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Kommentar zur WM-Aufstockung : Gigantismus nach Fifa-Art

Kühn umgesetzt: Gianni Infantino hat sein Ziel erreicht Bild: Reuters

Der Fußball wird immer größenwahnsinniger: Die Aufstockung des Teilnehmerfeldes auf 48 Teams stellt die sportliche Attraktivität in Frage. Nebenbei lenkt die Debatte um das Turnier von anderen Skandalen ab.

          Erst in knapp zehn Jahren werden Fußball-Weltmeisterschaften mit 16 zusätzlichen Nationen stattfinden. Aber schon jetzt kennt die alte Fußballwelt kein wichtigeres Thema. Die in Zürich auf die Schnelle ausgeheckte und abgehakte WM-Reform, die einigen Profiklubs und Profiligen wie eine WM-Revolution vorkommt, erscheint dabei wie aus Sepp Blatters alter Trickkiste entsprungen. Wenn der frühere Fifa-Präsident oder sein Verband in Not gerieten, dann wusste Blatter lange, wie man die Öffentlichkeit wirkungsvoll ablenkt: mit einer Reform, die die Fußballgemüter erregt. Meistens genügte dafür schon ein Reformvorschlag.

          Sein Nachfolger Gianni Infantino ist nach nicht einmal elf Monaten im Amt in dieser Hinsicht am Dienstag ein sportpolitisch großer Wurf gelungen: Wer empört sich nach der atemraubenden Ausweitung der Weltmeisterschaft vom Jahr 2026 an auf dann 48 Mannschaften jetzt noch über die skandalöse WM-Vergabe an Qatar – und stellt deren Ausrichtung in Frage oder droht gar mit Boykott?

          Auch die ohnehin nur von einer Minderheit eingeforderten Themen wie Good Governance und Transparenz werden angesichts der sich dramatisch verändernden Umstände im Weltfußball immer weniger Konjunktur haben – während Infantino mit einem einzigen Schlag ganz kühn sein Wahlversprechen eingelöst hat und seine Macht ausbaut.

          Letzter Weltmeister im Kleinformat

          Die Fußballwelt wird in den kommenden Monaten und Jahren jedenfalls vollauf damit beschäftigt sein, sich über die WM-Ausgestaltung, den neuen Teilnehmerschlüssel, die Folgen einer XXL-WM für Profiligen und die noch weiter belasteten Superstars Gedanken zu machen. Und dabei wird sich die globale Fußballfamilie mit ihren vielen Vorschlägen immer kräftig beharken, um bei der Neuausrichtung bloß nicht zu kurz zu kommen.

          Um es zynisch zu sagen: Mit Blick auf eine Mega-Weltmeisterschaft, bei der rund 25 Prozent der rund zweihundert Fußballnationen mitspielen werden, wirkt das umstrittene Turnier im Wüstenstaat schon jetzt fast wie eine Reminiszenz an die guten alten, aber vergehenden Fußballzeiten, wenn kurz vor Weihnachten 2022 im überschaubaren Rahmen von 32 Mannschaften auf einer klitzekleinen Fläche, der halben Größe Hessens, der letzte Weltmeister im Kleinformat ausgespielt wird.

          Danach macht sich der Fußball schnurstracks auf den Weg, eine neue Stufe des Gigantismus zu erklimmen. Dass die beiden rivalisierenden Großmächte Vereinigte Staaten (2026) und China (2030) als große Favoriten für die Austragung der ersten beiden Giga-Turniere gelten, macht jetzt schon deutlich, wohin der Fußball als Big Business und Machtfaktor künftig rollt.

          Eine WM mit Teams, Betreuern, Fans und Medien aus 48 Ländern zumindest in der ersten Turnierwoche dürfte zu einem Großereignis werden, das man sich heute ganz konkret kaum vorstellen mag und kann. Nicht nur, was die sportliche Attraktivität angeht, sondern vor allem auch mit Blick auf Stadionbauten, Infrastruktur und Sicherheitsmaßnahmen. Der Fußball in seinem Größenwahn überschreitet Grenzen, nicht nur seine eigenen.

          Michael Horeni

          Korrespondent für Sport in Berlin.

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