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Bundesjugendspiele : Weiter spielen!

  • -Aktualisiert am

Hüpfer in die Sandgrube: Kinder wollen sich messen, und sollen das auch Bild: Picture-Alliance

Kinder messen sich gerne. Dass Unterschiede zu Tage treten, ist nichts Schlechtes, sondern etwas Gutes. Lasst sie weiter laufen. Nur versteht Ehrenurkunden nicht als Orden!

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          Weg mit den Bundesjugendspielen? Weil doch die Kleinen und etwas Größeren gegängelt und gedrängt, abgerichtet und - nach einem 1,80-Meter-Hüpferchen in der Sandgrube - vor der ganzen Klasse vom Oberlehrer gedemütigt werden: wieder keine Ehrenurkunde, setzen! Das Sommerfestchen des Schulsports ist also die Quälinstanz unserer auf Alltagsleistung ausgerichteten Gesellschaft: Der Aufruf einer besorgten Mutter zur Abschaffung der Bundesjugendspiele hat Tausende ehemaliger Leidensgenossen von einem Handlungsnotstand überzeugt. Sport muss Spaß machen. Mathe nicht?

          Aber natürlich. Erst die Begeisterung führt zu einer spielerisch-leichten Entwicklung ungeahnten Ausmaßes. Aber sie ist ohne Anstrengung, ohne Bereitschaft, Hindernisse zu überwinden, nicht möglich, in welchem Fach auch immer. Warum also sollte der Sport reduziert werden auf Toben und Raufen, auf ein Pausenvergnügen zur Erholung vom Mehrkampf im Klassenzimmer? Er gehört seit zwei Jahrtausenden zur humanistischen Ausbildung, er dient dazu, die Balance zu finden zwischen Körper und Geist. Und, wer weiß das nicht? Der Wettkampf, der Vergleich, das sich Messen ist ein beliebtes Kinderspiel, das bis ins Greisenalter nichts von seiner Faszination verliert. Weil es Spaß macht.

          Die Konstanzer Stadträtin Christine Finke sammelt mittels Online-Petition Stimmen für die Abschaffung der Bundesjugendspiele

          Dass dabei Unterschiede offensichtlich werden, Neigungen wie Talente zu Tage treten, ist nichts Schlechtes, sondern etwas Gutes. Weil die Wettkämpfer sich direkt bewusst werden, was sie können und was ihnen nicht so liegt. Im Zweifel lernt man so in einer Gesellschaft, in der Eltern ihre Kinder zunehmend vom ersten Tag an zu Siegern erklären, auch Niederlagen zu akzeptieren. Ob nun bei einer Schwäche auf dem Sportplatz oder während einer Wissenslücke in Mathe an der Tafel: Demütigungen sind keine automatischen Begleiter des Sports in der Schule, sondern eine Erfindung der Menschen.

          Die Abschaffung der Bundesjugendspiele würde daran nichts ändern. Lasst sie weiter laufen, springen und gegeneinander antreten. Aber sorgt dafür, dass eine Ehrenurkunde nicht als Orden und eine Eins in Mathe nicht als Beleg für einen besseren Menschen betrachtet wird.

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

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