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Coronavirus bedroht Olympia : Warum das IOC so unglaublich optimistisch bleibt

Auf Nummer sicher: Japanische Goldmedaillenproduktion in Osaka in Zeiten des Coronavirus Bild: Imago

Absage? Verlegung? IOC-Präsident Bach beharrt darauf, dass solche Gedanken mit Blick auf die Sommerspiele in Tokio abwegig sind – trotz der Coronavirus-Epidemie. Der mächtige Fernsehsender NBC gibt Einblick in seinen Versicherungsschutz.

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          Thomas Bach war sichtlich genervt. Und das angeblich nicht, weil die nächsten Sommerspiele durch die Ausbreitung des neuartigen Coronavirus bedroht wären. Er habe, winkte der Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) ab, schon härtere Monate erlebt als den vergangenen. Sondern, weil die internationalen Journalisten bei der Pressekonferenz, die er in Lausanne abhielt, nicht aufhören wollten, ihn nach eventuellen Notfallplänen zu löchern, sollte die Epidemie gravierende Konsequenzen für die Sommerspiele in diesem Jahr in Tokio haben. Zum Beispiel, dass sie am 24. Juli nicht eröffnet werden könnten. Dazu, so signalisierte Bach, hatte er doch schon längst alles gesagt. Nämlich nichts.

          Evi Simeoni
          Sportredakteurin.

          „Ich bin nicht hier, um zu spekulieren“, sagte er. Zwei Tage lang hatte die IOC-Exekutive getagt, bevor Bach sich am Mittwochabend in den Pressesaal begab. Die meisten an Olympia interessierten Menschen, also nicht nur Journalisten, sondern, zum Beispiel, Sportler, Sponsoren oder Inhaber von Fernsehrechten, hatten wohl erwartet, dass sich das Entscheidungsgremium in diesen beiden Tagen mit der Folge-Abschätzung der Epidemie befassen würde. Inklusive eines Worst-Case-Szenarios. Zumal in einem Statement tags zuvor von einer „ausführlichen Diskussion“ zum Thema die Rede gewesen war. Und die japanische Olympia-Ministerin im Parlament das Thema Verschiebung angesprochen hatte. In vielen Ländern werden Großveranstaltungen abgesagt oder verschoben, und niemand weiß, wie lange der Virus die Welt noch im Griff haben wird. Bach aber sagte: „In der Sitzung heute wurde weder das Wort Absage noch das Wort Verlegung überhaupt erwähnt.“

          Ein Standardsatz und unglaubliches Staunen

          Ungläubiges Staunen allerseits. Kann es wirklich sein, dass die IOC-Exekutive, in deren Verantwortung das Milliardenspiel Olympia liegt, sich mit diesen beiden Begriffen nicht zumindest theoretisch beschäftigt hat? Nach Bachs Auskunft: Ja. Bachs aktueller Standardsatz dazu lautet: „Wir sind voll und ganz dem Erfolg der Olympischen Spiele von Tokio verpflichtet.“ Er werde nicht müde werden, das zu wiederholen.

          Wie verantwortungslos wäre es aber von den führenden Mitgliedern des IOC, sich nicht auf den Eventualfall vorzubereiten? Zumindest die Versicherungspolice sollten sie sich noch einmal genau anschauen, in der geregelt ist, welche Form eine eventuelle Absage haben müsste, damit die Kosten zumindest zum Teil gedeckt wären. Und prüfen, ob auch die Absage aufgrund einer Epidemie versichert ist. Bis zu welchem Zeitpunkt entschieden werden müsste. Wer entscheiden müsste. Das IOC oder vielleicht die japanischen Behörden indirekt mit Reise- und Quarantänevorschriften. Das Thema Versicherung, gab Bach an, habe nicht auf der Tagesordnung gestanden, auch die Höhe der Prämie kenne er nicht. Er werde Spekulationen nicht befeuern.

          „Nicht hier, um zu spekulieren“: Thomas Bach am Mittwoch in Lausanne
          „Nicht hier, um zu spekulieren“: Thomas Bach am Mittwoch in Lausanne : Bild: dpa

          Bach verwies auf die im Februar gegründete Task Force aus Vertretern des IOC, der Organisatoren von Tokio, der Stadt, der japanischen Regierung und der Weltgesundheitsorganisation WHO. Mit dieser Task Force gebe es regelmäßigen Austausch. Auf die Frage, was ihn so optimistisch stimme, dass die Spiele ohne Einschränkung stattfinden könnten, erklärte er, diese Haltung basiere auf den Informationen durch die WHO. Noch einmal Verwunderung. Erhält das IOC etwa privilegierte Informationen von der Weltgesundheitsorganisation? Weiß Bach mehr als normale Leute wie Regierungsverantwortliche und Wirtschaftsführer? Ist die Seuche also gar nicht so unberechenbar, wie alle denken? Oder flieht Bach die Wirklichkeit, weil eine Absage oder eine Verschiebung der Sommerspiele einen unabsehbaren Schaden für das IOC und seine Partner bedeuten würde?

          Ein Mega-Deal

          Kurz zuvor war bei einer Veranstaltung auf einem anderen Kontinent plastisch geworden, um welche Größenordnungen es bei Olympischen Sommerspielen geht. Auf einer Konferenz in San Francisco erklärte Brian Roberts, der Vorstandsvorsitzende der Muttergesellschaft des Senders NBC Universal, stolz, man habe einen olympischen Rekord gebrochen. NBC habe im Rahmen der Übertragung aus Tokio Werbesports für insgesamt 1,25 Milliarden Dollar (1,1 Milliarden Euro) verkauft. Dies entspreche 90 Prozent der verfügbaren Plätze innerhalb von 7000 Sendestunden.

          Der Medien-Gigant überträgt seit 1988 die Sommerspiele in den Vereinigten Staaten und seit 2002 die Winterspiele. Im Jahr 2014 erwarb NBC die Fernsehrechte an den Olympischen Spielen bis 2032 für sage und schreibe 7,7 Milliarden Dollar (6,9 Milliarden Euro). Thomas Bach war erst ein gutes halbes Jahr im Amt, als er diesen Mega-Deal, den er selbst ausgehandelt hatte, bekannt gab.

          Am Dienstag sprach Brian Roberts auch den schlimmsten Fall an. „Wir versuchen, zu antizipieren, was passieren könnte, damit wir uns schützen können.“ NBC habe Versicherungen für die Ausgaben, die verloren gehen könnten. Es würden also nach seinen Angaben keine Verluste entstehen, sollten die Spiele nicht stattfinden. Es gäbe aber auch keinen Gewinn. Schwieriger wäre die Lage wohl, würden Werbekunden ihre Buchungen zurückziehen, weil sie sich nicht mehr mit den Spielen identifizieren könnten. „Es geht Vollgas voraus“, sagte Roberts trotz allem. „Wir werden bereit sein und freuen uns darauf.“ Wie lange noch? Das Schlusswort erhält Yoshiro Mori, der Chef des Organisationskomitees und einstiger Premierminister Japans. Auf die Frage, wann eine endgültige Entscheidung fallen müsste, sagte er: „Ich bin nicht Gott, also weiß ich es nicht.“

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