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Bilanz Japan : Goldplan übererfüllt - Ringe unter den Augen

  • -Aktualisiert am

Japans neue Sportler-Generation ist selbstbewußt Bild: REUTERS

Die japanische Olympiamannschaft hat in Athen die rosigsten Erwartungen übertroffen, 37 Medaillen gewonnen, mehr als je zuvor. Die Japaner sehen das als letzten Beweis: Mit ihrem Land geht es wieder aufwärts.

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          Der olympische Goldregen ist der letzte Beweis, der für viele eigentlich gar nicht mehr nötig war: Mit Japan geht es wieder aufwärts. Die Wirtschaft ist aus ihrer mehr als zehnjährigen Flaute erwacht, die Deflation neigt sich dem Ende. Und die olympische Schmach von Atlanta, die den Rücktritt mehrerer Sportfunktionäre nach sich zog, ist auch so gut wie vergessen.

          Die japanische Olympiamannschaft hat in Athen selbst die rosigsten Erwartungen übertroffen, 37 Medaillen gewonnen, mehr als je zuvor. Mit wiedererstarkter Kraft in Traditionssportarten wie Judo, Ringen, Turnen und Schwimmen errangen japanische Athleten 16mal Gold, so viele Sieger gab es nur 1964, als Tokio der Gastgeber der Sommerspiele war.

          Nach Atlanta 1996, wo die Japaner nicht einmal zwei Prozent der zu vergebenden Medaillen einheimsten, hatten sich Nippons Sportstrategen einen "Goldplan" verordnet. Das ehrgeizige Ziel: 25 Medaillen in Athen und 32 in Peking. Der Plan wurde schneller als erwartet übererfüllt, für China 2008 kann man die Latte jetzt noch höher legen. "Wir wollen mit einem neuen, langfristigen Goldplan aufwarten, um das Momentum zu erhalten", sagte Tsunekazu Takeda, der Präsident des japanischen Olympischen Komitees (JOK), nach der brillanten Vorstellung der Japaner in den vergangenen zwei Wochen. Dies bedeute aber nicht, daß man in vier Jahren eine Verdoppelung der Medaillenzahl anstreben könne. Tatsächlich wäre dies eine schöne Vision, China den Titel als erfolgreichste Sportnation Asiens streitig zu machen. Nicht nur in der Wirtschaft, auch im Sport lehrt der riesige Nachbar Nippon das Fürchten.

          Daß Athen ein Erfolg werden könnte, zeichnete sich schon vor der Eröffnungsfeier ab. Nach der größten japanischen Werbeagentur Dentsu war Olympia im ersten Halbjahr 2004 das im weitesten Sinne erfolgreichste "Produkt", in der Kategorie "Worüber man spricht, was die Konsumenten bewegt", teilte sich Athen mit DVD-Geräten den ersten Platz. Die Resonanz während der Spiele war stark, die Einschaltquoten der Fernsehübertragungen hoch. Athen hatte in Japan einen kleinen Startvorteil, weil es für Olympia dort immer spät war. Wegen des großen Zeitunterschieds konnten sich die meisten Japaner nach der Arbeit live in die Spiele einschalten. Selbst Ministerpräsident Koizumi klagte zufrieden über ein geringeres Schlafpensum.

          Griechenland ist fern, auf den klassischen Kurzurlaubsrouten - in einer Woche quer durch Europa - ist ein Abstecher zur Akropolis nicht vorgesehen, und im internationalen Restaurantführer von Tokio machen griechische Speiselokale sich mehr als rar. Der Austragungsort Athen bekam gute Kritiken, auch wenn im Fernsehen mitunter über die selbst für japanische Verhältnisse heftigen Preise am Ort geklagt wurde. Gelobt wurde dagegen das "warmherzige griechische Publikum".

          Überrascht vom eigenen Erfolg, begann man in Japan schon vor der Schlußzeremonie mit der Ursachenforschung: Zum reichen Medaillenreigen habe die Diversifizierung der Trainingsstrukturen beigetragen, urteilte die angesehene Wirtschaftszeitung "Nihon Keizai". So sind in den vergangenen Jahren überall im Land private Sportklubs aus dem Boden geschossen, die Japans Athleten neben Schulen und firmeneigenen Sportzentren benutzen können.

          Derweil hat die Regierung mehr in die Förderung des Amateursports investiert. Vor drei Jahren eröffnete das japanische Institut für Sportwissenschaften, ein siebenstöckiges Trainingszentrum für Schwimmer, Gewichtheber, Ringer und Turner, ausgerüstet mit modernstem Trainingsgerät und einem isolierten Schlafsaal, dessen Sauerstoffgehalt künstlich reduziert wird. Ein ähnliches, etwas kleineres Projekt entwarf die Wertpapierfirma Globaly, die mehrere Athleten fördert und bei der Japans kleines Marathonwunder Mizuki Noguchi angestellt ist.

          Und noch einen Wandel machen die hiesigen Sportbeobachter aus: eine neue, selbstbewußtere Athleten-Generation, bei der derzeit auch noch die Frauen dominieren - sie gewannen neun der 16 Goldmedaillen. Nippons Sportler verbergen sich nicht mehr hinter der Konformität ihrer Mannschaft, besser als frühere Jahrgänge halten sie dem Erwartungsdruck stand, und mit dem Motto "Dabeisein ist alles" geben sie sich auch nicht mehr zufrieden. Eigenlob und Triumph paßten lange nicht ins Bild, nach einem ungeschriebenen Verhaltenskodex hatte sich ein Sieger zu bescheiden und den Willen zu bekunden, weiter an sich zu arbeiten. Doch der Brustschwimmer Kosuke Kitajima, der aus Athen gleich zweimal Gold mit nach Hause brachte, erklärte frank und frei: "Ich fühle mich verdammt gut."

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