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Gesperrter Bobpilot Subkow : Wieder Olympiasieger – in Russland

Olympiasieger in engen Grenzen: Alexander Subkow Bild: dpa

Alexander Subkow, lebenslänglich von Olympia ausgeschlossener Bobpilot, ist wieder Olympiasieger von Sotschi. Nur in Russland. Das hat ein Moskauer Gericht entschieden – und dem Rest der Welt gezeigt, dass im russischen Sport eigene Gesetze gelten.

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          Alexander Subkow ist einer der Helden der Winterspiele von Sotschi. Nicht überall auf der Welt, das nicht. Genau genommen gilt er, Sieger der Bobkonkurrenzen in den Bergen des Kaukasus, außerhalb Russlands als einer der Profiteure des staatlichen Doping-Systems, mit dem die Gastgeber 2014 betrogen haben. Deshalb wurden ihm die Siege aberkannt, deshalb wurde er lebenslänglich von Olympischen Spielen ausgeschlossen. In Russland aber ist Alexander Jurjewitsch Subkow immer ein Held geblieben. Und nun ist Subkow auch wieder Olympiasieger. In Russland. Nur in Russland. Das entschied am Mittwoch das Moskauer Stadtgericht, die höchste Instanz der städtischen Justiz in der Hauptstadt der russischen Föderation.

          Katharina Wagner

          Wirtschaftskorrespondentin für Russland und die GUS mit Sitz in Moskau.

          Christoph Becker

          Es erlaubte Subkow, der bei den Olympischen Winterspielen in Sotschi 2014 zwei Goldmedaillen gewann, nicht nur den Titel, sondern auch die Medaillen zu behalten. Beides hatte dem Präsidenten des russischen Bob- und Schlittenverbands der Internationale Sportgerichtshofs (Cas) wegen des Verdachts auf Doping aberkannt. Dagegen hatte Subkow in Russland geklagt, und der Moskauer Richter gab dem Sportler nun statt. Die Nachrichtenagentur „Tass“ hob hervor, dass damit nicht das Urteil des Cas aufgehoben sei, weil das Gericht das gar nicht könne: Es erlaubt Subkow nur, die Entscheidung des Cas in Russland nicht umzusetzen.

          Zur Begründung gab der Richter an, die Entscheidung des Cas fuße auf unbegründeten Vermutungen, denn keiner der Zeugen, auch nicht Grigorij Rodtschenkow, der damalige Leiter der Antidoping-Labore in Moskau und Sotschi und spätere Kronzeuge, habe einen Austausch der Proben als Tatsache bestätigt, für einen solchen Austausch habe es außerdem keine Beweise gegeben. Der Richter berief sich auf die Unschuldsvermutung.

          Während der Verhandlung erklärten Subkows Anwälte, warum im Urin ihres Mandanten keine Spuren von Doping sein konnten, beziehungsweise warum es überhaupt unsinnig sei, einen Sportler wie ihn zu dopen: Subkow sei der Pilot des Bobs, er müsse sich also körperlich nicht verausgaben, zudem habe er die Verantwortung für die Steuerung des Boliden und könne „nichts riskieren“ durch Doping. Subkow selbst verkündete nach der Sitzung, es sei ihm besonders wichtig, den Titel Olympiasieger gerade in Russland zu behalten, denn das sei die „höchste Auszeichnung“, die er mit „sauberem Sport für das Land“ errungen habe. Der Status des Olympiasiegers verleiht ihm aber auch das Recht auf ein lebenslanges Stipendium des russischen Präsidenten. Dessen Auszahlung war nach der Entscheidung des Cas über den Entzug von Medaillen und Titel gestoppt worden. Ungünstig, schließlich war Subkow unter jenen Sportlern, die Wladimir Putin schon am 24. Februar 2014, am Tag nach dem Ende der Spiele von Sotschi, mit dem Verdienstordens für das Vaterland (IV. Klasse, Offiziersrang) ausgezeichnet hatte.

          Laut „Tass“ sagte ein Vertreter des Internationalen Olympischen Komitee (IOC) nun vor Gericht zu der Frage der Rückgabe der Medaillen, bisher hätten sie sich noch nicht mit der Bitte um Rückgabe an Subkow gewandt, und es sei auch unklar, ob sie das tun würden. Subkow sagte demnach: „Wenden Sie sich ruhig an mich, entweder lehne ich ab, oder ich gebe sie freiwillig zurück.“

          Auf Nachfrage der F.A.Z. bestätigte ein Sprecher des Internationalen Olympischen Komitees am Donnerstag, dass Subkow tatsächlich bislang nicht um die Rückgabe seiner beiden Goldmedaillen ersucht worden sei. Das verwundert, schließlich ist die Entscheidung des Internationalen Sportschiedsgerichts seit dem 1. Februar, also seit 294 Tagen in Kraft, die Begründung liegt seit dem 23. April vor. Und Subkow selbst hatte am 2. Juli, vor 142 Tagen also, in einer Erklärung seines Anwalts erklärt, er werde gegen die „unfaire“ Entscheidung des Cas nicht weiter vorgehen, wenn deren Beweise auch „schwach“ seien. Begründung: Er sehe die Notwendigkeit nicht. Im Lichte des Moskauer Urteils verfliegt die trübselige Stimmung der Erklärung von damals, vielmehr liest sie sich nun, als sei sie im Grundvertrauen auf die Justiz der Russischen Föderation verfasst. Das IOC ließ am Donnerstag wissen, man werde die Medaillen von Subkow „bald“ zurückverlangen. Beim Internationalen Bobsportverband hieß es, man werde das Urteil analysieren. Immerhin ist und bleibt Subkow Präsident des russischen Bob-Verbandes. Die Welt-Anti-Doping Agentur (Wada) reagierte indigniert. Man widerspreche dem Urteil eindeutig. Es scheine „gegen rechtliche Grundprinzipien und den Respekt vor Schiedsgerichtsentscheidungen“ zu verstoßen, teilte Wada-Sprecher James Fitzgerald auf F.A.Z.-Anfrage mit. Vor einer detaillierten Beurteilung wolle man jedoch die vollständige Begründung abwarten. Für Wada-Präsident Craig Reedie ist die Moskauer Entscheidung besonders peinlich. Nachdem die Wada-Exekutive im September entschieden hatte, die russische Anti-Doping-Agentur wieder zuzulassen, hatten die Wada-Vertreter mehrfach betont, sie seien sicher, der russische Sport habe Besserung nicht nur gelobt, sondern halte Absprachen ein. Subkows Rückkehr als Olympiasieger belegt, dass im russischen Sport auch fast fünf Jahre nach Putins Party und dem Betrug von Sotschi ganz eigene Regeln gelten.

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