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Cem Özdemir im Interview : „Özil schoss ein Tor für uns, Erdogan ärgerte sich“

„Wenn man mit dem Ball umgehen kann, ist man dabei.“ Cem Özdemir im Interview über die Integrationskraft des Fußballs Bild: dpa

Cem Özdemir spielte einst Handball: So trainierte sich der Grünen-Politiker die Angst ab, dafür litt er im Sportunterricht: Ein Gespräch über die Rolle des Sports für die Integration und die Bedeutung von Mesut Özil.

          6 Min.

          Vor Jahr und Tag haben Sie gefordert, der Deutsche Fußball-Bund solle sich um die zweite und dritte Generation der türkischen Einwanderer kümmern; damals spielte noch keiner von ihnen in der Nationalmannschaft . . .

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Das hat sich gründlich geändert.

          Mesut Özil war der Erste, der Sie erhört und für die deutsche Nationalmannschaft optiert hat.

          Beim Länderspiel Deutschland - Türkei im Berliner Olympiastadion, an dem die Bundeskanzlerin und der damalige türkische Ministerpräsident als Zuschauer teilgenommen haben, hat Mesut Özil damals das zweite Tor zum 3:0 beigesteuert. Im Stadion waren viele Deutsch-Türken; sie fanden das nicht alle so prickelnd, manche haben auch gebuht.

          Bei jener Europameisterschaftsqualifikation 2010 lag Özils Entscheidung für Deutschland erst gut ein Jahr zurück. Er hat sich Torjubel verkniffen.

          Dabei hat er das Normalste getan, was er tun kann: für das Land zu spielen, in dem er geboren und aufgewachsen ist. Nach dem Spiel stand ich mit Frau Merkel und Herrn Erdogan zusammen. Ich habe ihn gefragt, ob er mir nicht gratulieren wolle. Er antwortete: Wozu? Wir haben doch verloren. Ich sagte: Sie haben verloren, wir haben gewonnen, Mesut Özil hat ein Tor für uns geschossen. Erdogan hat sich geärgert. Vielleicht liegt’s ja daran, dass er mich nicht mag.

          Nicht eher an Ihrer Kritik an seinen Wahlkampf-Auftritten in Deutschland?

          Da kommt einiges zusammen, auch der Fußball. Ich habe ihm später gesagt, als sich Deutschland qualifiziert hatte, nicht aber die Türkei, dass dies eine Supergelegenheit für die Deutsch-Türken sei, aber auch für Menschen in der Türkei, durch die Identifikation mit Özil bei der Europameisterschaft dabei zu sein.

          Welches bewerten Sie als die größere Leistung von Mesut Özil . . .

          . . . dass er in der Premier League überlebt. Das ist nicht jedem Spieler vergönnt.

          Was hat Sie mehr gefreut: dass er Weltmeister wurde oder dass er deutscher Nationalspieler wurde?

          Er war der Türöffner. Er hat mit seiner Entscheidung zur Normalität beigetragen, obwohl er immer unter besonderer Beobachtung stand. Denken Sie an die Diskussion über das Mitsingen der Nationalhymne. Denken Sie an die Frage, ob er nach einem Tor jubeln darf, ob er genug gejubelt hat. Das entbehrte nicht einer gewissen Absurdität. Bei aller Irrationalität, die wir der türkischen Seite zu Recht aufs Butterbrot schmieren: wenn wir ehrlich sind, haben auch manche in Deutschland Menschen wie ihm ein Stöckchen hingehalten, über das sie springen sollten. Besonders krass sind natürlich die Hetze und der Rassismus von Rechtsextremen. NPD-Vertreter wurden verurteilt, weil sie den früheren Nationalspieler Patrick Owomoyela rassistisch attackiert hatten. Umso wichtiger, dass die Mesut Özils in allen Bereichen der Gesellschaft - im Sport, im Fernsehen, in der Wissenschaft, in Unternehmen und Gewerkschaften . . .

          . . . in der Politik. . .

          . . . dass sie ihren Weg unbeirrt gehen.

          Wird der Sport auch für die nächste Generation, die Flüchtlinge aus Syrien, aus Eritrea, aus Irak und Äthiopien, eine solche Rolle spielen?

          Davon bin ich überzeugt. In Bielefeld habe ich bei einer Veranstaltung einen Mann getroffen, der selbst geflüchtet war und durch sein Engagement für Flüchtlinge bei der Arminia eine richtige Ersatzfamilie gefunden hat. Sport spielt eine wichtige Rolle, weil er ein Zugehörigkeitsgefühl schaffen kann. Man braucht keine akademischen Kenntnisse dafür, nicht einmal Sprachkenntnisse. Wenn man mit dem Ball umgehen kann, ist man dabei. Und lernt im besten Fall auch die Sprache.

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