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Wael Shueb träumt von Olympia : Das bewegende Schicksal eines syrischen Karatekämpfers

  • -Aktualisiert am

Erstmal abwarten: Karatekämpfer Wael Shueb, hier 2015 Bild: Esra Klein

Als Flüchtling kam Wael Shueb nach Deutschland, als Karatekämpfer wollte er nach Tokio. Hinter ihm liegen Momente des Schreckens. Aber seine Geschichte ist auch ein Beispiel dafür, was Sport bewegen kann.

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          Für das Training muss er in seiner kleinen Bude zunächst etwas Platz schaffen. Für die Gewichte, die Matte und die Fitnessbänder. Wael Shueb hat eine kleine Bleibe im zu Rödermark gehörenden Urberach, doch viel Zeit hat er dort vor Corona nie verbracht. Er war so gefordert wie noch nie zuvor in seinem Leben. Die Ausbildung zum Sport- und Fitnesskaufmann, Karate-Training geben für Kinder und Erwachsene, selbst trainieren wie ein Besessener für die olympische Perspektive. Sein Leben in Südhessen hatte so gar nichts mehr gemein mit seinem vorherigen in Syrien.

          Bis die Corona-Krise auch den 32-Jährigen zur Vollbremsung zwang. Nicht nur, dass der Betrieb gestoppt wurde im Gesundheits- und Kampfsportverein Lotus Eppertshausen, der für ihn mehr als nur eine sportliche Heimat geworden ist. Auch die Verschiebung der Olympischen Spiele in Tokio raubten dem Syrer den jahrelangen Fixpunkt seines Tuns.

          Verfolgt ein großes Ziel: Wael Shueb, hier 2015 in Rödermark Ober-Roden

          Im Frühjahr 2018 hatte ihn die Nachricht erreicht, dass er für das „Refugee Olympic Team“ für Tokio 2020, die Flüchtlings-Mannschaft, nominiert worden ist. In seiner Karate-Disziplin, Kata, geht es nicht Mann gegen Mann, sondern es wird in möglichst perfekt choreographierten Bewegungen ein imaginärer Kampf ausgetragen. Die japanische Kampfsportart steht vor ihrer olympischen Premiere in Tokio. Wael war vor zwei Jahren plötzlich ein designierter Olympiateilnehmer. Seine Geschichte taugt als Beispiel dafür, was der Sport bewegen kann. Was dank engagierter Kräfte, die Starthilfe geben und den Weg begleiten, möglich ist. Wie aus einer scheinbar verlorenen Flüchtlingsseele ein selbstbewusster Mann wird, der hervorragend Deutsch gelernt und sich als Athlet auf ein olympiataugliches Niveau gebracht hat.

          „Die Verschiebung der Spiele hat auch etwas Positives“, sagt Wael. „So habe ich noch länger Zeit, zu trainieren, mich vorzubereiten und noch besser zu werden. Andererseits haben die vergangenen zwei Jahre mit Blick auf diesen Sommer viel Zeit und Nerven gekostet.“ Eine Zeit, die ihn körperlich und mental an Grenzen geführt hat. Sein Tagesablauf vor Beginn der Corona-Krise habe so ausgesehen, erzählt er: morgens seine erste Trainingseinheit, dann zur Arbeit in einem südhessischen Fitnessstudio, dann nachmittags Training geben für Kinder und Erwachsene bei Lotus Eppertshausen, abends eine zweite Einheit für ihn selbst. Und davor, dazwischen oder danach noch das Lernen für Prüfungen im Rahmen seiner Ausbildung.

          Banges Warten auf Antworten

          Wael ist froh und dankbar dafür, was er hierzulande aus sich machen darf. Und doch übt er einen Spagat aus, der häufig schmerzhaft ist und seine Motivation manchmal auf harte Proben stellt. Es ist die Sorge und Angst um Familienmitglieder und Freunde in Syrien. Besonders das Schicksal seiner Schwester bestürzt ihn sehr. „Es ist für sie sehr schwer. Ich kann leider kaum etwas für sie tun“, sagt er. Gerade aktuell ist es dramatisch. Waels Schwester, die schon ihren Mann im Krieg verloren hat, zieht allein mit ihren fünf Kindern zwischen 3 und 15 Jahren im türkisch-syrischen Grenzgebiet umher. Immer dorthin, wo die Kampfhandlungen nicht zu heftig sind. Auf Antworten von ihr via Handy-Textnachrichten muss Wael mitunter tagelang warten. In der Provinz Idlib sind Rebellen sowie die syrische, russische und türkische Armee tätig, drei Millionen Zivilisten harren dort unter schlechten humanitären Verhältnissen aus. Die medizinische Infrastruktur liegt in Trümmern, so dass auch dem Coronavirus kaum etwas entgegenzusetzen ist.

          Wael macht sich auch Sorgen um seinen Vater – seine Mutter starb vor Jahren an Krebs –, der im Umland von Damaskus lebt. Dort herrscht wegen des neuartigen Coronavirus eine strikte Ausgangssperre von 18 bis 6 Uhr. Es gibt Tage, an denen Wael dies alles sehr mitnimmt. Aber dann besinnt er sich darauf, dass sein Tun und sein Erfolg in Deutschland Hoffnungen weckt. Für seine Angehörigen, aber auch für andere Flüchtlinge. „Ich versuche, ihnen Kraft zu geben“, sagt er: „Indem ich zeige, was man als Flüchtling erreichen kann.“

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