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Russland bei Olympia : Spiele des Zynismus

Wer schwimmt neben mir: Der vermeintliche Betrüger ist immer dabei Bild: AFP

Der IOC-Präsident hat die Chance zu einem machtvollen Statement gegen Doping vertan. Die Entscheidung, Russland zu den Spielen zuzulassen, nimmt den Spielen den tieferen Sinn.

          Was wird ein Schwimmer denken, wenn bei den Olympischen Spielen in Rio auf der Bahn neben ihm ein Russe krault? Es wird ihm schwerfallen, zu glauben, dass der Nachbar nicht ein Posten war im flächendeckenden Staatsplan seines Landes zur Produktion von Medaillen mit Hilfe von Doping und dessen Vertuschung. Da hilft auch kein Persilschein vom Weltverband unter Überwachung eines Juristen. Unser Schwimmer stammt möglicherweise aus einem Land, in dem er einem rigiden Testsystem unterworfen ist, für das er nahtlos seine Aufenthaltsorte dokumentieren und tagtäglich für Tests zur Verfügung stehen muss.

          Womöglich ist er, wie in Deutschland, zusätzlich noch einem Anti-Doping-Gesetz unterworfen. Wie also wird er sich fühlen? Verlassen und verraten von allen, die versprochen haben, ihn zu beschützen vor den pharmazeutisch hochgetunten Konkurrenten. Dass die Herren der Spiele, das Internationale Olympische Komitee (IOC), einen solchen russischen Athleten bei Olympia schwimmen lassen, muss er vielleicht hinnehmen, weil er solchen Beschlüssen gegenüber ohnmächtig ist. Aber er muss IOC-Präsident Thomas Bach nicht auch noch glauben, dass die Zulassung des russischen Teams für Rio dem „Schutz der sauberen Athleten“ diene.

          Diese Behauptung muss dem Schwimmer wie bittere Ironie vorkommen. Und diese bittere Ironie wird die Spiele der XXXI. Olympiade in Rio de Janeiro begleiten, die in einer guten Woche eröffnet werden. Der Präsident wird ihnen am Ende irgendein Verbal-Etikett aufdrücken, wie das Tradition ist. Aber ihren wahren Titel haben sie schon. Es werden die Spiele des Zynismus sein.

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          Nicht dass bei früheren Spielen nicht auch gedopt worden wäre. Nicht dass bei anderen Gelegenheiten nicht auch die Politiker ihre Machtspiele in die olympischen Wettkampfstätten getragen - oder ihre Sportler ferngehalten hätten, um die Gastgeber zu bestrafen. Aber es gab trotz aller Egoismen immer noch einen Konsens, dass dadurch die Olympischen Spiele missbraucht worden seien. Der grundsätzliche gesellschaftliche Wert dieses Großereignisses stand nicht in Frage. Schließlich hat sich Olympia seine eigenen Maßstäbe gesetzt, deren oberster der Respekt vor dem Gegner und damit das Fairplay ist, und diese Maßstäbe konnte man bei all den zahlreichen Verstößen anmahnen.

          Seit Sonntag ist alles anders. Die Spiele in Rio de Janeiro mögen nach außen hin ablaufen wie immer. Sie werden tolle Fernsehbilder liefern von rasanten Wettkämpfen und dem Sport wieder Milliarden einbringen. Aber sie haben ihren tiefen Sinn verloren. Der eigene Maßstab ist weg, der stets die Hoffnung auf Veredelung in sich trug.

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          Mit der Entscheidung des IOC-Präsidenten Bach, sich der russischen Macht zu beugen und ein Land zu den Spielen zuzulassen, das mit krimineller Energie und ohne jeden Skrupel Olympia beschmutzt und verhöhnt und die Winterspiele 2014 in Sotschi in eine klebrige Falle für die eigenen Gäste verwandelt hat, gibt er den Kern dessen preis, was die Spiele von allen anderen Events unterschieden hat. Das Wesentliche. Die Ehre, dabei zu sein. Den Stolz, auf ehrliche Weise zum Erfolg zu kommen. Die Idee, olympische Athleten könnten eine Elite sein weit über die physische Leistungsfähigkeit hinaus.

          Vielleicht war es Zeit, dass die Masken gefallen sind. Die Idee, dass ausgerechnet auf Siege fokussierte Hochleistungssportler eine stärkere Botschaft als den Erfolg selbst transportieren könnten, war ohnehin schon von der rauhen Wirklichkeit ramponiert. Dass sie in Rio einen Aufstand der Athleten inszenieren könnten, weil die Anti-Doping-Systeme ihnen je nach Region absurden Gehorsam abfordern und gleichzeitig völlig ineffektiv sind, ist schwer vorstellbar. Solche Verhaltensweisen widersprechen eigentlich der Persönlichkeitsstruktur der meisten Leistungssportler. Selbst die Chefin der IOC-Athletenkommission mit Sitz in der Exekutive hat sich bei der Russen-Abstimmung enthalten. Mut ist anders.

          Bach behält Russland-Makel

          Stattdessen prägt Resignation diese vorolympischen Tage. Bachs Präsidentschaft, im Jahr 2013 so schwungvoll begonnen, wird für immer den Russland-Makel behalten. Er ist der Präsident, der die Chance hatte zu einem machtvollen Statement gegen Doping und der diese Chance taktischen Überlegungen opferte. Er wird nicht als starker olympischer Führer in die Geschichte eingehen, der den Spielen eine scharfe Kontur gab. Sondern als eine Abwägungs- und Koordinationsstelle verschiedener Partikularinteressen, gewürzt mit allerhand Winkelzügen zum Machterhalt.

          Dieser Eindruck scheint irreversibel zu sein. Und in der russischen Sportführung wird schon wieder gelacht, vor allem über Julija Stepanowa, die Läuferin, die das Doping-System in der Leichtathletik des Landes aufdeckte und wegen ihrer eigenen Doping-Vergangenheit die „ethischen Anforderungen“ an einen Olympia-Athleten angeblich nicht erfüllt. Das klingt jetzt nur noch wie Hohn. In Rio werden wir ein Olympia des Zynismus erleben. Und den Abschied von einem Traum, der nie die Chance hatte, Wirklichkeit zu werden.

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