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Sportförderung nach Corona : Geld allein bringt keinen in Bewegung

Ohne Sportangebot wird es düster für deutsche Jugendliche Bild: picture alliance / dpa

Die Bundesregierung hilft Sportvereinen mit 50 Millionen Euro, um den Mitgliederschwund zu bekämpfen. Der DOSB fordert nachhaltigere Initiativen und ein neues Gesundheitsziel.

          3 Min.

          Der Bund will mit dem Einsatz von mehr als 50 Millionen Euro, die aus der staatlichen Hilfe für notleidende Profivereine übrig geblieben sind, den Mitgliederschwund bekämpfen, von dem durch die pandemiebedingten Einschränkungen viele der 90.000 Sportvereine Deutschlands betroffen sind.

          Michael Reinsch
          Korrespondent für Sport in Berlin.

          „Wir wollen einen Neustart im Sport erreichen“, sagte die für den Sport zuständige Innenministerin Nancy Faeser nach ihrem Besuch im Sportausschuss am Mittwoch in Berlin: „Wir stellen fest, dass nach zwei Jahren Pandemie insbesondere die Sportvereine es schwer haben, Mitgliedschaften zu finden. Dabei wollen wir sie unterstützen und, wie wir das mit den Ländern vereinbart haben, auf Bundesebene Vorreiter sein für ein großes Programm, das wir mit DOSB, mit DFB und hoffentlich auch mit Medienpartnern auflegen wollen.“

          Potentielle Vereinsmitglieder sollen, wie es in Hamburg und Bayern bereits die Landesregierungen ermöglichen, mit Gutscheinen dazu angeregt werden, Sport im Verein zu treiben.

          DOSB fordert Bewegungsgipfel

          Für den Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) ist eine Finanzspritze allein allerdings nicht ausreichend. Die Sportpolitik des Bundes soll sich, nicht allein im Blick auf die gesundheitlichen Folgen der Einschränkungen durch die Corona-Pandemie, grundsätzlich ändern.

          Die Kinderärztin und Vorsitzende der Stiftung Kinderturnen, Kerstin Holze, fordert für den DOSB, dessen Vizepräsidentin sie ist, vor dem Sportausschuss, dass die Bundesregierung zu einem Bewegungsgipfel einladen und der Bundeskanzler dessen Schirmherrschaft übernehmen solle. Es gehe darum, ein starkes Signal zu setzen und ein neues Bewusstsein dafür zu schaffen, dass Bewegungsförderung eine Gemeinschaftsaufgabe sei.

          Bisher sieht der Bund seine Zuständigkeit im Sport vor allem in der Förderung des Spitzensports. Das dafür zuständige Innenministerium stellt dafür im Jahr rund 300 Millionen Euro bereit. Für Breitensport liegt die Zuständigkeit bei den Ländern.

          Der DOSB forderte in Person von Kerstin Holze, einen zentralen Ansprechpartner für den Breitensport zu etablieren, und schlug dafür ein Referat Bewegungsförderung im Bundesgesundheitsministerium oder einen Beauftragten für Sportentwicklung der Bundesregierung vor. Bewegungsförderung geht weit über die Unterstützung von Vereinen und Verbänden hinaus.

          „Wir brauchen ein nationales Gesundheitsziel ‚Bewegungsmangel reduzieren‘“, führte Frau Holze laut Sprechzettel aus; der Ausschuss tagte unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Eine solche Perspektive schaffe, wenn sie von allen relevanten Akteuren der Gesundheitsförderung und Prävention getragen würde, die Grundlage für eine systematische Umsetzung von Bewegungsförderung.

          Für Sport zuständige Innenministerin Nancy Faeser: „Wir wollen einen Neustart im Sport erreichen“
          Für Sport zuständige Innenministerin Nancy Faeser: „Wir wollen einen Neustart im Sport erreichen“ : Bild: EPA

          Darüber hinaus bedürfe es der Anerkennung der 90.000 Sportvereine als eigenständige Lebenswelten. Dies sei notwendig, um ihnen gemäß der Definition im Präventionsgesetz und den Leitlinien der gesetzlichen Krankenkassen zu ermöglichen, auf Augenhöhe und in federführender Verantwortung Präventionsmaßnahmen zu beantragen und mit den Krankenkassen zu kooperieren.

          Holze forderte Unterstützung für eine bundesweite Ausbildungsoffensive im Sport. Bemerkenswert offen räumte sie ein, dass Aus- und Fortbildung im Sport schon vor der Pandemie häufig nicht ausreichend waren. Zusätzlich sei in den vergangenen zwei Jahren ein Ausbildungsstau entstanden. Qualifizierte Trainer und Übungsleiter seien Garant für gute Vereinsangebote; diese bewegten Menschen, in Sportvereine einzutreten und dort zu bleiben.

          Selbst eine Rückkehr zum Status quo von Sport und Bewegung vor der Pandemie würde nicht ausreichen, die Defizite auszugleichen. Die Ressourcen, über die der organisierte Sport verfüge, reichten nicht aus, sich den gewachsenen Herausforderungen inklusive einer adäquaten Versorgung der Long-Covid-Betroffenen zu stellen. Bereits vor den Einschränkungen durch die Pandemie bewegten sich 42 Prozent der Erwachsenen und rund drei Viertel der Kinder und Jugendlichen in Deutschland zu wenig.

          Für körperlich aktive Menschen mit einem mittleren Fitnesslevel bestehe laut einer Studie mit mehr als 48.000 erwachsenen Teilnehmern ein deutlich reduziertes Risiko, wegen einer Covid-19-Infektion oder deren Folgen im Krankenhaus oder intensivmedizinisch behandelt zu werden. Für die wachsende Zahl von Betroffenen von Long Covid gelte es im Anschluss an ihre Versorgung in Reha-Kliniken und Long-Covid-Ambulanzen sportlich bewegte niederschwellige Angebot bereitzustellen. Zusätzlich zum Ausbau des Reha-Sports bedürfe es Angebote mit niederschwelliger Intensität.

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