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Das Spiel mit der Gesundheit : Volkssport Doping

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Aber Schmerzmittel sind nur eine Art des Missbrauchs von Medikamenten im Sport. Hunderttausende Sportler schlucken und spritzen. Und seit das Internet einen problemlosen Zugang zu Doping-Substanzen und Doping-Knowhow liefert, hat sich das Problem verschärft. „Die Medikalisierung unserer Gesellschaft ist kein Phänomen, das sich auf den Spitzensport reduziert“, sagt der Soziologe und Sportwissenschaftler Mischa Kläber, Ressortleiter beim Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) für Präventionspolitik und Gesundheitsmanagement. Eine Zahl mag die Dimension verdeutlichen: Die Welt-Anti-Doping-Agentur geht davon aus, dass pro Jahr weltweit etwa 19 Milliarden Dollar für Doping-Mittel umgesetzt werden. Tendenz steigend.

Frankfurter Flughafen. Zollstation. Eine riesige Halle, groß wie ein Fußballfeld. Überall Laufbänder, kreuz und quer, 40.000 Päckchen und Pakete aus aller Welt laufen darüber, Tag für Tag. Für die Spürhunde der Zollfahndung ist das nichts. Zu viel Drogendampf in der Luft. Die Hunde drehen durch, können hier nicht eingesetzt werden. 40.000 Päckchen und Pakete pro Tag kann niemand kontrollieren, es ist unmöglich, all die Drogen und Medikamente herauszufischen, die per Post in Deutschland eintreffen. Die Beamten müssen sich auf Stichproben beschränken, Routine ist gefragt. Die Poststücke laufen über Bänder, erfahrene Beamte sitzen am Rand und greifen ab und zu eines zur Begutachtung heraus. Prekäre Herkunftsländer gibt es viele: Tschechien, Polen, Russland, Thailand, die Ukraine, Japan, Indien, Kolumbien, die Türkei, der Kosovo. Manche Pakete werden durch einen Scanner geschickt, und der Mann am Bildschirm sagt gelangweilt: „Sehen Sie das? Kokain!“ Am Band finden sie Testosteron, Anabolika, Viagra in großen Mengen, alle möglichen Doping-Substanzen, auch exotische wie Finasterid, ein Haarwuchsmittel, das gern zur Verschleierung von Doping-Mitteln benutzt wird. Es sind meist geringe Mengen, die der Zoll aus der Post fischt, aber die Päckchen haben Adressaten, und wenn die nicht professionell verschleiert sind, können sie Auslöser für Fahndungen sein, an deren Ende große Funde von illegal eingeführten Mitteln stehen. Wie viel jeden Tag in den 40.000 Päckchen und Paketen durchrutscht an Medikamenten und Doping-Substanzen, kann man sich ausmalen. Es wird eine Menge sein - und ist doch nur ein verschwindend kleiner Teil dessen, was in Deutschland tagtäglich konsumiert wird.

Kommerzielle Fitnessstudios - dort fängt es meistens an

Als Keimzelle des Medikamentenmissbrauchs gelten kommerzielle Fitnessstudios, wobei - DOSB-Mann Kläber räumt das ein - auch vereinseigene Studios betroffen sind. Acht Millionen Deutsche trainieren in Studios, und in vielen haben sich unter Bodybuildern und Kraftsportlern früh Submilieus gebildet, eine Avantgarde des Dopings. Von hier aus beginnen die meisten Doping-Karrieren. Die Bodybuilder-Szene wirkt in den gesamten Freizeit- und Breitensport hinein, wie Kläber in seiner Dissertation „Doping im Fitness-Studio“ aufgezeigt hat. Neben Schmerzmitteln stehen im Freizeit- und Breitensport schon lange Medikamente wie Ephedrin, Clenbuterol und Anabolika im Fokus. Rund sieben Prozent der 16- und 17-Jährigen, schätzte das Kölner Biochemie-Institut schon 2007, würden anabole Steroide einnehmen, die meisten davon im Umfeld von Fitnessstudios. Kläber geht davon aus, dass es in deutschen Fitnessstudios deutlich mehr als eine Million „User“, sprich Doper, gibt.

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