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Kommentar : Der Traum ist gestorben

Die Hamburger haben Nein zu Olympia gesagt. Bild: Reuters

Die Hamburger stimmen gegen die Olympia-Bewerbung ihrer Stadt. Verantwortlich dafür ist nicht die Politik und nicht die Elbphilharmonie. Es ist die Abscheu gegenüber der Organisation im Zeichen der Ringe.

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          Sport und Politik haben Hamburg nicht davon überzeugen können, dass Olympische Spiele Stadt und Land eine Perspektive eröffnen. Nicht einmal das Versprechen des Ersten Bürgermeisters Olaf Scholz, für die verhältnismäßig bescheidene Summe von 1,2 Milliarden Euro aus dem Stadtsäckel seien die Spiele und noch dazu ein nagelneuer Stadtteil mitten auf der Elbe zu haben, verfing.

          Immerhin beteiligten sich 650.000 Hamburgerinnen und Hamburger am Bürgerentscheid, das sind rund fünfzig Prozent. Sie zeigten, dass es ihnen um etwas ging. Mag sein, dass der ein oder andere die Unfähigkeit der öffentlichen Hand beim Bau der Elbphilharmonie und anderer Großprojekten in Deutschland im Hinterkopf hatte. Wer wollte garantieren, dass es bei einem Gesamtbudget von gut elf Milliarden Euro bleiben würde?

          Noch weniger aber als Politik und Politikern scheint die Öffentlichkeit dem Sport und ihren Vertretern zu glauben. Das dürfte weniger Alfons Hörmann betreffen, den Präsidenten des Deutschen Olympischen Sportbund. Er setzte den Kandidaten Hamburg anstelle des Kandidaten Berlin durch. Vielmehr richtet sich der Blick auf seinen Vorgänger Thomas Bach. Ihn, den Präsident des Internationalen Olympischen Komitees, holt die Ablehnung der Kandidatur Münchens um die Winterspiele 2018 ein. Weder als erster Mann des deutschen Sports noch als Nummer eins des Weltsports konnte er die Sportbegeisterung seiner Landsleute in eine Bewerbung ummünzen. Wie auch?

          Ob systematisches Doping im russischen Sport, ob eine erpresserische Verbandsspitze in der Welt-Leichathletik, ob korrupte Fußball-Funktionäre in Handschellen oder dubiose Millionenzahlungen im Zusammenhang mit dem Sommermärchen 2006: So wie Vielfalt und Faszination des Sports sich bei Olympischen Spielen auf siebzehn Wettkampftage verdichten, konzentrieren sich Abscheu und Misstrauen gegenüber dem Sport auf die Organisation im Zeichen der Ringe, den Milliarden-Konzern IOC.

          Selbstverständlich ist das ungerecht. Bach ist nicht verantwortlich  für die Machenschaften der Blatter und Platini, der Diack und Balachnitschev. Das Votum ist gleichwohl eine Ohrfeige für ihn. Mit seinem Versprechen von der Reform des größten Sportfestes der Welt lieferte er Hamburg kein Argument pro Bewerbung. Diejenigen, die dafür sprachen, landeten stets bei dem dialektischen Dreher, gerade weil der internationale Spitzensport so verkommen sei, müsse man Olympia die Chance geben, sich mit Spielen in Deutschland zu erneuern. Der Traum von Olympia in Deutschland ist gestorben, lautete eine Klage am Sonntagabend. Er war, das zeigt sich nun, schon vor der Abstimmung ausgeträumt.

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

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