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IOC-Athletenforum : Alle eingenordet

„Dieses krasse Gegeneinander ist nicht in unserem Sinne“: Max Hartung würde gerne sportpolitisch mit offenem Visier kämpfen. Bild: dpa

Das IOC-Athletenforum zeigt vor allem eins: So gehen Machtausübung und Machterhalt in der Sportpolitik. Die Athletenvertreter fühlen sich überrumpelt.

          Hokuspokus Fidibus! Plötzlich, am Ende zweier langer Konferenztage, zauberte die charmante Assistentin Danka Bartekova einen bunten Strauß von Empfehlungen hervor. Sie winkte mit Papieren, von denen sie rasch einige in Amtssprache verfasste Texte vorlas. Lediglich die Überschriften der neun Kapitel wurden auf dem Bildschirm gezeigt. Dann ließ die IOC-Athletenvertreterin abstimmen. Wer ist dafür? Einige Hände gingen nach oben. Thomas Bach, der Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), schaute sich um. Das reichte natürlich noch nicht. Und wer ist dagegen? Niemand? Wunderbar.

          Evi Simeoni

          Sportredakteurin.

          Immerhin: Ein klein wenig kannten die Teilnehmer am weltgrößten internationalen Athletenforum in Lausanne den Text, den sie da verabschiedeten, schon. Einige Passagen hatte ihnen Bach kurz zuvor in einer mehr als zweistündigen angeblichen Fragestunde ganz ähnlich vorgetragen. Was sie alles nicht wollen sollen, sinngemäß: individuelle Bezahlung fordern für ihren Beitrag zu den Spielen. Oder auf Leute hören, die nicht ins System eingefügt sind. Was sie wollen sollen: Die Überweisung des IOC an ihr Nationales Olympisches Komitee als Team-Bezahlung verstehen und damit zufrieden sein.

          Es gibt noch viel zu lernen

          Wohlgemerkt: Was die Athletensprecher da so Hokuspokus verabschiedeten, waren wiederum Empfehlungen an die IOC-Exekutive, die angebliche Gemeinschaftshaltung zu unterstützen. Den Athleten gewissermaßen dabei zu helfen, sich den bewährten Geldverteilungsmechanismen unterzuordnen. Die Reaktion in diesem fünfzehnköpfigen Führungszirkel dürfte positiv ausfallen, auch wenn ihm nur ein Athletenvertreter angehört. Und ein Geschenk kommt dann auch: 10.000 Dollar für jede nationale und kontinentale Athletenkommission im Jahr.

          Erst am nächsten Morgen beim Frühstück äußerten einige Teilnehmer, die sich überrumpelt fühlten, ihren Unmut. Das sollte also der Konsens sein, den die 350 Leute gemeinsam entwickelt hatten? Sie merkten, dass es noch viel zu lernen gibt: So also gehen Machtausübung und Machterhalt. Bach verließ die Arena am Sonntag als Sieger über seine Kritiker aus Athletenkreisen. Auch die Gefahr, die aus Deutschland drohte, hat er gebannt. Dort hatte das Bundeskartellamt das IOC dazu gebracht, die Regel 40 seiner Charta, die Werbebeschränkungen für Athleten während der Spiele zu lockern. Diese Lockerung gelte nicht für alle Nationen, sagte er in Lausanne. Die Sportler sollten mit ihren Nationalen Olympischen Komitees (NOK) individuelle Lösungen aushandeln.

          Dem Geschäftsmodell droht vorerst keine Gefahr

          Bach kann es den IOC-Vertragspartnern, den Sponsoren, den Weltverbänden und den Rechte-Kunden schriftlich zeigen: Von den Olympia-Teilnehmern droht dem Geschäftsmodell vorerst keine Gefahr. Alle eingenordet. Obwohl in der Fragestunde Dutzende Athletenvertreter nicht zu Wort gekommen waren. Auch Jonathan Koch, der Repräsentant von Athleten Deutschland e.V., meldete sich „wie ein Verrückter“, aber vergeblich. Eigentlich hatte Bach zur Eröffnung den Athleten zugerufen: „Macht eure Stimmen hörbar.“

          In den vergangenen Monaten hatte die unabhängige deutsche Athletenvertretung das Finanzkonstrukt Olympia hinterfragt, Forderungen gestellt und internationale Unterstützung gefunden. Einen „fairen Anteil“ verlangen diese Sportler an den Einnahmen aus Fernseh- und Sponsorengeldern, die zusammen immerhin 5,5 Milliarden Dollar in vier Jahren einbringen. 25 Prozent warfen sie zunächst in den Raum, was nach dem Gießkannen-Prinzip 96.800 Dollar pro Olympia-Teilnehmer bedeuten würde. Verhandlungsgrundlage könnten aber auch schon die Mehreinnahmen aus dem steigenden Olympia-Gewinn sein, damit die bestehenden Systeme, genannt Solidarmodell, aufrechterhalten werden können. Schließlich ernähren sich manche Nationalen Olympischen Komitees und Sportarten hauptsächlich aus dem Olympia-Topf.

          Sportler geben so schnell nicht auf

          Die Verführungskraft solcher Rechnungen erreichte die Versammlung aus Athletenvertretern von NOKs, Weltverbänden, Behindertensport, Welt-Anti-Doping-Agentur und Olympia-Veranstaltern allerdings nie. Schon in der ersten Runde am Samstagvormittag wurde die Linie vorgegeben. Da fragte, fast wie bestellt, eine Basketballspielerin aus Mali, ob die IOC-Experten sie nicht in der aktuellen Diskussion auf das Laufende bringen könnten. Schon warf die IOC-Finanzchefin Lana Haddad, unterstützt vom IOC-Athletenvertreter James Tomkins, die Propagandamaschine an. Dass man, sollte man die Athleten bezahlen, aus dem olympischen Solidarmodell ein Kommerzmodell machen werde. Dass nur eine Handvoll privilegierter Athleten von dem Geld profitieren würde. Dass es viele Sportarten dann nicht mehr bei Olympia gäbe. Dass viele Länder dann nicht mehr teilnehmen könnten.

          „Ich wusste, dass ich mit diesem Thema hier keinen Boden mehr gutmachen würde“, sagt Jonathan Koch. So konzentrierte er sich auf das Netzwerken hinter den Kulissen. Sportler geben so schnell nicht auf. Die Erfahrung mit dem Bundeskartellamt lehrt allerdings, dass die rebellischen Athleten nur mit Hilfe von Institutionen weiterkommen dürften. „Mir wäre das anders lieber“, sagte schon letzte Woche Max Hartung, der Vorsitzende von Athleten Deutschland. „Dass das IOC proaktiv handeln und nicht warten würde, bis die Athleten mit Behörden und auch mit Gerichten Druck machen. Dieses krasse Gegeneinander ist nicht in unserem Sinne. Man könnte doch verhandeln und sich auf einen fairen Kompromiss einigen.“

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