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IAAF-Skandal : Die Leichtathleten suchen 25 Millionen Dollar

Wie lang sind die dunklen Schatten bei der IAAF wirklich? Bild: AFP

Eine Provision von 100 Prozent? Das Ausmaß der Korruption beim Internationalen Leichtathletikverband wird immer größer. Im Fokus steht nun auch die Olympia-Vergabe an Tokio.

          Bisher war von einer Million Euro die Rede, die Lamine Diack in seiner Zeit als Präsident des Welt-Leichtathletikverbandes IAAF und Mitglied des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) von dopenden Athleten und ihren Agenten erpresste. Womöglich aber hat er zusätzlich 25 Millionen Dollar unterschlagen. Am Verbandssitz soll jedenfalls nach der Summe gesucht werden, die zu zahlen im März 2012 sich die russische Bank VTB verpflichtete. Wie bei Sponsor-Verträgen der IAAF üblich, akquirierte das Geld Pamodzi Marketing in Dakar (Senegal), die Agentur von Papa Massata Diack, dem inzwischen polizeilich gesuchten Sohn des Präsidenten und IOC-Mitglieds Lamine Diack. Bisher sei das Geld in den Büchern und auf den Konten der IAAF nicht gefunden worden, schreibt der Branchendienst Insidethegames.biz.

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Darüber hinaus legt der Report der Unabhängigen Kommission der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada), der am Donnerstag veröffentlicht wurde, den Verdacht nahe, dass Diack senior sein Verhalten bei der Abstimmung über die Olympia-Stadt 2020 im September 2013 davon abhängig gemacht hatte, dass der Kandidat vier bis fünf Millionen Dollar aufbrachte; vorgeblich Sponsorgeld für die IAAF. Im Zusammenhang mit der Erpressung der gedopten türkischen Läuferin Asli Cakir-Alptekin sollen türkische Funktionäre und Khalil Diack, ein weiterer Sohn des Leichtathletik-Präsidenten, Ende 2013 oder Anfang 2014 über die gescheiterte Bewerbung von Istanbul gesprochen haben.

          „Nicht in unserem Aufgabengebiet“

          Darüber heißt es in einer Fußnote des Berichts: „Es wird festgestellt, dass die Türkei die Unterstützung von LD (Lamine Diack) verlor, weil sie nicht Sponsoring-Geld in Höhe von vier bis fünf Millionen Dollar entweder für die Diamond League oder die IAAF zahlte. Laut der Abschrift zahlten die Japaner eine solche Summe. Die Spiele 2020 gingen an Tokio. Die IC (Unabhängige Kommission) ermittelte in dieser Sache nicht weiter, weil es nicht in unserem Aufgabengebiet lag.“ Das Internationale Olympische Komitee hat die Kommission um das Transskript des zitierten Gesprächs gebeten. Die IAAF gewann 2012 Canon als Sponsor seiner World Series; neben Seiko, TDK und Toyota der vierte japanische Sponsor der IAAF.

          „Schockierend, unverständlich und in jeder Hinsicht inakzeptabel“ nannte Alfons Hörmann, der Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes, die Situation. „Vor ein paar Wochen dachten wir bei der Fifa: Schlimmer geht’s nimmer. Aber die Leichtathletik kriegt’s hin.“

          „Es könnte Gründe geben zu glauben, dass führende Offizielle der IAAF und andere, die für sie handelten, von Entscheidungen der IAAF über die Vergabe der Weltmeisterschaften an bestimmte Städte und Ländern profitierten“, heißt es im Bericht der Kommission. Mitglieder der Kommission sagten nach der Präsentation, die französische Polizei untersuche die Vergabe der Leichtathletik-Weltmeisterschaften ebenso wie die Olympia-Vergabe an Tokio. Die Vergaben der WM 2019 nach Doha in Qatar und der WM 2021 ohne Bewerbungsprozess zum Nike-Firmenjubiläum nach Eugene stehen im Verdacht der Manipulation. IAAF-Präsident Sebastian Coe, Nachfolger von Diack, hat, zuletzt gegenüber britischen Parlamentariern, eine externe Untersuchung der Vergaben abgelehnt.

          Auf F.A.Z.-Anfrage zu dem Vorgang erwiderte der Sprecher der IAAF, dass die Beratungsunternehmen Deloitte und Freshfields seit November eine Finanzprüfung des Verbandes vornehmen; sie werde geführt von Paul Deighton, ehemaliger Investmentbanker und Staatssekretär des britischen Finanzministers. Deighton war engster Mitarbeiter von Coe im Organisationskomitee der Olympischen Spiele von London 2012. Die Ergebnisse sollen im März dem Council der IAAF vorgestellt werden.

          Hat er auch Geld unterschlagen? Lamine Diack

          Die Untersuchungskommission verlangt darüber hinaus, dass alle Verträge für Sponsoring und Fernsehrechte sorgfältig geprüft werden, unter besonderer Beachtung der Rolle und der Entlohnung aller Agenten und Berater. Dies hat Coe inzwischen zugesagt. „Insidethegames“ behauptet, die Russen hätten das Geld anderthalb Jahre vor der WM in Moskau aufgebracht, weil Diack mit dem Ertrag der russischen Fernsehrechte nicht zufrieden war. Mit dem Verkauf der Rechte wiederum sollen der russische Verband und sein damaliger Präsident Walentin Balachnitschew das „Dämpfen“ von Doping-Fällen kompensiert haben, vermutet die Kommission.

          Demnach war Balachnitschew auch am Zustandekommen des 25-Millionen-Dollar-Vertrages mit VTB beteiligt; der Russe war Schatzmeister im Präsidium der IAAF und wirkte mit dem Diack-Clan bei der Erpressung russischer Leichtathleten zusammen. Auch sein Sohn verfügte, vermutlich um Zahlungen legitimieren zu können, über eine Marketingagentur, die vorgeblich für die IAAF arbeitete.

          Unterdessen setzte sich Dmitri Schliachtin in einer Stichwahl um die Präsidentschaft des vom Weltverband suspendierten russischen Leichtathletik-Verbandes durch. Schliachtin ist Sportminister des Oblast Samara und will das Amt noch in diesem Jahr wieder aufgeben.

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