „Erfolge“ sind oft beträchtlich. Die erste Einnahme ist meist der Einstieg in einen Kreislauf, dem nur schwer zu entkommen ist. Die Netzwerke in den Studios setzen sich aus klassischen Bodybuildern zusammen, aber auch aus fitness- und gesundheitsorientierten Sportlergruppen. Sie wirken in den Sport hinein, weil viele - ob Läufer, Fußballer oder Radsportler - auch regelmäßig in Studios trainieren. „Das zieht sich durch alle Sportarten“, sagt Kläber.

          Generell gilt: Es wird geschluckt und gespritzt, was Erfolg verspricht, auch Substanzen, denen man auf den ersten Blick andere Wirkungen zuschreibt wie dem Potenzmittel Viagra, das zur besseren Durchblutung beim Krafttraining beliebt ist - und auch im Bergsport, wo es die Symptome der Höhenkrankheit lindern soll. Für die Kraftmeier in den Studios sind vor allem Steroide (Anabolika), Wachstumshormon (HGH) und andere Peptithormone wie Insulin und insulinähnliche Wachstumsfaktoren (IGF-1) von Interesse. HGH zum Beispiel hat als Nebenwirkung auch das lebensgefährliche Wachstum von inneren Organen.

          In Ausdauerdisziplinen geht es um Schmerzmittel, Asthmasprays, Ephedrin, Amphetamin, aber auch um harte Schnellmacher wie Erythropoetin (Epo), ein Glykoprotein-Hormon, das für die Bildung roter Blutkörperchen und dadurch für einen besseren Sauerstofftransport sorgt, aber auch lebensbedrohliche Nebenwirkungen wie Lungenembolien und Thrombosen haben kann. Selbst die Horror-Straßendroge Crystal Meth, sagt Mediziner Weimer, der als passionierter Marathonläufer Einblick in die Szene hat, spiele bei exzessiven Dopern im Ausdauerbereich eine Rolle. Crystal Meth ist ein Methamphetamin mit katastrophalen Nebenwirkungen.

          Ein Spiel mit der Gesundheit - oder mit dem Tod

          Die Missbrauchskarriere beginnt mit Pillen und endet mit intramuskulären Injektionen. Der Durchschnitts-„User“ im Hardcore-Freizeitbereich macht zwei, drei Anabolika-Kuren im Jahr zu jeweils acht bis zwölf Wochen. Es gibt aber auch Langzeit-User, die das ganze Jahr über „online“ sind, wie das in der Szene heißt. Geübte User nehmen mehrere Doping-Mittel gleichzeitig und stimmen sie aufeinander ab. Es ist ein Spiel mit der Gesundheit, manchmal auch mit dem Tod. Ein extrem gefährlicher Trend im Freizeitsportbereich ist die Einnahme von Wachstumshormon, das nicht nur für mehr Muskelmasse sorgt. Viele Ältere, sagt Kläber, nähmen es wegen seines Anti-Aging-Effektes. Madonna, Tina Turner, Sylvester Stallone - Stars, die sich offen zum Konsum von Wachstumshormon bekennen, dienten als Vorbilder. War Wachstumshormon vor Jahren noch sündhaft teuer und fast nur im Spitzensport verbreitet, ist es mittlerweile relativ leicht aus China zu bekommen. Nachdem der Preis erschwinglich geworden ist, sagt Kläber, sei die Nachfrage im Fitnessbereich sofort da gewesen und wachse seither rasant.

          Medikamentenmissbrauch auf höherer Stufe zeigt die Symptome einer Drogensucht. Die Medikamentenkarriere, sagt DOSB-Experte Kläber, laufe bei manchen völlig aus dem Ruder. Die Dosis werde immer weiter erhöht, die Einnahmezeiten verlängert und Substanzen kombiniert. 30 Prozent der „User“ griffen sogar wie selbstverständlich auch zu Tierarzneien, die kostengünstig sind und relativ leicht zu besorgen. Beliebt sind Anabolika für Rinder und Asthmatika für Pferde, zum Beispiel Ventipulmin.

          Es gibt mehrere Möglichkeiten, wie der Freizeitsportler an verschreibungspflichtige Medikamente und an Doping-Knowhow kommt. Eine wichtige Informationsquelle ist das Internet. In einschlägigen Foren lassen sich problemlos Anleitungen zur Beschaffung und Verwendung von Medikamenten finden. Wer es schwarz auf weiß in Buchform haben will, bekommt es für 50 Euro zugeschickt. Das Standardwerk, „die Bibel der Doper“, wie Kläber sagt, nennt sich „Anabole Steroide. Das Schwarze Buch“, es liefert unter dem Deckmantel der Aufklärung auf mehr als tausend Seiten umfassende Informationen zu Anabolika, Testosteron, Wachstumshormon, Insulin, IGF-1 und Designersteroiden, auch zu Präparatskombinationen und „Kuren“ - alles mit einem erschreckenden Maß an Fachwissen, das „um Meilen das Wissen jedes Durchschnittsmediziners über Doping schlägt“, wie Kläber sagt. „Dieses Werk ist eine absolute Katastrophe, im höchsten Maß gefährlich.“ Ein perfides, ein zynisches Buch, gegen das bislang weder Gesundheitsbehörden noch Staatsanwälte vorgehen.

          Lukratives Geschäft für Kleindealer und Großhändler

          Eine zweite Informationsoption sind, was Kläber „User-Netzwerke“ in Fitnessstudios nennt. Je größer das Netzwerk, desto besser die Versorgung und die Hilfestellung für Neueinsteiger. Der eine hat Verbindungen in die Türkei, kann dort billig Präparate besorgen. Der zweite kennt einen Arzt oder Apotheker, der Medikamente beschafft. Der dritte sorgt für Nachschub aus dem Kosovo. Es gibt „User“, die - wie Kleindealer im Drogenmilieu - ihren eigenen Medikamentenbedarf über den Verkauf finanzieren. Und es gibt Großhändler, die vom Zoll ab und zu ausgehoben werden, wie im vergangenen Jahr ein 30-Jähriger, der in der Nähe von Düsseldorf ein Doping-Labor und einen Internetshop mit einem beeindruckenden Angebot betrieb: Nandrolon, anabole Steroide, Testosteron, Ephedrin, Viagra, außerdem Marihuana, Kokain und Ecstasy - ein schwungvoller Handel, ein lohnendes Geschäft mit einem Umsatz von 700.000 Euro, wie die Polizei ermittelte. Einen Hinweis auf die ungeheure Dimension des Anabolika-Missbrauchs lieferte 2012 der Prozess vor dem Landgericht Bonn gegen einen Boutiquebesitzer, der für einen internationalen Anabolika-Online-Handel arbeitete. Der Umsatz des Rings, der rund 190.000 Kunden hatte, betrug innerhalb von zweieinhalb Jahren 43 Millionen Dollar. Der Bonner, gegen den das Bundeskriminalamt ermittelte, wurde zu viereinhalb Jahren Haft verurteilt.

          Die Rolle der Ärzte: „Genügend schwarze Schafe“

          Auch die Rolle der Ärzte hat Kläber in seiner Dissertation untersucht - und ist dabei zu erschreckenden Ergebnissen gekommen. „Es gibt genügend schwarze Schafe, um die User-Netzwerke zu versorgen“, sagt er. Doping unterstützende Mediziner geben Präparate ohne medizinische Indikation unter der Hand weiter, verschreiben sie per Privatrezept oder verordnen sie per Scheinindikation. Doping-Ärzte, sagt Kläber, würden weiterempfohlen und hätten oft einen beachtlichen Kundenstamm. „Wenn Sie als Arzt in dieses Szene reingehen, können Sie daraus ein absolut lukratives Geschäftsmodell entwickeln“, bestätigt der Darmstädter Internist Dr. Weimer. Bei einer Studie von 2011 im Raum Frankfurt waren es 28 Prozent der „User“, die sich über einen Arzt eindeckten. Jeder Mediziner, sagt Weimer, habe die Möglichkeit, eine Indikation zu stellen und aufgrund dieser Indikation zu verordnen. Ein Fatigue-Syndrom, ein Müdigkeitssyndrom, zum Beispiel ist schnell diagnostiziert, und dann sind auch schnell fünf Spritzen Epo verschrieben, um den Hämoglobinwert (also die Zahl der für den Sauerstofftransport zuständigen roten Blutkörperchen) nach oben zu treiben.

          So lässt sich vieles verordnen. Was immer es ist: Wenn privat abgewickelt, gibt es keine Institution, die das überprüft. „Deshalb läuft das in der Szene fast ausschließlich über Privatrezepte“, sagt Dr. Weimer. Man wolle damit vermeiden, dass der Medizinische Dienst der Krankenkassen nachfrage, warum plötzlich so viel Ritalin oder Testosteron verschrieben werde. Über Privatrezepte aber gibt es einen, der bezahlt - und keinen, der fragt.

          Dr. Weimer selbst hält seine Praxis „sauber“. Es gebe in dieser Beziehung „entweder nur ein Ja oder ein Nein. Ein bisschen geht nicht, wenn man nicht in die Szene reinrutschen will.“ Und wenn einer mit der bei „Usern“ beliebten Argumentation kommt: „Wenn Sie die Einnahme nicht medizinisch begleiten, mache ich es allein“? Weimer hat dann eine Standardantwort: „Sie finden viele andere Ärzte, die Sie begleiten werden, aber nicht in dieser Praxis.“

          Hat ein „User“ den passenden Mediziner gefunden, so interpretiert er die „ärztliche Kontrolle“ als vermeintliche Garantie der Unbedenklichkeit von Doping und Medikamentenmissbrauch. Die Doping-Unterstützer in weißen Kitteln sorgen für Stoff - und für ein gutes Gefühl: das Gefühl, mit der regelmäßigen Kontrolle der Blutwerte alle Nebenwirkungen im Griff zu haben. Langzeitfolgen werden ausgeblendet.

          Was tun gegen die Volksseuche Doping? Gegen Medikamentenmissbrauch im Freizeit- und Breitensport? Der DOSB setzt auf Aufklärung und Präventionsmaßnahmen. Vereinseigenen Fitnessstudios wird das Qualitätssiegel „Sport Pro Fitness“ angeboten mit dem Zusatz: „Fitness- und Gesundheitsstudio im Sportverein“. Wer es will, muss unter anderem einen Missbrauchsbeauftragten benennen und eine Erklärung gegen Doping und Medikamentenmissbrauch unterzeichnen. Ein fast schon rührender Versuch, einem Problem zu begegnen, das völlig aus dem Ruder zu laufen droht.

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