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Missbrauchsskandal im Turnen : Gemieden und beschämt

Kommt nicht zur Ruhe: Das amerikanische Turnen steht noch immer unter dem Trauma des Missbrauchsskandals. Bild: AFP

Einem Untersuchungsbericht zufolge hat das Nationale Olympische Komitee der Vereinigten Staaten entscheidend zum Missbrauchsskandal im amerikanischen Turnen beigetragen. Wohl gleich aus mehreren Gründen.

          Die Spitze des Nationalen Olympischen Komitees der Vereinigten Staaten (Usoc) hat entscheidend dazu beigetragen, dass bei den amerikanischen Sportverbänden ein Umfeld entstehen konnte, in dem der Arzt Larry Nassar zwischen Anfang der Neunziger Jahre und Mitte 2016 gegenüber jungen Sportlerinnen Tausende Male sexuell übergriffig werden und Hunderte missbrauchen konnte. Das ist das Ergebnis des Untersuchungsberichts der Anwaltssozietät Ropes & Gray, der vom Usoc in Auftrag gegeben worden war. Darüber hinaus hält der 233 Seiten umfassende Report fest, dass in den zurückliegenden Jahrzehnten bis in die Gegenwart hinein in vielen amerikanischen Sportverbänden trotz Ansprechpartnern für Missbrauchsfälle „Muster unter den Verbänden entstanden, in denen Überlebende von sexuellem und anderen Formen des Missbrauchs Beschwerdeverfahren gegenüber standen, die schwierig zu durchblicken waren, auf Vorwürfe sexuellen Missbrauchs wenig zugeschnitten waren und die Sportler nicht vor Vergeltung durch die Beschuldigten schützten“.

          In Bezug auf die Missbrauchsfälle im amerikanischen Turnen und den Beitrag der Usoc-Spitze kommt die Untersuchung zu dem Ergebnis, dass der damalige Usoc-Vorstandsvorsitzende Scott Blackmun bereits im Jahr 2015 von Vorwürfen gegen Nassar erfahren hatte. Nassar war Anfang 2018 zu einer kumulativen Gefängnisstrafe zwischen 140 und 360 Jahren verurteilt worden. Er sitzt derzeit in einem Hochsicherheitsgefängnis im Bundesstaat Florida ein. Der Bericht hält fest, dass Nassar letztlich die Verantwortung für seine Taten trage, jedoch „nicht in einem Vakuum“ agierte. Zahlreiche Institutionen und Einzelpersonen haben demnach seine Taten ermöglicht und ihn nicht aufgehalten, darunter Trainer, Mediziner, und Funktionäre der Michigan State University sowie Funktionäre des amerikanischen Turnverbandes und des Usoc.

          Warnsignale ignoriert

          „Diese Institutionen und Individuen haben Warnsignale ignoriert, haben „Grooming“-Verhalten wie aus dem Lehrbuch nicht erkannt und in einigen ungeheuerlichen Fällen Hilferufe von Mädchen und jungen Frauen abgetan. Etliche Polizeibehörden haben es effektiv versäumt einzuschreiten, als sie die Gelegenheit dazu hatten. Als die ersten Überlebenden öffentlich berichteten, wurden einige von ihnen gemieden, beschämt, oder ihnen wurde in ihrem Umfeld nicht geglaubt“, heißt es in dem Bericht.

          Obwohl der Turnverband und das Usoc Mitte Juni 2015 von sexuellem Missbrauch durch Nassar erfuhren, hatte dieser weitere 14 Monate Zugang zu jungen Sportlerinnen, unter anderem an einer High School. Im Juli 2015 haben dem Bericht zufolge Usoc-Chef Blackmun und sein Sportdirektor Alan Ashley von den Vorwürfen erfahren. Sie behielten die Informationen bis September 2016 für sich, als die Zeitung „Indianapolis Star“ darüber berichtete. Blackmun habe weder andere im Usoc-Vorstand informiert noch die Vorwürfe zu untersucht. Als er befragt wurde, gab er den Ermittlern der Sozietät gegenüber an, er habe innerhalb des Usoc im Herbst 2015 ein Team zusammengestellt, um den Vorwürfen nachzugehen. Die Ermittler fanden dafür keinerlei Hinweis. Darauf angesprochen, erwiderte Blackmuns Anwalt, sein Mandant habe sich geirrt.

          „Die Untätigkeit und Verschleierung durch den Turnverband und das Usoc hatten Konsequenzen: Zwischen Sommer 2015 und September 2016 sind Dutzende Mädchen und junger Frauen missbraucht worden“, heißt es im Bericht. Blackmun trat im Februar 2018 als Usoc-Vorstandsvorsitzender zurück. Im Juli 2018 wurde er durch die Vereinigung der Nationalen Olympischen Komitees (Anoc) in das Icas berufen, das Führungsgremium des Internationalen Sportschiedsgerichts Cas in Lausanne.

          Der Bericht hält darüber hinaus fest, dass die dem Turnen auf Eliteniveau „zu Grunde liegenden kulturellen Normen“ gewöhnliche Missbrauchshindernisse „erodieren ließen“ und es „gleichzeitig weniger wahrscheinlich machten, dass Überlebende ihr Schicksal ansprechen. Die Kultur war heftig, streng und unnachgiebig. Sie verlangte Gehorsam gegenüber den Autoritäten. Sie normalisierte intensives körperliches Unbehagen als integralen Bestandteil des Wegs zum Erfolg“. Das Versagen der Verbände sei am Beispiel des Trainingsquartiers der Cheftrainer Bela und Martha Karolyi am deutlichsten versinnbildlicht. Dort, im zentralen Trainingsstützpunkt der amerikanischen Turnerinnen, habe es keine angemessene Aufsicht durch die Verbände gegeben, Nassar haben einen weiten Handlungsspielraum für seine Verbrechen gehabt, „weit weg von den Eltern der Turnerinnen und ungehindert durch irgendeine effektive Kinderschutzmaßnahme“.

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