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„Ball des Sports“ : Ein Volltreffer

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Tanzpaar der Ballnacht: Wladimir Klitschko und Katarina Witt Bild: AP

Ouvertüre und Abschied: Eine rauschende Fußballnacht als Vorbote der Weltmeisterschaft. Nach fünf Jahren sagt der „Ball des Sports“: Adieu Frankfurt. 2007 heißt es dann: Hallo Wiesbaden. FAZ.NET-Bildergalerie.

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          Soviel Fußball war noch nie. Aber am Samstag, bei der feierlichen Ouvertüre fürs WM-Jahr, waren es ja auch nur noch 125 Tage bis zum Anstoß des Eröffnungsspiels in München. Ja, ist denn schon Weltmeisterschaft?, hätte Franz Beckenbauer unnachahmlich verschmitzt gefragt, wenn er denn dabeigewesen wäre, jenen Stadiontunnel durchschritten hätte, durch den 2206 Gäste in die Festhalle gelangten.

          Ein Klangteppich zauberte Geräusche hervor, als liefe man gleich hinaus auf den Rasen eines Stadions. Aber drinnen sprießten ja keine Halme, da blühten 500 Strelizien auf festlich gedeckten Tischen. So dekorativ, mit den Stuhlreihen in rot und weiß, also den Frankfurter Farben, hatte sich der Ball des Sports hier noch nie präsentiert.

          Die Dominanz des Balles

          Drei-Sterne-Koch Dieter Müller, der einst vom Vater zu hören bekam „Sonntag wird gekocht, nicht Fußball gespielt“, lebte für diesen einen Abend seinen Spieltrieb aus - mit seinem von ihm kreierten „Kulinarischen Spielfeld“. Zum Dessert fand sich auf dem Teller sogar ein skizziertes Spielfeld mit einem Ball von Tonkabohnenmousse. So verführerisch süß also kann Fußball sein! Ob sich die anderen olympischen Disziplinen ein wenig unterrepräsentiert fühlten? Allenfalls von der Dominanz des Balles bei diesem Ball.

          Tanzpaar der Ballnacht: Wladimir Klitschko und Katarina Witt Bilderstrecke

          1974, einem Februar ebenfalls mit Winterspielen und ein paar Monate später einer Fußball-WM hierzulande, lautete das Motto des Balles „Eine Nacht von Innsbruck“. Deutschland wurde auch ohne die ausdrückliche Huldigung „der größten Bürgerbewegung unseres Landes“ Weltmeister. Dieses Prädikat verlieh Hans Wilhelm Gäb, Vorstandsvorsitzender der Stiftung Deutsche Sporthilfe, in seiner Begrüßungsrede dem Sport.

          Glos quasi als Sturmspitze der Politik

          Nach Josef Neckermann ist der ehemalige Tischtennisspieler der zweite Leistungssportler an der Spitze des Sozialwerk des Sports. Gäb weiß, wovon er spricht, wenn er sagt: „Prägen die Verhaltensweisen im Sport die Regeln unserer Gesellschaft, dann leben wir in einem besseren Land.“ Und Theo Zwanziger, dem Geschäftsführenden Präsidenten des Deutschen Fußball-Bundes, machte er das Kompliment, sich zur „Vielfalt des Sports zu bekennen und den großen Einfluß ihres Verbandes auch für andere einzubringen“.

          Da spielten zwei Doppelpaß, die sich für die Einheit des organisierten Sports, die große, kommende Koalition aus Deutschem Sportbund und Nationalem Olympischen Komitee, stark machen. Die in Berlin regierende Koalition mußte in Frankfurt personell geschwächt antreten, nachdem Vizekanzler Franz Müntefering wegen einer Grippe nicht auflaufen konnte. So agierte Wirtschaftsminister Michael Glos quasi als Sturmspitze der Politik, aber das werden die Ballgäste verkraftet haben.

          Hauptgewinn aus den Händen von Katharina Witt

          Die spannende Frage, was die leibhaftige Opposition in Gestalt von Claudia Roth, der Bundesvorsitzenden Bündnis 90/Die Grünen, trägt, ist wie folgt zu beantworten: schwarzer Paillettenmantel, schwarze, enge Hose. Einen gab es, der schon lange nicht mehr öffentlich aufgetreten war: Sasha mit seiner Mitternachtsshow - ein Comeback nach vier Jahren Bühnenabstinenz, eine Olympiade! Was Bert Rürup, der Chef der Wirtschaftsweisen, wohl zu einer so langen Auszeit meint?

          Die Nachfrage nach Eintrittskarten für diesen gegenüber den Vorjahren „real ausverkauften“ Ball wertete die geballt versammelte Wirtschaftsprominenz jedenfalls als untrügliches Indiz für den Aufschwung. Der Reinerlös von 700.000 Euro, ein Spitzenwert für die Sporthilfe, hatte auch etwas mit der Nachfrage dieser „größten Athletenfete“ (Moderator Johannes B. Kerner) für die Tombola zu tun. Alle spekulierten auf den Hauptgewinn, einen Mercedes der S-Klasse. Den Zündschlüssel übergab Eiskunstlauf-Fee Katarina Witt weit nach Mitternacht.

          Für manche war es schon ein kleines, vollendetes Glück, einen Treffer an der Torwand im Erlebnisfoyer zu landen. In der Diktion des Fußballs war dieser Ball ein Volltreffer. Nach fünf Jahren in der Festhalle hieß es zugleich Abschied zu nehmen von Frankfurt, denn von 2007 an kehrt der Ball dorthin zurück, wo er schon einmal war: nach Wiesbaden. Und vielleicht kehrt ja auch die Trophäe für den Fußball-Weltmeister dorthin zurück, wo sie schon einmal war. Aber das ist schon wieder eine neue Herausforderung für das Land der Ideen, das Deutschland so gern sein möchte.

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