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Boateng bei der UN : „Den Sumpf Rassismus trockenlegen“

Mailänder Gastgeschenk: Kevin-Prince Boateng und die Vorsitzende für Menschenrechte der Vereinten Nationen, Navi Pillay Bild: AFP

Sein größter Auftritt: Fußballprofi Kevin-Prince Boateng ruft bei einer Diskussionsrunde der Vereinten Nationen zu konsequentem Kampf gegen Rassismus auf.

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          Kevin-Prince Boateng trägt einen dunklen Dreiteiler, als er am Donnerstagmittag im Palais des Nations in Genf die Bühne betritt. Die Vereinten Nationen haben den ghanaischen Fußball-Nationalspieler aus Berlin-Wedding eingeladen, um am internationalen Tag gegen Rassismus zu sprechen. Boateng wirkt ein bisschen nervös unter dem Emblem der UN, aber als er dann seine Rede auf Englisch hält, ist davon bald nichts mehr zu spüren. Als er keine zehn Minuten später mit seiner Rede fertig ist, kann man sagen, dass der 26 Jahre alte Mittelfeldspieler des AC Mailand den größten Auftritt seiner Karriere hinter sich hat. In seiner Ansprache forderte er nicht zuletzt die internationalen Fußball-Verbände zu einem konsequenten Kampf gegen Rassismus auf. „Zu glauben, man könnte den Rassismus besiegen, indem man ihn ignoriert, ist der größte Fehler, den wir machen können“, sagte Boateng. Er verglich den Rassismus mit der Malaria und nannte ihn eine Krankheit, gegen die es keine Antibiotika gebe, man müsse in den Sumpf gehen und dagegen ankämpfen. „Wenn wir nicht versuchen, diesen Sumpf trockenzulegen, können viele von den jungen Leuten, die heute noch gesund sind, von einer der gefährlichsten Krankheiten unserer Zeit befallen werden.“

          Michael Horeni
          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Neben Boateng sitzt die Vorsitzende für Menschenrechte der Vereinten Nationen, Navi Pillay, die in ihrer Eingangsrede daran erinnert, dass im Januar zum ersten Mal ein Fußballspiel einer namhaften Mannschaft abgebrochen wurde wegen „nicht tolerierbarer Akte von Rassismus“. Es war Kevin-Prince Boateng, der nach einer knappen halben Stunde den Ball in einem Testspiel gegen einen italienischen Viertligaklub nahm, ihn auf die Tribüne schoss, von der die ständigen rassistischen Beschimpfungen kamen, sein Trikot auszog und den Platz verließ. Seine Mitspieler folgten ihm. Eigentlich hätte die Geste an sich keinen großen Einfluss gehabt, sagt Boateng, aber da seine Mitspieler und der gesamte Klub sich gemeinsam gegen den Rassismus gestellt hätten, habe das Schlagzeilen in der ganzen Welt gemacht.

          Kämpfer Kevin-Prince Boateng: „Zu glauben, man könnte den Rassismus besiegen, indem man ihn ignoriert, ist der größte Fehler, den wir machen können“
          Kämpfer Kevin-Prince Boateng: „Zu glauben, man könnte den Rassismus besiegen, indem man ihn ignoriert, ist der größte Fehler, den wir machen können“ : Bild: AP

          Zur Runde bei den Vereinten Nationen gehörte auch Patrick Vieira, der französische Weltmeister von 1998, der mittlerweile im Management von Manchester United beschäftigt ist. Er gehörte zu den vielen farbigen Sportlern, die Boatengs Aktion weltweit sofort unterstützten. Repräsentanten des Internationalen Fußball-Verbandes (Fifa) und der Europäischen Fußball-Union (Uefa) kündigten auf dem Podium der Vereinten Nationen an, entschieden gegen Rassismus vorzugehen. Es dürfe in Zukunft nicht mehr so sein, dass sich ein Spieler so wie Boateng selbst gegen rassistische Anfeindungen wehren müsse, diese Aufgabe müsse der Schiedsrichter übernehmen, das Reglement lasse Spielunterbrechungen und Spielabbrüche zu. Am Tag vor seinem Auftritt in Genf sagte Boateng im Prozess gegen die Zuschauer aus, die ihn beleidigt hatten. „Rassismus ist nicht nur ein Thema für den History Channel“, sagte er nun in Genf, „Rassismus ist real, und er existiert hier und heute. Man kann ihn in den Straßen finden, bei der Arbeit oder im Fußballstadion.“ An diesem Freitag trifft Boateng mit Fifa-Präsident Blatter zusammen, um über den Kampf gegen Rassismus zu sprechen.

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