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Russland-Kehrtwende der Wada : Ein Kompromiss ist deplaziert

  • -Aktualisiert am

Klare Meinung: Fechtpräsidentin Claudia Bokel Bild: dpa

Die Welt-Anti-Doping-Agentur hat eine Kehrtwende im Umgang mit Russland eingeleitet. Das stört die Vertreter der Sportler in aller Welt. Ein Gastbeitrag der Fechtpräsidentin und ehemaligen Vorsitzenden der IOC-Athletenkommission.

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          Die jüngste Russland-Kehrtwende der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) ist besorgniserregend. Die Wada steht vor einem wegweisenden Moment ihrer Geschichte: Bleibt sie beim ursprünglichen Plan, ihrer Roadmap, und lässt Russland nicht wieder zu, oder lässt sie sich zu einem Kompromiss hinreißen und hebt die Suspendierung der russischen Anti-Doping-Agentur (Rusada) am Donnerstag auf?

          Wer den Oscar-prämierten Film „Icarus“ gesehen hat, erinnert sich an eine Einstellung, in der ich zu sehen bin, gemeinsam mit etlichen anderen Mitgliedern der Wada und der Anti-Doping-Gemeinschaft. Auf diese Szene werde ich permanent angesprochen. Der Grund ist offensichtlich: Uns allen steht der schiere Schock ins Gesicht geschrieben, weil uns klar wird, in welchem Ausmaß Russland für die Olympischen Winterspiele 2014 in Sotschi zu betrügen bereit war.

          Unsere Mienen sprachen Bände, sie brachten zum Ausdruck, was Millionen Sportler und Sportliebhaber in aller Welt dachten. Der Skandal, der im Laufe des Frühjahrs und Sommers 2016 ans Licht kam, machte uns alle fassungslos.

          Ein Bericht mit vernichtender Wirkung

          Als Vorsitzende der Athletenkommission des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), in der ich die Sportler innerhalb der „Olympischen Bewegung“ vertreten habe, hatte ich das Vertrauen in das Anti-Doping-System verloren. Warum? Weil der sogenannte „Pound-Bericht“ über das Doping in der Leichtathletik schon publiziert war und Fragen aufgeworfen hatte. Wenn es Belege für weitverbreitetes Doping in der russischen Leichtathletik gab, wieso dann nicht in anderen Sportarten? Wie weit war Doping tatsächlich verbreitet? War Russland nur die Spitze des Eisbergs?

          Heute muss ich mich kneifen, wenn ich daran denke, welch vernichtende Wirkung dieser „Pound-Bericht“ und der folgende „McLaren-Bericht“ über das Doping in Russland in der Sportwelt hatten, für Fans in aller Welt. Die weit überwiegende Zahl der Fans verabscheut Betrug. Vielleicht muss genau das sein, dachte ich: konkrete Belege, von denen die Anti-Doping-Gemeinschaft aufgerüttelt wird. Vielleicht war es die Gelegenheit, den Sport tatsächlich sauberer zu bekommen – und das Vertrauen der Menschen wiederherzustellen.

          Trotz weiter angekratztem Image: Die Rusada steht vor der Rehabilitierung.

          Seitdem der „Pound-Bericht“ veröffentlicht ist, seit November 2015, ist die Rusada, die russische Anti-Doping-Agentur, suspendiert durch die Wada. Die sogenannte „Wada Russland Roadmap“ sah vor, dass die verschiedenen russischen Behörden eine Reihe von Bedingungen erfüllen, die von der Wada gestellt wurden und die Teil der „Roadmap“ sind. Die Wada hat uns immer wieder sehr öffentlich darüber informiert, inwieweit die Rusada Fortschritte gemacht hat in ihrem Bemühen, den Bedingungen der „Roadmap“ gerecht zu werden. Zuletzt hieß es von der Wada, zwei sehr erhebliche Bedingungen seien noch zu erfüllen, bevor eine Wiederaufnahme der Rusada in Erwägung gezogen werden könne:

          – „Die für Anti-Doping zuständigen Behörden müssen öffentlich die Befunde der McLaren-Untersuchung anerkennen. Dazu gehören: Rusada, Sportministerium und das Nationale Olympische Komitee Russlands.“

          – „Die russische Regierung muss Zugang zu den einschlägigen Objekten gewähren, in denen Urinproben im Moskauer Labor gelagert werden. Diese Proben sind auf Grund einer föderationsbehördlichen Untersuchung versiegelt.“

          Sportler sollen keine Zweifel haben

          Nach der überraschenden und abrupten Kehrtwende der Wada am vergangenen Freitag, als sie empfahl, die Rusada wieder zuzulassen, wurde ein Briefverkehr zwischen der Wada und Russland öffentlich, mit der Anmerkung der Wada, dass „Führung Flexibilität erfordert“. Als ehemalige Athletin wiederhole ich, was von sauberen Athleten aus aller Welt darauf zu hören ist: Wir haben die Sorge, dass die Wada-Spitze Flexibilität höher gewichtet als starke und entschiedene Führung, insbesondere, wenn es um etwas so Elementares im Sport geht wie Anti-Doping.

          Ich konnte in der jüngsten Wada-Pressemitteilung auch lesen, dass die erheblichen Fortschritte der Rusada „ohne Pragmatismus und nuancierte Interpretation“ der „Roadmap“ zunichtegemacht würden. Wieso würde das Erfüllen eines Teils des Plans die Einhaltung eines anderen zunichtemachen? Es heißt, die Rusada habe in den zurückliegenden zwei Jahren erhebliche Fortschritte gemacht. Das lässt Hoffnung aufkommen. Warum haben wir jetzt das Gefühl, dass die Wada aufgibt? Die Ziele auf einmal verschiebt? Uns allen ist nicht an weiteren kontroversen Debatten und Entscheidungen über die Teilnahme von russischen Sportlern gelegen. Aber vor allem und zuallererst wollen wir nicht, dass die Sportler Zweifel haben müssen.

          Es hat mich geschockt, von der Wada zu lesen: „Das Ergebnis (der Wada Zugang zu den Proben im Moskauer Labor zu verschaffen) wäre nie zu erreichen gewesen, wenn nicht beide Seiten ein kleines Stück aufeinander zugegangen wären.“ Der Begriff Kompromiss ist in der Anti-Doping-Frage vollkommen deplaziert und hat nichts mit dem zu tun, was saubere Sportler und Fans von denjenigen erwarten, die definieren, wie sich das Anti-Doping-System aufstellt. Wird von uns nicht Führungsstärke und Standhaftigkeit erwartet, kein „Falls“, kein „Aber“ – so wie von den Athleten erwartet wird, sich an das Prinzip der strikten Haftung zu halten, wenn es um die Verantwortung für Substanzen in ihren Körpern geht?

          Wir wollen, dass die Wada die richtigen Entscheidungen trifft. Weil Sportler gegen die besten Konkurrenten antreten wollen und nicht gegen die am besten gedopten. Wie lässt sich ansonsten der Wert einer Medaille erhalten? Wir wollen, dass Sponsoren und Fans die Gewissheit haben, dass der Sport ihre Zeit und ihr Geld wert ist. Sollte die Wada nicht, um ihrer Glaubwürdigkeit und ihrer eigenen Zukunft willen, die moralisch richtige Entscheidung treffen statt einer juristisch vertretbaren? Müsste sie nicht an der ursprünglichen, von ihr entworfenen „Roadmap“ festhalten, um sich Seite an Seite mit den sauberen Sportlern stellen zu können?

          Claudia Bokel

          Die Autorin ist Präsidentin des Deutschen Fechterbundes, war Vorsitzende der IOC-Athletenkommission und Mitglied des gleichen Gremiums der Wada. Sie arbeitet als geschäftsführende Direktorin der Stiftung FairSport, die sich für sauberen Sport einsetzt. Als Athletin gewann Claudia Bokel unter anderem bei den Olympischen Spielen 2004 in Athen die Silbermedaille im Degenfechten mit der Mannschaft.

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