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Olympische Zukunft ungewiss : Das riesengroße Chaos im Boxen

  • -Aktualisiert am

Neuer Aiba-Präsident mit nicht ganz geklärter Vergangenheit: Gafur Rachimow Bild: dpa

Mit einem Präsidenten von zweifelhaftem Ruf will der Weltverband der olympischen Boxer Glaubwürdigkeit wiedergewinnen. Denn an ominösen Geschichten herrscht kein Mangel. Ganz im Gegenteil.

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          Moskau ist ein schwieriges Pflaster für Serik Konakbayew. Im August 1980 verlor der Kasache aus der sowjetischen Boxstaffel im Sportkomplex Olympijski das Finale im Halbweltergewicht gegen Patrizio Oliva; der Italiener wurde zum besten Boxer des olympischen Turniers gewählt. Am vergangenen Wochenende, 38 Jahre später, musste er sich in einem Saal des kolossalen Ukraina Hotels wieder mit dem zweiten Platz begnügen.

          Diesmal gab es 137 Punktrichter, wenn man die stimmberechtigten Kongressteilnehmer der Association Internationale de Boxe (Aiba) so nennen darf; sie entschieden sich bei der Wahl zum Präsidenten mit deutlicher Mehrheit nicht für ihn, den Gegenkandidaten in letzter Minute, sondern den usbekischen Interims-Vorsitzenden Gafur Rachimow. Der darf die Geschicke des 1946 gegründeten Weltverbands der olympischen Boxer nun weiterlenken.

          Ein ehemaliger Aktiver, der Jahrzehnte danach zum obersten Funktionär aufsteigt: Das hätte ein bemerkenswertes Novum in der selten glanzvollen Aiba-Geschichte werden können. Beim Wahlgang am Samstag, den ein ehemaliger Schweizer Diplomat beaufsichtigte, gaben jedoch nur 48 Delegierte ihre Stimme für den 59-jährigen Kasachen ab; 86 votierten für den 67-jährigen Usbeken. Drei Wahlberechtigte entschieden sich offenbar für keinen der Kandidaten. Vielleicht wollten sie nur mal im größten Hotel Europas logieren. Genauer mochte das keiner der Insider und Beobachter vor Ort hinterfragen. An ominösen Geschichten rund um den Verband und seine Protagonisten herrscht ohnehin kein Mangel. Im Zweifel sind weit gravierendere darunter.

          Alles im legalen Bereich?

          Das hat ganz viel mit dem Wahlgewinner von Moskau zu tun. Seit er Ende Januar bei einem Dringlichkeitstermin in Dubai kommissarisch zum obersten Funktionär der Aiba ernannt wurde, reiben sich Olympioniken wie Beobachter an Rachimow. Der frühere Boxtrainer hat sich von Usbekistan aus ein Imperium aus Handels- und Partnerbeziehungen aufgebaut. Längst nicht alle spielen sich notorischen Vorwürfen zufolge im legalen Rahmen ab. Die zuständige Abteilung im amerikanischen Finanzministerium hat seine Geschäftskonten bis auf weiteres eingefroren, weil sie Hinweise auf brisante Verwicklungen mit der organisierten Kriminalität hat. Sie reichen von der Unterstützung des Heroinhandels auf dem Weg von Afghanistan nach Russland bis hin zu einer Mitgliedschaft bei den „Thieves in law“, einem internationalen, ursprünglich in Stalins Straflagern gegründeten Gangster-Syndikat, das im großen Stil Geldwäsche, Erpressung, Diebstahl und mehr organisiert.

          Noch sind das allenfalls Indizien, die der Beschuldigte bis zum Frühjahr aufklären will; mehrere von ihm angestrengte Verleumdungsklagen hat er gewonnen. In der Summe aber hat das ausgereicht, um das Internationale Olympische Komitee (IOC) zu alarmieren. Nicht von ungefähr wurde Rachimow bereits 2000 als unerwünschte Person von den Sommerspielen in Sydney verbannt, später als Vizepräsident des nationalen Komitees Usbekistans stillschweigend geduldet. Nach der Ernennung zum Interims-Präsidenten der Aiba zeigte sich die IOC-Spitze um Präsident Thomas Bach „sehr beunruhigt“, dass die Personalie das Ansehen der gesamten Sportfamilie beflecken könnte. Deshalb stellte sie eine schwere Hausaufgabe: Binnen Monaten sollte der Weltverband nachweisen, dass er sich um eine innere Reinigung bemüht; andernfalls drohen ihm Sanktionen bis zum Ausschluss.

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