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Ukraine fordert WM-Boykott : „Von Reisen zur WM nach Russland ist abzuraten“

  • -Aktualisiert am

Petro Poroschenko (links), Präsident der Ukraine, und Fifa-Präsident Gianni Infantino auf der Tribüne beim Finale der Champions League in Kiew. Bild: dpa

Dass unmittelbar vor der Weltmeisterschaft in Russland das Finale der Champions League in der Ukraine stattfindet, hat für viele Symbolcharakter. Das ukrainische Außenministerium rät zum Boykott. Russland antwortet pikiert.

          „Es hat für die Ukraine Symbolcharakter, dass das Finale der Champions League in Kiew exakt vor der WM in Russland stattfindet“, lautete die Botschaft des ukrainischen Geschäftsmannes Hryhorij Surkis, des Vizepräsidenten der Uefa sowie ehemaligen Präsidenten des ukrainischen Fußballverbandes. Laut Surkis sei dieses Argument während der Gespräche über Kiew als Austragungsort des CL-Finales 2018 auch berücksichtigt worden – der Wunsch der Ukraine, sich vor der WM in einem Land, das im Frühjahr 2014 die Halbinsel Krim annektierte, zu präsentieren, sei schließlich nachvollziehbar.

          Vor diesem Hintergrund war es umso ironischer, dass die Partie im Kiewer Olimpijskyj-Stadion durch die Werbebanner des Uefa-Großsponsors Gasprom, eines mehrheitlich vom russischen Staat kontrollierten Gaskonzerns, begleitet wurde. „Die Uefa weiß ganz genau, dass wir das nicht gut finden“, erklärte der ukrainische Sportminister Ihor Schdanow. „Vertraglich war das jedoch nicht zu verhindern.“

          Wegen Gasprom gab es in der Final-Woche allerdings einen weiteren Eklat: Zwar war der Konzern anders als weitere Partner der Champions League nicht mit einem Stand in der großen Fanzone auf der Prachtstraße Chreschtschatyk vertreten, jedoch war das blauweiße Gasprom-Logo auf den Bannern zu sehen, obwohl die Stadtverwaltung zuvor das Gegenteil versprochen hatte. In diesem Fall gab die Uefa jedoch schnell nach – und die Logos wurden noch vor der Eröffnung der Fanzone ersetzt. Offenbar hat eine hitzige Facebook-Debatte dabei die Schlüsselrolle gespielt.

          „Hört nicht auf irgendwelche Dummköpfe“

          Ukrainische Menschenrechtler wollten ihrerseits den Trubel um das Finale nutzen, um Aufmerksamkeit für die Lage der politischen Gefangenen in Russland zu gewinnen. Besonders viele Plakate wurden dem Filmregisseur Oleh Senzow gewidmet, der sich seit zwei Wochen in einem Hungerstreik befindet. Der aus Simferopol auf der Krim stammende Senzow wurde im Mai 2014 wegen des Verdachts auf Planung der Terroranschläge von russischen Sicherheitsorganen verhaftet. Obwohl die Staatsanwaltschaft keine klaren Beweise vorlegen konnte, wurde er ein Jahr später zu 20 Jahren Haft verurteilt. Als einzige Bedingung für die Beendigung seines Hungerstreiks nannte Senzow, der die russische Annexion der Krim seinerzeit hart kritisierte, die sofortige Freilassung aller politischen Gefangenen.

          „Für mich fühlt sich dieses Fest komisch an, während Senzow irgendwo in Russland hungern muss“, sagt eine Aktivistin. „Gerade deswegen sollte man auch als Fan nicht zur WM reisen: Man weiß auch als durchschnittlicher Reisender ohne politische Position nie, was Russland mit dir planen könnte.“ Eine Position, die auch das ukrainische Außenministerium vertritt. „Von Reisen zur WM nach Russland ist abzuraten“, betonte Außenminister Klimkin. Der Twitter-Account des russischen Außenministeriums dazu in ukrainischer Sprache: „Wir freuen uns, unsere Nachbarn aus der Ukraine während der WM empfangen zu dürfen. Und hört nicht auf irgendwelche Dummköpfe.“

          Obwohl die Ukraine sich nicht für die WM qualifizieren konnte, bleibt das Turnier ein heißes Thema. „Die Weltgemeinschaft sollte die WM in einem Verbrecherstaat, der vom Völkerrecht nichts hält, gemeinsam boykottieren“, fordert der ukrainische Präsident Petro Poroschenko. Ob die eigene Nationalmannschaft im Falle der erfolgreichen Qualifikation die WM boykottiert hätte, wird für immer eine offene Frage bleiben. Der öffentliche Druck wäre bestimmt groß gewesen.

          Als das ukrainische Biathlon-Nationalteam im März zum Weltcup-Finale ins russische Städtchen Tjumen fahren wollte, erteilte das Sportministerium den Mitgliedern aller ukrainischen Nationalauswahlen das Verbot für eine Teilnahme an Wettbewerben im Nachbarland. „Wir haben lange toleriert, dass Ukrainer an offiziellen internationalen Wettbewerben in Russland teilnehmen“, begründete Sportminister Schdanow seine bei Sportlern umstrittene Entscheidung. „Die Zahl der Ukrainer in russischen Gefängnissen steigt aber – und so müssen wir endlich Haltung zeigen.“ Das Ministerium musste aber nach Gesprächen mit Thomas Bach, dem Präsidenten des Internationalen Olympischen Komitees, zurückrudern: Nun darf die Teilnahme an russischen Wettbewerben nur nicht staatliches Geld kosten.

          Der Fußball-WM droht in der Ukraine dennoch ein Boykott. Der öffentlich-rechtliche Sender und Rechteinhaber UA:Pershyj will das Turnier nicht übertragen – und sucht nach einem Käufer. Die Chance ist groß, dass die WM im Fernsehen nicht übertragen wird, zumal im ukrainischen Parlament eine Verbotsinitiative vorliegt. Der ukrainische Fußballverband hat sich außerdem geweigert, die Akkreditierungen für ukrainische Journalisten für die Fußball-WM zu bearbeiten, angeblich aus Sicherheitsgründen.

          „Das perfekt organisierte CL-Finale hat der Welt gezeigt, wie gastfreundlich und weltoffen die Ukraine ist“, sagte Petro Poroschenko, der seinen Boykott-Aufruf für die WM noch einmal bekräftigte. Allerdings wurde die Gastfreundschaft nicht von allen ausdrücklich gelobt: So hat der Uefa-Präsident Aleksander Ceferin überhöhte Preise für Hotelzimmer und Apartments deutlich kritisiert. Dieses Problem wird man jedoch auch bei der WM in Russland erleben.

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