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DOSB : Leistungssport bleibt Chefsache

Ole Bischofs neuer Job überrascht manchen: Der Judo Olympiasieger war nicht erste Wahl Bild: Picture-Alliance

DOSB-Präsident Alfons Hörmann holt Judo-Olympiasieger Ole Bischof ins Präsidium. Dessen neuer Job überrascht manchen. Erste Wahl war Bischof nicht. Der große Wurf lässt auf sich warten.

          3 Min.

          Endlich. Frisches Blut für die deutsche Sportpolitik, die Riege gesetzter Herren und reifer Damen - so das Klischee - mit jugendlichem Elan sprengen, mit der Stimme der Athleten im Kreis der Funktionäre. Wer wollte da nicht jubilieren? Ein 35-Jähriger soll einziehen als Vizepräsident für Leistungssport in den Olymp des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB), ein Hochdekorierter mit olympischem Gold von 2008 und Silber von London 2012, der Lorbeer duftet noch frisch: Ole Bischof, der Judoka, um die 80 Kilo Kampfgewicht, standfest, ein Weltmeister der Balance.

          Anno Hecker
          Verantwortlicher Redakteur für Sport.
          Michael Reinsch
          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Als er am Mittwochmorgen in einer Telefonkonferenz über seine konkrete Agenda in der Sportpolitik reden soll, gerät er ins Trudeln: „Ich glaube, die Sportler sollten wieder in den Vordergrund gerückt werden, das ist meine Herzensangelegenheit.“ Zum heiklen Thema, der strafrechtlichen Verfolgung von Athleten im Fall von Doping, wie es die Bundesregierung will, wird er sich erst nach der Wahl äußern. Im Spitzensport muss der „Ist-Zustand“, der „Soll-Zustand“ und die Frage der „Ressourcen“ geklärt werden. Ja, sagt Bischof, nach dem Rücktritt 2012 habe er erst mal zwei Jahre nichts im Sport gemacht: „Die sind jetzt vorbei.“ Willkommen im Führungsamt des DOSB.

          Vizepräsident für Leistungssport? Das galt einmal als der wichtigste Posten rund um das deutsche Schicksal bei Olympia, als die Goldmacher-Position. Mit der Umstrukturierung des DOSB am Wochenende wird das ehrenamtliche Präsidium die operative Arbeit an einen hauptamtlichen Vorstand abgeben und sich in eine Art Aufsichtsrat zurückziehen. Das klingt im ersten Moment nach einem Kreis von Frühstücksdirektoren. Aber die Satzung legt dem Gremium eine schwere Last auf die Schulter: Es soll die politische Strategie entwerfen und die Umsetzung überwachen.

          Also kommen in der gegenwärtigen Krise des Leistungsports eminent wichtige Fragen auf den Volkswirt Bischof zu: Wie ist die Konzentration anderer Länder auf weniger Sportarten zu beantworten, wie muss mit den Olympiastützpunkten umgegangen werden, wie sind die Verbände fitzumachen, wie können Athleten und Trainer im Spiel gehalten werden angesichts der knappen Ressourcen und der geringen Akzeptanz in der Gesellschaft?

          Maßgeschneidertes Profil für Robert Bartko

          Es geht um nicht weniger als die Zukunft des deutschen Spitzensports. Deshalb ist Bischof trotz seiner grandiosen Karriere samt abgeschlossenem Studium der Volkswirtschaft und Anstellung als Berater nicht die erste Wahl. Kanu-Präsident Thomas Konietzko sagte ab, weil er als Chef des internationalen Verbandes zu wenig Zeit für das Projekt im DOSB gehabt hätte. Sein Judo-Kollege Peter Frese wollte gerne, soll mit 60 Jahren aber zu alt sein.

          Hörmann stellt sich einen langfristigen Aufbau vor, mindestens zwei Legislaturperioden. Das geht aus einem Anforderungsprofil hervor. Es scheint wie maßgeschneidert für Robert Bartko: ebenfalls jung, 38 Jahre, ein Olympionike aus dem Radsport mit einem Vorteil gegenüber Bischof. Bartko hat als Vizepräsident für Leistungssport des Landessportbundes Berlin Charisma erkennen lassen und Erfahrungen im Verbandsgeschäft gesammelt, ein weiterer Kern von Hörmanns Anforderungsprofil. Im Geschäft kennt er sich aus.

          Umbaumaßnahmen: DOSB-Präsident Alfons Hörmann
          Umbaumaßnahmen: DOSB-Präsident Alfons Hörmann : Bild: dpa

          „Der DOSB-Vizepräsident hat nie zur Debatte gestanden“, sagte er am Mittwoch in Berlin, als er als neuer Sportdirektor der außer Rand und Band geratenen Deutschen Eisschnell-Laufgemeinschaft vorgestellt wurde. Das war ein Schutzreflex, den Funktionärskollegen als guten Stil werten. Denn Bartko hatte die Einweihung längst hinter sich. Doch erstens hätte seine Doppelfunktion, eine Interessenskollision, Widerstand bei anderen Fachverbänden ausgelöst, und zweitens bestätigte DESG-Präsident Gerd Heinze der Frankfurter Allgemeinen Zeitung am Mittwoch sein Veto. Eine Herkulesaufgabe reicht.

          Nun soll es Bischof richten. Seit drei Wochen, sagt er, sei er involviert, vor wenigen Tagen gab er seine Zusage, als Novize den Sport am Schlafittchen zu packen und in die richtige Position zu rücken. Mancher DOSB-Delegierte nahm die Nachricht am Mittwoch „baff“ zur Kenntnis. Andere zuckten fast hörbar (am Telefon) mit der Schulter.

          Leistungssport war Chefsache – er bleibt es

          „In den vergangenen acht Jahren ist der Posten doch nicht ausgefüllt worden oder konnte nicht ausgefüllt werden von den Personen, die ihn nominell einnahmen“, sagt ein Verbandschef und spielt auf die Realpolitik des ehemaligen Grünen und mächtigen DOSB-Generaldirektors Michael Vesper an. Der und dessen bis Herbst 2013 regierender Präsident Thomas Bach ließen den ehemaligen Reck-Weltmeister Eberhard Gienger wie auch die Schwimm-Präsidentin, Christa Thiel, hier und da repräsentieren, aber in den entscheidenden Fragen nicht mitspielen. Leistungssport war Chefsache - er bleibt es.

          Das erkennt man am Einfluss des DOSB auf den Neuanfang bei den Eisschnellläufern. Und bei der (überfälligen) Entscheidung, auch der hauptamtlichen Leistungssportabteilung des DOSB mit neuem Personal frischen Wind zu verschaffen. Die Weichen werden in diesen Tagen und den kommenden Monaten gestellt, etwa mit der Umsetzung des ambitionierten Olympiaprojektes 2024. Bevor Bischof ein großer Wurf als Funktionär gelingt, werden die Spiele 2016 längst Vergangenheit sein. Vorerst ist mit ihm nur eine gute Hoffnung verbunden: Dass die Jugend ein Gesicht bekommt in der deutschen Sportpolitik und nicht als Galionsfigur verkommt.

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