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Athletenvertreter mahnen : Olympisches Briefeschreiben

Weht ein Wind der Hoffnung? Die Athleten fürchten um Olympia Bild: dpa

Brief hin und Brief her: Die Athletenvertreter mahnen das zerstörte Vertrauen in IOC und Wada an. Und Thomas Bach, der oberste Olympier, antwortet dem DLV.

          Die wichtigsten Athletenvertreter des olympischen Sports haben dem Internationalen Olympischen Komitee (IOC) und der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) ihr Vertrauen entzogen. Im Zusammenhang mit der Aufdeckung von systematischem Doping in Russland hätten sich die erprobten Verfahren als unzureichend erwiesen, schreiben Claudia Bokel und Beckie Scott gemeinsam an IOC-Präsident Thomas Bach und seinen Stellvertreter Craig Reedie, den Präsidenten der Wada. Für die Untersuchung der Vorgänge von Sotschi, wo während der Olympischen Winterspiele 2014 mehr als hundert Proben gedopter russischer Athleten ausgetauscht worden sein sollen, fordern sie einen unabhängigen Ermittler und größte Transparenz. Das Vertrauen sei zerstört.

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Die ehemalige Fecht-Weltmeisterin Claudia Bokel ist Vorsitzende der Athletenkommission des IOC, die kanadische Olympiasiegerin im Skilanglauf Beckie Scott sitzt der Athletenvertretung der Wada vor. Ihre Besorgnis entspringe dem Bericht der Unabhängigen Untersuchungskommission zum systematischem Doping und zur Korruption in der russischen Leichtathletik sowie dem Bekenntnis des früheren Leiters des Anti-Doping-Labors in Moskau, Gregorij Rodschenkow, schreiben die beiden.

          „Verfahren wurden umgangen, Regeln gebrochen, Proben zerstört, und das Labor in Lausanne ist nicht unbelastet“, heißt es in dem Brief, der vom vergangenen Monat sein soll und den am Mittwoch die britische Zeitung „Guardian“ zitierte. „Darüber hinaus scheinen nationale russische Verbände, Offizielle aus Doping-Bekämpfung, Geheimdienst und Regierung Athleten beim Doping geholfen zu haben. Mindestens ein Teil des Systems hat sich als verkommen erwiesen, wie viel mehr, wissen wir noch nicht.“

          Der Bericht der Unabhängigen Ermittlungsgruppe hat zur Sperre der russischen Leichtathleten für internationale Wettkämpfe und zur Suspendierung der russischen Anti-Doping-Einrichtungen geführt. Der Welt-Leichtathletikverband IAAF wird am Freitag entscheiden, ob der Ausschluss für die Olympischen Spiele in Rio im August aufrechterhalten oder aufgehoben wird. Richard Pound, der die Ermittlungsgruppe leitete, hatte bei der Vorstellung seines Berichtes gesagt: „Dies ist die Spitze des Eisberges.“ Es gebe keinen Grund anzunehmen, dass der Betrug – im Gegensatz zu seinem Mandat – auf Russland und auf die Leichtathletik beschränkt sei. Pounds Ermittler schalteten die französische Justiz in ihre Untersuchungen ein, die seitdem wegen Korruption an der Spitze der IAAF ermittelt; das frühere IOC-Mitglied Lamine Diack, bis August 2015 Präsident der IAAF, ist nur gegen eine hohe Kaution aus der Untersuchungshaft entlassen worden.

          Athleten fordern Transparenz

          Als Beckie Scott von der Wada forderte, das zu tun, was auf der Hand lag, nämlich in weiteren Sportarten und in weiteren Ländern zu ermitteln, vertröstete Reedie sie mit den Worten, er müsse den Bericht ein zweites Mal lesen. Schon beim ersten Mal hätten ihm darin die Belege dafür auffallen können, dass die Wada von gravierenden Unzulänglichkeiten, Manipulationen und dem Einfluss von Staat und Geheimdienst wusste, als sie dem Moskauer Labor die Kontrollen bei den Winterspiele von Moskau übertrug.

          Das Misstrauen der Athleten zeigen auch die Bedingungen, unter denen die Manipulationen von Sotschi aufgeklärt werden sollen. „Von dem Moment an, in dem die Ermittlungen beginnen, müssen die Flaschen und alles weitere Material als Beweismittel eines Kriminalfalls behandelt werden“, heißt es in dem Brief. „Es muss eine Kette von Verantwortlichkeit auf polizeilichem Niveau geben.“ Die Athletenvertreter fordern, dass zusätzlich zu dem von der Wada bestellten Ermittler, dem kanadischen Juristen Richard McLaren, Kronzeuge Rodschenkow sowie weitere Personen bei der Öffnung der Proben von Sotschi anwesend sein sollen und der Vorgang gefilmt und veröffentlicht wird. „Wir fordern dies wie auch weitere Ermittlungen“, heißt es weiter, „nicht weil wir schwierig oder lästig sein wollen, sondern weil das Vertrauen der Athleten in das Anti-Doping-System, in die Wada und ins IOC, zerschmettert ist.“

          Hunderte Sportlerinnen und Sportler hätten sich direkt an sie gewandt, schreiben Claudia Bokel und Beckie Scott. Mehr als zwanzig Sportler-Organisationen, die Tausende Athleten vertreten, haben den Brief unterzeichnet.

          Auch Bach schreibt

          Auch IOC-Präsident Thomas Bach hat derweil einen Brief geschrieben - als Antwort auf den Offenen Brief des DLV-Präsidenten Clemens Prokop. „Herr Bach weist in seinem Schreiben darauf hin, dass die Entscheidung über ein Startrecht russischer Leichtathleten bei den Rio-Spielen in der Hand des Weltverbandes IAAF liege“, sagte DLV-Präsident Clemens Prokop am Mittwoch. „Er schreibt, dass das IOC auf die Entscheidung keinen Einfluss habe, sie aber mit Spannung erwarte.“

          Laut Prokop habe der Chef des Internationalen Olympischen Komitees noch einmal betont, dass für das IOC der Schutz aller sauberen Athleten im Vordergrund stehe. In dem Offenen Brief, den Prokop auf Bitten von Athleten geschrieben hat, mahnte der DLV an, „die Sorge der Athleten ernst zu nehmen und alle Möglichkeiten für glaubwürdige und chancengleiche Wettkämpfe in Rio auszuschöpfen“.

          Die IAAF wird am Freitag in Wien entscheiden, ob Russlands Leichtathleten an den Rio-Spielen teilnehmen dürfen. Nach Aufdeckung eines flächendeckenden Doping-Systems wurde das IAAF-Mitgliedsland  von allen Wettkämpfen suspendiert.

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