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Verantwortungsloses Handeln : Olympisches Schandmal

Es geht ein Riss durch die Sportwelt: Die Olympischen Spiele in Tokio haben bereits ihr Schandmal. Bild: F.A.Z.

Das IOC hat Menschlichkeit wieder und wieder hinten angestellt. Auch 2020. So wurde etwa in London noch um Olympia geboxt, als in Italien schon 1266 Menschen am Virus gestorben waren. Das lässt schaudern.

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          Der Mann war ehrlich: „Das ist etwas, auf das ich vollkommen unvorbereitet bin.“ So sagte es Morinari Watanabe, der Präsident des Internationalen Turnverbandes, im Mai 2019. Die Exekutive des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) unter Präsident Thomas Bach hatte den Japaner erkoren, dafür zu sorgen, dass bei den Olympischen Spielen von Tokio ein Boxturnier ausgetragen wird.

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          Der Weltverband Aiba war nach Jahrzehnten der Korruption endlich kaltgestellt worden vom IOC, auch wenn ihr langjähriger Präsident Ching-Kuo Wu noch IOC-Mitglied bleiben durfte. Boxen – darum kümmerte sich nun das IOC, eine handverlesene Boxing Task Force (BTF), mit dem unvorbereiteten Watanabe an der Spitze. Es zählten andere Qualifikationen: Watanabe, IOC-Mitglied seit 2018, sitzt in der Exekutive des Nationalen Olympischen Komitees Japans wie jener des Organisationskomitees von Tokio 2020.

          Seine BTF ist verantwortlich für das Qualifikationsturnier, das am 14. März in London begann. In den Tagen, an dem in Deutschland das öffentliche Leben wegen der Coronavirus-Pandemie zum Stillstand kam, in Italien am 13. März 1266 Menschen am Virus gestorben waren, konnte in London ab zweieinhalb Pfund Eintritt zugeschaut werden, wie Boxer ihre Gesundheit aufs Spiel setzten – im doppelten Sinn. Bachs IOC und die japanische Regierung setzten weiter auf Spiele in diesem Sommer, die Briten auf Herdenimmunisierung. Zwei Strategien, von denen schon vor zwei Wochen klar war, dass sie verantwortungslos sind. Bach, Shinzo Abe und Boris Johnson brauchten trotzdem noch acht Tage, sie zu kippen.

          Menschlichkeit steht hinten an

          Zwei türkische und ein kroatischer Boxer sowie drei Trainer behaupten nun, sie hätten sich beim nach drei Tagen abgebrochenen Qualifikationsturnier mit Covid–19 angesteckt. Leichtes Spiel für Watanabes BTF und das IOC, deren Pressemitteilung sich auf einen Nenner bringen lässt: soll doch mal jemand beweisen, dass der Virus in London ins Immunsystem kam.

          „Der Schutz der Gesundheit der Teilnehmer war immer eine Top-Priorität der BTF“, heißt es da. Athleten wie die deutsche Boxerin Nadine Apetz sagen, davon nicht viel mitbekommen zu haben. Und so reiht sich dieses Dokument ein in die Liste der Erklärungen der vergangenen Wochen, die vor fehlender Empathie schaudern lassen.

          Die Spiele der Nationalsozialisten 1936 und der Umgang mit schwarzen Sportlern zum Beispiel 1968, das Massaker von Tlatelolco im selben Jahr, Jahrzehnte der Frauenfeindlichkeit, die Verweigerung angemessenen Gedenkens für die Opfer des Terrors gegen die israelische Mannschaft in München 1972 bis in die jüngste Vergangenheit hinein, das Schweigen zur russischen Annexion der Krim auf der Welle des patriotischen Hochgefühls während der Winterspiele in Sotschi 2014 und jene beredte Stille zu Doping-Systemen, deren Profiteure bis heute die Ergebnislisten anführen: Das IOC hat die Menschlichkeit wieder und wieder hinten angestellt. Auch 2020. Die Spiele von Tokio sind verlegt. Ihr Schandmal haben sie schon.

          Christoph Becker
          Sportredakteur.

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