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Claudia Pechstein : „Pflanzt mir einen Chip ein wie einem Hund“

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„Der Kampf um Rehabilitierung ist unser Leben“: Claudia Pechstein und Matthias Große (Foto: Im Mai 2014 in Berlin) Bild: dpa

Claudia Pechstein und ihr Lebensgefährte Matthias Große führen einen erbitterten Kampf gegen den Eisschnelllauf-Weltverband. Ein Gespräch über Selbstmordgedanken, Doping-Kontrollen, Sportgerichte und Grundrechte.

          Frau Pechstein, lassen Sie uns über Kämpfen reden. Was ist der Sinn des Kampfes im Sport?

          Claudia Pechstein: Gewinnen. Ich will die Beste sein, auch noch in meinem Alter. Ich habe mir im Training immer die Kante gegeben, und ich will in jedem Wettkampf mein Bestes geben. Man muss einen Killerinstinkt haben als erfolgreicher Sportler, und den vermisse ich bei der heutigen Generation. Heute reicht es der zweiten Garde, dabei zu sein. Die strengen sich nur so lange an, bis sie im Flieger sitzen und irgendwo shoppen gehen können, da kennen sie alle Öffnungszeiten. Da kann ich nur den Kopf schütteln.

          Ein extremer Anspruch an sich selbst macht das Leben nicht unbedingt leichter.

          Pechstein: Manchmal denke ich, es ist total dumm, sich immer so unter Druck zu setzen. Aber ohne Druck, ohne Anspannung kann ich nicht zeigen, was ich wirklich kann. Ich brauche den Kampf, den echten Wettkampf.

          Worum geht es? Um Ruhm, Geld, Ehre?

          Pechstein: Wenn ich Tennis- oder Golfspieler wäre, würde ich sagen: um Geld. Weil ich aber Eisschnellläuferin bin, geht es weniger ums Geld, sondern vor allem um die Ehre. Ich wollte Olympiasiegerin werden. Auch als ich nach meiner Sperre auf dem gleichen Level wieder eingestiegen bin, ging es um die Ehre, so von wegen: Ihr kriegt mich nicht klein!

          „Ich will in jedem Wettkampf mein Bestes geben“: Pechstein mit Bente Kraus und Isabell Ost (v.l.) nach dem Team-Rennen beim Weltcup in Heerenveen im Dezember

          Ohne Kampf kein Leben, hat Bismarck gesagt. Was halten Sie von diesem Spruch?

          Pechstein: Das ist ein guter Spruch. Trifft voll zu auf mein Leben. Wer sich durchs Leben langweilt, hat keine richtigen Ziele. Ich habe eigentlich immer gekämpft, zuerst auf dem Eis, gegen die Gegner, gegen die Uhr. Und dann, seit ein paar Jahren, hat der Kampf nicht mehr nur mit der Uhr zu tun, sondern auch mit Gerechtigkeit. Ich kämpfe gegen die ISU, den Eisschnelllauf-Weltverband, ich kämpfe gegen eine Unrechtssperre, ich kämpfe für meine Rehabilitierung.

          Sie haben die Doping-Vorwürfe, die 2009 zu einer zweijährigen Sperre führten, als Angriff auf Ihre Ehre empfunden?

          Pechstein Ja. Man wollte mir alles wegnehmen, alles zerstören. Das war der Plan der ISU.

          FRAGE: Warum sollte der Verband das tun?

          Pechstein: Ich glaube, die wollten Vorreiter für den indirekten Doping-Nachweis sein und sich dafür feiern lassen. Ich habe nichts verbrochen, es gab ja keine positiven Proben, die haben einfach einen Doping-Fall konstruiert. Für mich ist damals eine Welt zusammengebrochen. Es war klar, dass der Doping-Stempel, den sie mir verpasst haben, mich für ewig brandmarken wird.

          „Wenn die Münchner Kammer ernst macht, wird es für die ISU böse“: Pechstein mit Anwalt im September 2013 im Münchner Landgericht

          Die ISU sperrte Sie 2009, weil der Retikulozytenanteil in Ihrem Blut, also der Anteil junger Blutkörperchen, über dem festgelegten Höchstwert lag. Der internationale Gerichtshof Cas hat die Sperre 2009 bestätigt.

          Pechstein: Ich wusste, ich hatte nicht gedopt, also musste es einen anderen Grund geben. 2010 hatte ich dann die Erklärung, als Mediziner der Deutschen Gesellschaft für Hämatologie und Onkologie bei mir eine Blutanomalie feststellten, die mir mein Vater vererbt hat. Es ist ein Membran-Defekt. Ich war wahnsinnig froh, als die Diagnose heraus war. Nach meinem Comeback waren die Werte schon mehrmals wieder erhöht. Dreimal habe ich mich mittlerweile selbst angezeigt, damit mein Fall nochmals verhandelt wird. Aber weder die ISU noch die Anti-Doping-Agenturen Nada und Wada haben wegen der erhöhten Werte ein Verfahren gegen mich eröffnet. Die medizinischen Fakten sind eindeutig. Trotzdem gab’s noch keine Entschuldigung vom Weltverband. Das ist erbärmlich.

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