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Brasilien : Kindersportprogramm als Quelle für Schmiergeld?

  • -Aktualisiert am

Orlando Silva streitet ab, dass im Sportministerium öffentliche Gelder veruntreut wurden. Bild: dapd

Brasilien ist Gastgeber gleich zweier Großveranstaltungen der nahen Zukunft: Die Fußball-WM 2014 und die Olympischen Spiele 2016 finden in Südamerika statt. Nun wird der brasilianische Sport abermals von einem Skandal erschüttert.

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          Der brasilianische Sportminister Orlando Silva hat unter dem Druck von Korruptionsvorwürfen seinen Rücktritt eingereicht. Er ist das fünfte Kabinettsmitglied, das die Regierung der Präsidentin Dilma Roussef aus diesem Grund verlässt und der sechste Minister insgesamt seit dem Amtsantritt Rousseffs am Beginn des Jahres. Silva hat mit seinem Rückzug auf die Ankündigung des Obersten Gerichts reagiert, wegen möglicher Unregelmäßigkeiten
          in dem Ministerium Ermittlungen einzuleiten.

          Die gegen Silva erhobenen Vorwürfe sind besonders delikat, weil das Ministerium massiv in die Vorbereitung der beiden sportlichen Großereignisse in Brasilien, der Fußball-WM 2014 und der Olympischen Spiele 2016 in Rio de Janeiro, eingebunden ist. Silva beteuert, nichts mit einem mutmaßlichen Netz von Schmiergeldzahlungen zu tun zu haben, das ein früherer Polizist, der selbst involviert ist, aufgedeckt haben will. Bei dem Geldkreislauf sollen öffentliche Mittel in größerem Stil abgezweigt worden sein.

          Der einstige Beamte der militarisierten Polizei João Dias Ferreira hatte behauptet, der Minister habe persönlich von ihm in einer Garage eine Summe entgegengenommen, die "obligatorisch" habe abgeführt werden müssen, um Zuschüsse für Sportprojekte zur Förderung von Kindern aus Armenvierteln innerhalb des Sozialprogramms "Zweite Spielzeit" zu erhalten. Bei einem dieser Projekte, das der Polizist zeitweise geleitet hatte, war wegen mutmaßlichen Betrugs ermittelt worden, er war deswegen vorübergehend in Haft. Parlamentarier aus dem Regierungslager sprangen dem Minister bei und bezeichneten die Behauptungen des Polizisten als Racheakt. Der Minister nannte ihn einen Banditen, der keinen Beweis vorlegen könne, weil alles Lüge sei. Seine Demission soll keine Schuldeingeständnis sein.

          Für die WM 2014 wird nicht nur in den Umbau des Maracana-Stadions in Rio de Janeiro massiv investiert. Die gigantischen Summen stellen eine große Versuchung dar, Geld abzuzweigen wie es auch bei früheren Großereignissen wie den Panamerikanischen Spielen 2007 geschehen ist.
          Für die WM 2014 wird nicht nur in den Umbau des Maracana-Stadions in Rio de Janeiro massiv investiert. Die gigantischen Summen stellen eine große Versuchung dar, Geld abzuzweigen wie es auch bei früheren Großereignissen wie den Panamerikanischen Spielen 2007 geschehen ist. : Bild: dapd

          Die Präsidentin Dilma Rousseff stützte zunächst auch noch den Minister, der der brasilianischen Kommunistischen Partei angehört. Doch Silva soll nach Zeitungsberichten 2006 Dokumente unterschrieben haben, in denen die von dem Polizisten geleitete zivilgesellschaftliche Organisation zur Sportförderung herabgestuft wurde, damit sie weiterhin berechtigt war, Geld aus dem Ministerium zu erhalten. Damit sei zum ersten Mal belegt, dass es einen direkten Kontakt zwischen dem Minister und dem Polizisten gegeben habe. In den vergangenen acht Jahren sollen nach Angaben, die der Polizist der Zeitschrift "Veja" anvertraute, von den umgerechnet 16 Millionen Euro für das Kindersportprogramm 3,2 Millionen veruntreut worden sein. Außerdem habe die Kommunistische Partei, der auch der Polizist angehörte, Geld für den Wahlkampf erhalten.

          WM-Vorbereitungen als Ablenkung

          Die Regierung hat inzwischen angeordnet, dass ähnliche Förderprogramme auch in anderen Ministerien überprüft werden sollen, und hat einstweilen die Auszahlung der Mittel gestoppt. Das Oberste Bundesgericht hat eine Frist von zehn Tagen gesetzt, innerhalb derer alle Dokumente über Verträge des Sportministeriums, die unter Verdacht stehen, darunter vor allem jene, die das Programm "Zweite Spielzeit" betreffen, vorgelegt werden müssen. Sie sollen dann dem Generalstaatsanwalt Roberto Gurgel zugeleitet werden.

          Die Opposition forderte lange schon den Rücktritt Silvas, doch Versuche, ihn in einer Debatte im Kongress zu einer Aussage über die Vorwürfe zu bewegen, prallten an ihm ab. Auf Vorhaltungen der Opposition antwortete Silva bloß mit Zahlen, die die Bedeutung der Fußball-WM 2014 für das Land unterstreichen sollten. Es würden dann 600.000 Touristen aus dem Ausland erwartet, 700.000 Arbeitsplätze geschaffen, drei Millionen Brasilianer würden wegen der Fußballspiele in den verschiedenen Städten durch das Land reisen.

          Die Regierung finanziere über die brasilianische Entwicklungsbank BNDES mit Milliardenbeträgen den Bau von Stadien, Häfen und Flughäfen, sagte Silva. Er erwähnte allerdings nicht, dass gerade diese gigantischen Summen eine große Versuchung darstellen, Geld abzuzweigen, wie es auch bei früheren ähnlichen Großereignissen wie den Panamerikanischen Spielen 2007 geschehen ist.

          Mit den erstaunlichen Zahlen, die von dem mutmaßlichen Korruptionsfall innerhalb des Kindersportprogramms ablenken sollten, demonstrierte der Ex-Minister allerdings auch auf unfreiwillige Weise, wie groß der mögliche Prestigeverlust für Brasilien als Gastland für WM und Olympische Spiele wäre, wenn gerade sein Ministerium tatsächlich in einen Skandal verwickelt wäre. 

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