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Boykottdebatte : „Ich finde nicht gut, was hier läuft, absolut nicht“

  • -Aktualisiert am

Die Geher testen vor dem „Vogelnest” Bild: AP

Die Boykottdebatte spaltet die deutschen Sportler bei ihren vorolympischen Wettkämpfen in Peking. „Sind die Spiele wichtiger als die Menschenrechte?“, fragt Schütze Ralf Schumann. „Wir sind es leid, die Sündenböcke für die Politik zu spielen“, schimpft dagegen Sonja Pfeilschifter.

          Der Mann mit dem Knopf im Ohr hat keinen Blick für Jared Tallent. Der historische Moment, als der erste Sportler die frischgezogene Ziellinie des Pekinger Olympiastadions überschreitet, spielt sich hinter seinem Rücken ab. Der Mann mit dem Knopf im Ohr hat nur die Zuschauer in seinem Tribünenabschnitt im Blick, und er ist nicht allein. Alle paar Meter sitzt ein grimmiger Aufpasser und wacht, dass bloß kein Zuschauer die Eröffnung des Vogelnestes stört. Der Mann mit dem Knopf im Ohr und seine vielen Kollegen müssen nicht eingreifen. Auf der Tribüne wird keine Tibet-Fahne und kein Protestbanner hervorgezogen, als der australische Geher Tallent nach zwanzig Kilometern durch Peking als erster Leichtathlet zum Zieleinlauf in das Vogelnest einbiegt.

          Das Stadion mit seiner aus gebogenen und in sich verwobenen Stahlträgern geformten Außenhülle ist die Letzte der 31 Pekinger Olympiastätten, sie erlebt an diesem Wochenende ihre sportliche Generalprobe. Nach den Gehern kamen am Sonntag die Marathonläufer im Vogelnest an. Dabei wurden diese vorolympischen Leichtathletik-Wettbewerbe ohne die Weltelite bei extremen Bedingungen zum Härtetest für die Aktiven. Auf der schweren Geherstrecke erreichten nur 14 von 33 Gestarteten über 50 Kilometer das Ziel, der Marathon wurde von Regen und Kälte beeinträchtigt. Bei einem Meeting im Mai werden auch Sprinter, Springer und Speerwerfer die 80.000 Zuschauer fassende Arena testen.

          Freundliche Begrüßung, ernste Gesichter

          So lange wollten Pu Heifeng und ihr Mann Ren Cang nicht warten. Das Ehepaar zählt zu den Ersten, die auf den roten Sitzen im Olympiastadion Platz nehmen dürfen. Nun schwärmen sie vom neuen "Wahrzeichen" ihrer Heimatstadt: "Die Atmosphäre im Stadion ist toll. Rot ist für uns die Farbe des Frühlingsfestes. Und die Farbe des Glücks."

          Auf nichtolympischen Baustellen wird weniger gezahlt, wissen die Arbeiter

          Rot ist auch das Banner, das eine vierzigköpfige deutsche Mannschaft im Foyer des Xinyuan-Hotels empfängt. "Huan Ying", herzlich willkommen zum Weltcup der Schützen. Die freundliche Begrüßung gilt auch Ralf Schumann. Dennoch schaut er ernst: "Ich finde nicht gut, was hier läuft, absolut nicht." Die Schützen sind die ersten deutschen Sportler in Peking seit Beginn der Tibet-Krise Mitte März und seit in Europa ein Boykott der Spiele debattiert wird.

          „Sind diese Spiele wichtiger als die Menschenrechte?“

          Er verstehe das, sagt Schumann, trotz oder gerade wegen seiner eigenen Erfahrungen. Seine erste Medaille gewann er 1988 in Seoul noch für die DDR. Vier Jahre zuvor hatte er zuschauen müssen. Der Ostblock revanchierte sich 1984 für den Boykott des Westens in Moskau 1980. Los Angeles wären seine ersten Spiele gewesen. "Ich weiß, wie man sich fühlt, wenn man als Sportler sich vorbereitet hat und kurz vorher gesagt wird: Stop, geht nicht aus dem und dem Grund. Als junger Mensch ist das mit Sicherheit ganz schwer zu verstehen. Aber man muss sich irgendwo entscheiden. Sind diese Spiele wichtiger als die Menschenrechte?", fragt Schumann mit ruhiger Stimme.

          Seine Karriere kann ein Boykott nicht mehr knicken. Der Pistolenschütze aus Suhl, beim Pekinger Weltcup Vierter, war schon dreimal Olympiasieger. Diese Gelassenheit fehlt Sonja Pfeilschifter. "Wahnsinnig" mache sie die Boykottdiskussion, grantelt die Bayerin. "Wir Sportler sind es leid, die Sündenböcke für die Politik zu spielen. Die Leute meinen, wir müssen das ausbügeln, was Politiker vermasseln." Sonja Pfeilschifter will nach Peking, und sie will aufs Podium, endlich. In Athen reichte es nur zu Platz sechs.

          Nur weg aus China, so schnell wie möglich

          Eine andere Sportart, eine ähnliche Diskussion. Die Haltung zu Tibet und China stellt nicht nur den Teamgeist der deutschen Schützen auf eine Belastungsprobe. Auch die deutschen Degenfechterinnen müssen die politische Krise aushalten, zur gleichen Zeit in derselben Stadt. Die olympische Fechthalle ist Schauplatz der WM der nichtolympischen Mannschaftsdisziplinen. Peking ist Britta Heidemann vertraut, sie hat in China studiert, fliegt alle paar Monate ein, sie spricht die Sprache und ist wegen ihres sicheren Mandarin begehrter Gast in Fernsehshows. Zu Politik werde sie von chinesischen Journalisten nie befragt, nur zu ihrer Person: ob sie zugenommen habe, welche Bücher sie gerne lese, wie viel sie verdiene. Britta Heidemann, der Star der chinesischen Yellow Press.

          Imke Duplitzer dagegen will nur weg aus China, nach Olympia so schnell wie möglich. Sie werde "die Gastfreundschaft des Landes nicht superlang beanspruchen". Kein anderer Olympiakandidat hat Chinas Tibet-Politik offener kritisiert, niemand hat sich früher auf einen Boykott der Eröffnungsfeier festgelegt, den Imke Duplitzer jetzt auch von den Fernsehzuschauern in Deutschland fordert.

          Genervt von Schwarz-weiß-Malerei

          Auch die Kollegin Heidemann kann Duplitzers China-Bild nicht verschönern, trotz vieler Gespräche und trotz eines gemeinsamen Abendessens mit Heidemanns Pekinger Freunden. Das verlief wohl nicht ganz so harmonisch, lassen beide Fechterinnen durchblicken. Dabei habe sie kein Problem mit den oft sehr freundlichen Menschen dieses Milliardenvolkes, betont Duplitzer: "Es hat ja nicht jeder Chinese zu Hause einen Tibeter im Schrank, den er abends zum Spaß prügelt. Was eine Regierung macht und was man als Sportler in der Halle macht, das sind zwei paar Stiefel."

          Duplitzer spricht, Heidemann schweigt, zumindest zum Thema Politik und China. Dazu sei sie in den vergangenen Wochen allzu erschöpfend befragt worden, sagt sie, genervt von Schwarz-weißmalerei. Sie konzentriere sich auf den Sport. Es hat nicht geholfen. Im Halbfinale muss Britta Heidemann den letzten Treffer hinnehmen. Ausgerechnet China stoppt die deutschen Degendamen auf dem Weg zum WM-Sieg. Stunden später können sie wenigstens den Gewinn der Bronzemedaille feiern.

          Auch Zou Zhe hat Grund zur Freude. Vor der Schwimmhalle pflanzt der schmächtige Arbeiter aus der armen Zentralprovinz Henan Bäume, letzte Feinarbeiten am Olympiapark. 50 Yuan, umgerechnet knapp fünf Euro, bekommt er dafür pro Tag. Das sei gut, sagt Zou, auf nichtolympischen Baustellen werde weniger gezahlt: "Ich bin sehr glücklich, hier arbeiten zu dürfen."

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