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Protest in Brasilien : Fußballfans gegen Bolsonaro

  • -Aktualisiert am

Der Fußball mischt mit: Demonstration in Sao Paulo für mehr Demokratie. Bild: AP

Die Fans brasilianischer Fußballklubs trennt sonst eine tiefe Abneigung. Doch diesmal geht es um mehr als um Fußball. Gemeinsam formieren sie sich zum Widerstand gegen Staatschef Bolsonaro.

          3 Min.

          Es ist ein eher seltenes Bild der Einheit: Fans der Fußball-Traditionsklubs aus Rio de Janeiro haben sich an diesem Juni-Nachmittag versammelt, um gemeinsam ihren Unmut über die Regierung des rechtspopulistischen Präsidenten Jair Bolsonaro auszudrücken. „Wir sind gekommen, um für die Demokratie und gegen Rassismus und Faschismus zu demonstrieren“, sagt Trommler Fernando, der im Trikot von Flamengo erschienen ist und nun den Rhythmus vorgibt.

          Gekommen sind Vertreter der Fanklubs von Meister und Copa-Libertadores-Sieger Flamengo, Botafogo, Fluminense und Vasco da Gama. In der Regel verbindet die Anhänger der Lokalrivalen eine tiefe Abneigung. Doch diesmal geht es um mehr als um Fußball, der inmitten der Corona-Pandemie in Brasilien ohnehin ruht.

          Eine Woche zuvor gab es ein ähnliches Bild in São Paulo. Dort waren es vor allem Anhänger vom Traditionsverein Corinthians, die gegen die Regierung Bolsonaro demonstrierten. Das hat Tradition. Die Corinthians waren einst ein Symbol für den Widerstand gegen die brasilianische Militärdiktatur des vergangenen Jahrhunderts, und ihre Führungsfigur war der begnadete Mittelfeldspieler Socrates. Zu dieser Zeit trug der Verein Botschaften wie „Diretas já“ („Direktwahlen jetzt“) oder „Eu quero votar para presidente“ („Ich will den Präsidenten wählen“) auf der Brust und warb so für einen demokratischen Aufbruch in Brasilien.

          Richtung Autokratie

          Diese Epoche ging als die Zeit der „Democracia Corinthiana“, die Demokratie von Corinthians, in die Geschichte ein. Sie prägt das kulturelle Verständnis des Vereins und seiner Anhängerschaft bis heute. Zwar gewann Socrates nie einen WM-Titel. Er galt aber als Kopf jener WM-Mannschaft von 1982, die zu den besten Nationalauswahlen ohne WM-Pokal zählt. Bis zu seinem Tod 2011 wurde der Fußballer und Kinderarzt von seinen Anhängern wegen seiner Haltung und seiner Fußballkunst verehrt.

          Von einer Militärdiktatur wie im vergangenen Jahrhundert ist das aktuelle Brasilien zwar noch ein gutes Stück entfernt – doch Bolsonaro betreibt offen eine Politik, die das Land wieder in Richtung Autokratie schieben will. In der Regierung haben zahlreiche Militärs das Sagen, der Präsident rief jüngst seine Anhänger zu Demonstrationen gegen die demokratischen Institutionen auf, deren Kontrollfunktion er am liebsten sofort unterbinden will. Das weckt Erinnerungen an dunkle Zeiten und weckt den Widerstandsgeist der Fußballfans, die zu den eifrigsten Demonstranten im Land zählen.

          Und weil das so ist, berichten auch Brasiliens Sportredaktionen über die Proteste, was deren Wirkung innerhalb der Fanszene noch einmal verstärkt. Das Fachblatt „Lance“ etwa räumte den Protesten am Wochenende viel Platz ein. Am zweiten Sonntag nacheinander hatten sich Fangruppen der Corinthians und anderer Klubs in São Paulo getroffen. Auch der reichweitenstarke Sender Globo News zeigte Bilder von der Demo. Inzwischen hat sich die Protestbewegung innerhalb des Fußballs zudem eigene Plattformen geschaffen. In nahezu allen großen Vereinen gibt es eigene antifaschistische Fanklubs, in denen sich Bolsonaro-Kritiker organisiert haben. Sie tragen Namen wie „Vascomunistas“ oder „Populäre Front Alviverde e Coxacomunas“, ihre Logos zeigen Hammer und Sichel oder einen Molotow-Cocktails schmeißenden Aktivisten. Das führt dazu, dass es auch innerhalb der Fangemeinde einen Riss gibt.

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          Denn Bolsonaro hat in den Klubs auch viele Anhänger, die sich von den Antifa-Vereinigungen nicht repräsentiert, sondern sogar zu Unrecht angegriffen fühlen. Sie werfen den Antifa-Klubs vor, ihrerseits linke Diktaturen wie die in Venezuela oder Kuba zu verharmlosen und diese Politikform in Brasilien installieren zu wollen.

          Neymar bricht Schweigen

          Bolsonaro selbst nutzte zuletzt den Fußball zur Propaganda. Nachdem Brasilien bei der Copa América 2019 im eigenen Land erstmals seit Jahren wieder einen Titel gewonnen hatte, ließ er sich strahlend mit der Siegermannschaft fotografieren. Das brachte den Südamerika-Meistern ebenso Kritik ein wie die öffentlichen Treffen des verletzten Superstars Neymar mit Bolsonaro am Rande der Spiele. Bei den Bolsonaro-Anhängern unter den Fans kam dies dagegen gut an.

          Neymar wurde zuletzt außerdem vorgeworfen, dass er lange sowohl zu den jüngsten Anti-Rassismus-Protesten als auch zu den Anti-Bolsonaro-Protesten geschwiegen habe. Vor wenigen Tagen veröffentlichte Neymar dann in den sozialen Netzwerken einen Post, in dem er sich mit der „Black Lives Matter“-Bewegung, die auch in Brasilien einen großen Zulauf erfährt, solidarisierte. Immerhin 1,5 Millionen Menschen quittierten das mit einem Like.

          Brasilien zieht Kandidatur für Frauenfußball-WM 2023 zurück

          Der brasilianische Fußballverband hat zweieinhalb Wochen vor der Vergabe der Frauenfußball-WM 2023 seine Bewerbung zurückgezogen und will nun Kolumbien als einzigen Kandidaten aus Südamerika unterstützen. Das teilte die CBF am Montag (Ortszeit) in einer Mitteilung auf der Verbandshomepage mit. Demnach hätten die für die Veranstaltung des Events notwendigen Garantien der Regierung nicht vorgelegen, hieß es in der Erklärung. Auch Dokumente von Dritten aus dem öffentlichen und privaten Sektor hätten gefehlt. Zur Begründung hieß es unter anderem, dass die Regierung wegen der Corona-Krise notwendige Garantien nicht unterschreiben wolle. Dafür habe man Verständnis. Als Gastgeber-Kandidaten für das Turnier, das der Fußball-Weltverband am 25. Juni vergeben möchte, sind neben Kolumbien nun noch Japan und die Doppel-Bewerbung von Australien und Neuseeland im Rennen. (dpa)

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