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Fall Pechstein : Immer weiter im Kampf gegen den Cas

Nicht nur auf dem Eis eine Kämpferin: Claudia Pechstein bleibt im Rechtsstreit gegen Cas und IBU hart. Bild: dpa

Der Fall Pechstein beschäftigt seit einem Jahrzehnt die Sportjustiz. Die Eisschnelläuferin geht konsequent den Weg durch die Instanzen im Kampf gegen das Internationale Sportgericht Cas. Nun hofft sie auf Unterstützung aus Straßburg.

          Das Bundesverfassungsgericht kann warten. Für Claudia Pechstein hat der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) Vorrang. Zehn Jahre wird es am 7. Februar her sein, dass die fünfmalige Olympiasiegerin bei der Mehrkampf-Weltmeisterschaft im Eisschnelllauf in Hamar wegen irregulärer Blutwerte aus dem Rennen genommen wurde. Der Eislauf-Weltverband ISU sperrte sie für zwei Jahre und versagte ihr damit die Teilnahme an den Olympischen Spielen von Vancouver 2010 und, behauptet sie, ihren sechsten Olympiasieg. Der Sportgerichtshof Cas in Lausanne bestätigte neun Monate später das Urteil. Seitdem kämpft Claudia Pechstein um ihre Rehabilitierung, um Schadensersatz in Millionenhöhe – und gegen die Grundfesten der Sportgerichtsbarkeit. Ihr sei vor der weiteren „Wartezeit nicht bange“, sagte sie der F.A.Z..

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Vom Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) beauftragte Experten befanden 2014, dass Verband und Sportgerichtshof die medizinischen Gründe für die ungewöhnlichen Blutwerte nicht ausreichend gewürdigt hätten; DOSB-Präsident Alfons Hörmann bat die Sportlerin um Entschuldigung. Der Bundesgerichtshof beschied zwei Jahre später, dass diese sich freiwillig der Schiedsgerichtsbarkeit des Sports unterworfen habe und an dieser nichts auszusetzen sei. Weil der Cas unabhängig und neutral sei sowie rechtsstaatlichen Grundsätzen genüge, könne er mit einem staatlichen Gericht verglichen werden. Ansprüche auf Schadensersatz lehnte der BGH ab. Daraufhin, das ist nun zweieinhalb Jahre her, legte Claudia Pechstein Verfassungsbeschwerde beim Bundesverfassungsgericht ein.

          Mangel an Unabhängigkeit des Cas?

          Diese Beschwerde scheint nun, im Sinne von Claudia Pechstein, zu ruhen. Die Sportlerin ruft die Große Kammer des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte an; zunächst soll diese urteilen. „Selbst das Bundesverfassungsgericht hat durch Aussetzung des derzeit anhängigen Beschwerdeverfahrens zu erkennen gegeben, dass es mit einer Entscheidung der Großen Kammer des EGMR rechnet und diese abwarten wird“, heißt es im Antrag der Anwälte Thomas Summerer (München) und Simon Bergmann (Berlin) vom 27. Dezember 2018, das Beschwerdeverfahren Nr. 67474/10 Pechstein / Schweiz an die Große Kammer zu verweisen. Die gesellschaftliche und wirtschaftliche Bedeutung des Sports gebiete es, die Frage nach Unabhängigkeit und Unparteilichkeit des Cas abschließend zu klären. Dem Spruch des europäischen Gerichtes, so die Hoffnung auf Seiten von Claudia Pechstein, wird das Bundesverfassungsgericht nicht widersprechen.

          Dabei handelt es sich um unterschiedliche Verfahren. Vor dem Verfassungsgericht will Claudia Pechstein sich das Recht erstreiten, von der ISU Schadensersatz für ihre Sperre zu erhalten. Vor dem EGMR greift sie die Schiedsgerichtsbarkeit des Sports an, die Athleten darauf festlegt, sich ihr zu unterwerfen.

          Die sieben Richter der Kleinen Kammer des EGMR haben in ihrem Urteil vom 2. Oktober die fehlende Öffentlichkeit bei der Verhandlung vor dem Cas gerügt (und die beklagte Schweiz mit einer Strafzahlung von 8000 Euro belegt). Dieser Teil des Urteils entspreche ihrer Rechtsauffassung, schreiben nun Claudia Pechsteins Anwälte. Allerdings rügen sie das mit einer Mehrheit von fünf zu zwei gefällte Urteil, dass dem Cas kein Mangel an Unabhängigkeit und Unparteilichkeit nachzuweisen sei. Zur Begründung machen sie sich, wie es in ihrem Antrag heißt, „insbesondere die abweichende Stellungnahme der Richter Keller und Serghides im Anschluss an das Urteil zu eigen“.

          Helen Keller aus der Schweiz und Georgios A. Serghides aus Zypern vertreten die Überzeugung, dass es dem Cas schon durch seine Struktur an Unabhängigkeit und Unparteilichkeit fehle und dass auch dies, über die fehlende Öffentlichkeit hinaus, den EGMR hätte veranlassen sollen, einen Verstoß gegen Artikel 6 Abs. 1 der Europäischen Menschenrechtskonvention festzustellen, das Recht auf ein faires Verfahren.

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